Bei dem Pferde, das sich in der Regel nicht verteidigt und auf dem harten Boden der Steppe steht, ist Kuhhessigkeit nicht erforderlich und deshalb ein Fehler.
Den langen Kopf brauchen Pferde und Rinder nicht nur deswegen, weil sie ihre Nahrung vom Boden aufnehmen, sondern weil alle Tiere mit feiner Nase, also alle Nasentiere, den Boden erreichen müssen. Denn der größte Vorzug eines Nasentieres ist es, niemals seine Kameraden verlieren zu können. Es braucht nur seine Nase auf die Erde zu setzen und ihnen zu folgen. Augentiere können sich dagegen leicht verlieren. Menschen geraten in die größte Bedrängnis, wenn sie in der Wildnis von ihren Kameraden im Stich gelassen sind.
Je wichtiger ein Sinn ist, desto mehr wird er behütet, je unwichtiger er ist, desto leichter geht er verloren. Weil bei Pferden und Rindern der Geruch der feinste Sinn ist, deshalb wird es schwerlich ein riechunfähiges Pferd oder Rind geben. Dagegen ist Blindheit nicht selten, und namentlich ist Blindheit auf einem Auge ungemein häufig. Dem Menschen ist das schon längst aufgefallen, und es ist daraus die Redensart entstanden: Auf einem Auge war die Kuh blind.
Weil der Geruch bei Pferden und Rindern sehr fein ist, deshalb ist ihre Nase sehr empfindlich. In der Praxis hat man diese Eigentümlichkeit zu folgenden Zwecken ausgenützt. Um Pferde zu operieren, wendet man die Nasenbremse an, welche die Nüstern zusammenquetscht. Dadurch werden so wahnsinnige Schmerzen erregt, daß die Pferde gegen andere Schmerzen unempfindlich sind. Um den Stier zu lenken, zieht man ihm einen Ring durch die Nase. Das Ziehen am Ringe hat wegen der Empfindlichkeit der Nase große Wirkung.
[91]. Geschichten vom Rind.
Bei dem schon erwähnten Schweizer Naturforscher finden wir eine prächtige Schilderung des Rindviehs seiner Heimat. Folgende Stellen davon sollen hier ihren Platz finden:
Den Rindviehherden auf den Alpen fehlt mitunter jede Stallung. Die Kühe treiben sich in den Revieren ihrer Alp umher und weiden das kurze würzige Gras ab, das weder hoch noch reichlich wächst. Fällt im Früh- oder Spätjahr plötzlich Schnee, so sammeln sich die brüllenden Herden vor den Hütten, wo sie kaum Obdach finden, wo ihnen der Senne oft nicht einmal eine Hand voll Heu zu bieten hat. Hochträchtige Kühe müssen oft weit entfernt von menschlichem Beistand kalben und bringen am Abend dem erstaunten Sennen ein volles Euter und ein munteres Kalb vor die Hütte; nicht selten aber gehts auch schlimmer ab. In einigen Kantonen hat man in neuester Zeit endlich die Erbauung ordentlicher Ställe durchgesetzt. Das Leben der »schönen, breitgestirnten, blanken Rinder« auf den »freien Höhen« darf man sich nicht allzu rosig denken.
Und doch ist auch dem schlechtgeschützten Vieh die schöne, ruhige Zeit des Alpenaufenthaltes überaus lieb. Man bringe nur jene große Vorschelle, welche bei der Fahrt auf die Alp und bei der Rückkehr ihre weithin tönende Stimme erschallen läßt, im Frühling unter die Viehherde im Tal, so erregt dies gleich die allgemeine Aufmerksamkeit. Die Kühe sammeln sich brüllend in freudigen Sprüngen und meinen, das Zeichen der Alpfahrt zu vernehmen. Und wenn diese wirklich begonnen wird, wenn die schönste Kuh mit der größten Glocke am bunten Band behangen und wohl mit einem Strauße zwischen den Hörnern geschmückt wird, wenn das Saumroß mit dem Käsekessel und Vorräten bepackt ist, die Melkstühle den Rindern zwischen den Hörnern sitzen, die saubern Sennen ihre Alpenlieder anstimmen und der jauchzende Jodel durchs Tal schallt, dann soll man den trefflichen Humor beobachten, in dem die gut-, oft übermütigen Tiere sich in den Zug reihen und brüllend den Bergen zumarschieren. Im Tal zurückgehaltene Kühe folgen oft unversehens auf eigene Faust den Gefährten auf entfernte Alpen. Freilich ist es bei schönem Wetter auch für eine Kuh gar herrlich hoch im Gebirge. Das Frauenmäntelchen, Mutterkraut, der Alpenwegerich bieten dem schnobernden Tiere die trefflichste und würzigste Nahrung. Die Sonne brennt nicht so heiß wie im Tale. Die lästigen Bremsen quälen das Rind während des Mittagschläfchens nicht und leidet es vielleicht noch von dem Ungeziefer, so sind die zwischen den Tieren ruhig herumlaufenden Stare und gelben Bachstelzen stets bereit, ihnen die erforderlichen Liebesdienste zu erweisen. Die gute, freie Luft schmeckt ihm auch besser als der stinkende Qualm der dumpfigen Ställe, und die stete Bewegung, die natürliche Diät, nach der es frißt, wenn es eben Lust hat und was ihm zusagt, der beliebige Verkehr mit den gehörnten Kolleginnen, alles dies trägt dazu bei, das Vieh munter, frisch und gesund zu erhalten, wie es denn überhaupt Tatsache ist, daß die in mancher Hinsicht so vorteilhafte Stallfütterung den Grund von einer Menge Krankheiten bildet, denen das Alpenvieh nicht anheimfällt. Ebenso geht bei diesem der Prozeß der Fortpflanzung viel regelmäßiger und naturgetreuer vor sich als bei jenem.
Man meint nicht mit Unrecht, das Vieh des Hochgebirges sei klüger und munterer als das des Tales. Das naturgemäße Leben bildet den natürlichen Instinkt besser aus. Das Tier, das fast ganz für sich sorgen muß, ist aufmerksamer, sorgfältiger, hat mehr Gedächtnis als das stets verpflegte. Die Alpkuh weiß jede Staude, jede Pfütze, kennt genau die besseren Grasplätze, weiß die Zeit des Melkens, kennt von fern die Lockstimme des Hüters und naht ihm zutraulich; sie weiß, wann sie Salz bekommt, wann sie zur Hütte und zur Tränke muß. Sie spürt das Nahen des Unwetters, unterscheidet genau die Pflanzen, die ihr nicht zusagen, bewacht und beschützt ihr Junges und meidet achtsam gefährliche Stellen. Letzteres aber geht bei aller Vorsicht doch nicht immer gut ab.
Sehr ausgebildet ist namentlich bei dem schweizerischen Alpenrindvieh jener Ehrgeiz, der das Recht des Stärkeren mit unerbittlicher Strenge handhabt und danach eine Rangordnung aufstellt, der sich alle fügen. Die »Heerkuh«, welche die große Schelle trägt, ist nicht nur die schönste, sondern auch die stärkste der Herde und nimmt bei jedem Umzug unfehlbar den ersten Platz ein, indem keine andere Kuh es wagt, ihr voranzugehen. Ihr folgen die stärksten »Häupter«, gleichsam die Standespersonen der Herde. Wird ein neues Stück zugekauft, so hat es unfehlbar mit jedem Gliede der Genossenschaft einen Hörnerkampf zu bestehen und nach dessen Erfolgen seine Stelle im Zuge einzunehmen. Bei gleicher Stärke setzt es oft böse, hartnäckige Zwiegefechte ab, da die Tiere stundenlang nicht von der Stelle weichen. Die Heerkuh, im Vollgefühl ihrer Vorherrschaft, leitet die weidende Herde, geht zur Hütte voran, und man hat oft bemerkt, daß sie, wenn sie ihres Ranges entsetzt und der Vorschelle beraubt wurde, in eine nicht zu besänftigende Traurigkeit verfiel und ganz krank wurde.