Das in der Nähe der Herde weidende Pferd gibt uns noch Gelegenheit, einige weitere Vergleiche zwischen ihm und den Rindern anzustellen.
Zunächst sehen wir, daß das Pferd einen schmalen Kopf hat im Vergleich zum Rinde, das unser Schiller »breitgestirnt« nennt. Die Erklärung ist folgende.
Ein schneller Renner muß einen schmalen Kopf haben, um die Luft schnell zu durcheilen. Das Rind ist kein schneller Renner, wohl aber das Pferd. Vorteilhaft ist es auch, wenn ein Renner kleine Ohren hat, wie z. B. der Windhund sie besitzt. Aus dem gleichen Grunde trägt das Pferd kleine Ohren.
Wir sehen ferner, daß beide Tierarten ihre Nahrung vom Erdboden aufnehmen. Da Pferde und Rinder eine ziemliche Größe besitzen, so ist das nicht so einfach zu bewerkstelligen. Das Pferd mußte zu diesem Zwecke einen langen Hals und einen langgestreckten Kopf erhalten.
Auch das Rind hat zu diesem Zwecke einen langen Kopf. Sein Hals brauchte nicht so lang wie beim Pferd auszufallen, da es etwas anders gebaut ist.
Die Kuh muß einen gespaltenen Huf haben, weil das Rind seine eigentliche Heimat in feuchten Wäldern hat. Durch sein Gewicht sinkt es etwas in den Boden ein und braucht schon aus diesem Grunde nicht einen so langen Hals wie das Pferd. Denn dieses lebt auf der trockenen Steppe, wo es niemals einsinkt.
Unsere Rinder gehen heute noch mit großem Vergnügen in den Wald. Das ist ein Beweis, daß sie hier ihre eigentliche Heimat finden. Jeder Zweifel wird dadurch ausgeschlossen, daß verwilderte Rinder stets nach Wäldern flüchten und sich dort aufhalten. Kein Haustier verwildert vielleicht so rasch wie das Rind. Es kommt immer wieder vor, daß sich Rinder bei der Beförderung losreißen und die Freiheit erringen, ehe sie wieder ergriffen wurden.
Verwilderte Rinder führen ganz das Leben wie unsere Hirsche. Sie bleiben am Tage im Dickicht des Waldes verborgen und treten mit Einbruch der Dämmerung aus, um sich ihre Nahrung zu suchen.
Weil das Rind auf dem schwankenden Boden des Sumpfes heimisch ist, deshalb steht es gewöhnlich kuhhessig, d. h. seine Sprunggelenke an den Hinterfüßen sind auffallend genähert. Wir wissen, daß das Rind im Gegensatz zum Pferde ein wehrhafter Pflanzenfresser ist. Um dem Gegner auf dem schwankenden Sumpfboden besser standzuhalten, ist bei dem Rinde die Standfläche etwas vergrößert. Genau aus dem gleichen Grunde stellen Leute, die schwere Lasten zu schieben haben wie z. B. die Bäcker, ihre Beine auseinander. Das Rind hat von Natur Kuhhessigkeit, der Mensch nur ausnahmsweise Bäckerbeine.