Den Ortssinn können wir am besten beim Pferde beobachten, wenn es seine regelmäßigen Fahrten macht. Es bleibt dann mit tödlicher Sicherheit vor dem Hause, in dem der Kunde wohnt, stehen.

Auf dem Lande kennt man allgemein die Fähigkeit der Pferde, den richtigen Platz wiederzufinden. Selbst in Berlin habe ich vor dem Kriege einen solchen Fall mit dem Kutscher eines Bäckermeisters erlebt und vorhin (Kap. [70]) erzählt.

Das Pferd kann weder lesen noch kennt es die Hausnummern. Trotzdem irrt es sich in den Häusern nicht, gleichgültig, ob man die Nummern verdeckt oder nicht.

Beim Hunde können wir den Ortssinn, wie bereits erwähnt wurde, ebenfalls häufig beobachten. Wir Menschen müssen uns Mühe geben, beispielsweise uns die Querstraßen der Friedrichstraße zu merken. Man sollte meinen, daß ein Hund, der nicht lesen kann, sich allein hier niemals zurechtfindet. Das Gegenteil ist der Fall. Wie der früher erwähnte junge Hund von dem Michaelkirchplatz nach Pankow auf schnellem Wege fand, so wurde mir auch von Bekannten versichert, daß ihre Hunde, die zum ersten Male mitgenommen waren, trotzdem die Querstraßen nicht verwechselten. Beispielsweise ließ einer, der in der Zimmerstraße wohnt, absichtlich seinen Hund in der Jägerstraße allein, um ihn beim Rückwege von fern zu beobachten.

Häufig sehen sich zwei Nachbarhäuser zum Verwechseln ähnlich. Der Mensch sieht dann genau hin, um zu prüfen, ob es die richtige Nummer ist. Bei einem Hunde wird man niemals ähnliches beobachten.

Wie sollte sich ein Pferd in der endlosen Steppe ohne Kompaß zurechtfinden, wenn es nicht einen Ortssinn besäße? Die Sonne kann ihm nichts nützen, da es als Nachttier auch in der Dunkelheit finden muß.

Eine wie große Macht der Ortssinn auf das Tier ausübt, konnte man in Amerika recht deutlich an den Prärie-Bisons oder Büffeln sehen. Seit Jahrtausenden machten diese Tiere ihre Wanderungen auf gewissen ganz bestimmten Wegen. Jetzt wurde durch die Ausdehnung der Bevölkerung das Land, auf dem sich ein solcher Weg befand, urbar gemacht und mit Getreide bestellt. Als die Wanderzeit herankam, erschienen die Bisons und liefen mitten durch das Getreide genau an den Stellen, wo früher ihre Wege gewesen waren.

Ohne den Ortssinn der Tiere wäre es undenkbar, daß man ihre Blindheit nicht sofort merkt. Ebenso rührt das Anstaunen des neuen Tores durch eine Kuh von ihrem Ortssinn her, wobei noch hinzukommt, daß ihr Gesicht sehr schwach ist.

[90]. Weitere Vergleiche zwischen Rind und Pferd.