So vertraut die Sennen mit ihrem Vieh sind und so gern eine jede Kuh dem Namen, mit dem sie gerufen wird, folgt, so gibt es doch auch fast in jedem Sommer Stunden der vollen Anarchie, in der alle Ordnung in der Herde reißt und der Senne sie fast nicht mehr zu halten weiß. Wir meinen die Stunden der nächtlichen Hochgewitter, die den Alpenbewohnern wahre Not- und Schreckensstunden sind. Jetzt springen die halbnackten Sennen, die Milcheimer über die Köpfe gestürzt, unter die zerstäubende Schar, johlend, fluchend, lockend und die heilige Mutter anrufend. Aber das tolle Vieh hört und sieht nichts mehr. In schauerlichen Tönen, halb stöhnend, halb brüllend, rennt es blind mit vorgestrecktem Kopfe, den Schwanz in den Lüften, geradeaus. Das ist eine Stunde des Schreckens und Unheils. Die Sennen wissen sich nicht zu helfen; bald schwarze Nacht, bald blendendes Feuer; der Hagel klappert auf dem Eimer und zwickt die nackten Arme und Beine mit scharfen Hieben, während alle Elemente im greulichen Aufruhr sind.

Bei jeder größeren Alpenviehherde befindet sich ein Zuchtstier. Er bewacht sein Vorrecht mit sultanischer Ausschließlichkeit und ausgesprochenster Unduldsamkeit. Es ist selbst für den Sennen nicht ratsam, vor seinen Augen eine rindernde Kuh von der Sennte zu entfernen. In den öfter besuchten tieferen Weiden dürfen nur zahme und gutartige Stiere gehalten werden; in den höheren Alpen trifft man aber oft sehr wilde und gefährliche Tiere. Da stehen sie mit ihrem gedrungenen, markigen Körperbau, ihrem breiten Kopf mit krausem Stirnhaar, am Wege und messen alles fremdartige mit stolzen, jähzornigen Blicken. Besucht ein Fremder, namentlich in Begleitung eines Hundes, die Alp, so bemerkt ihn der Herdenstier schon von weitem und kommt langsam, mit dumpfem Gebrülle heran. Er beobachtet den Menschen mit Mißtrauen und Zeichen großen Unbehagens, und reizt ihn an der Erscheinung desselben zufällig etwas, vielleicht ein rotes Tuch oder ein Stock, so rennt er geradeaus mit tiefgehaltenem Kopfe, den Schwanz in die Höhe geworfen, in Zwischenräumen, wobei er öfter mit den Hörnern Erde aufwirft und dumpf brüllt, auf den vermeintlichen Feind los. Für diesen ist es nun hohe Zeit, sich zur Hütte, hinter Bäume oder Mauern zu retten; denn das gereizte Tier verfolgt ihn mit der hartnäckigsten Leidenschaftlichkeit und bewacht den Ort, wo es den Gegner vermutet, oft stundenlang. Es wäre in diesem Falle töricht, sich verteidigen zu wollen. Mit Stoßen und Schlagen ist wenig auszurichten, und das Tier läßt sich eher in Stücke hauen, ehe es sich vom Kampfe zurückzöge. Selbst unter den Sennen gibt es nur sehr selten Männer, die sich einem solchen Angriffe stellen; nur einmal sahen wir, wie ein Aelpler mit bewundernswerter Kaltblütigkeit einen angreifenden Stier mit der rechten Hand bei einem Horn packte, mit der Linken ihm ins Maul fuhr und die Zunge ergriff, dann diese rasch umdrehte und so den Stier mit herkulischer Kraft herumriß und auf den Boden warf. Später wagte sich das gebändigte Tier nie mehr an einen Menschen. Schlimmer erging es bei einem solchen Stierkampfe dem Wirte auf dem Ofnerpaß (Engadin), Simi Gruber, einem Manne von athletischer Gestalt und großer, auf Bären- und Gemsenjagden oft bewährter Kraft. Er sömmerte auf seinen Bergweiden eine Herde Stiere, von denen er einen als »einen stechenden Stier« kannte und dem er immer sorgsam auswich. Eines Tages wollte er eine Kuh zu den Tieren führen, sah sich aber plötzlich seitwärts von einem Tiere, das er bisher immer für gutartig gehalten hatte, mit den Hörnern gepackt und auf die Erde gestoßen. Hier faßte er den schnaubenden Stier so rasch als möglich mit der einen Hand beim Ohr, mit der anderen an der Nase und warf ihn mit einem kräftigen Ruck nieder. Kaum aber war er wieder auf den Füßen, als auch das wütende Tier wieder aufsprang und ihn zum zweiten Male auf den Boden stieß. In gleicher Weise riß Gruber auch diesmal seinen Feind neben sich nieder und hielt ihn mit Macht so lange auf dem Boden, bis er sich gefaßt hatte, mit raschen Sprüngen sein Bergwirtshaus zu erreichen. Der gebändigte Stier stand auf, kam dumpf brüllend bis an die Tür und wollte nicht weichen. Da nun gerade eine fremde Familie abzureisen beabsichtigte, wollte der Wirt Platz machen, griff zu einem tüchtigen Sparren und trat vor das Haus, um mit einem gewaltigen Hiebe dem Stier ein Horn abzuschlagen. Allein der Stier wich mit einer Seitenbewegung aus, rannte den Mann zum dritten Male nieder, stieß ihn wütend auf der Erde und warf den bewußtlos Gewordenen mit den Hörnern wie einen Ball hinter sich. Dann ging er eine Strecke weiter, blieb wieder stehen, kehrte zu seinem überwundenen Gegner zurück, beroch ihn wiederholt und kehrte nun erst, nachdem er kein Leben mehr in dem Manne gewahrt hatte, auf die Weide zurück. Gruber wurde für tot aufgehoben; als er zum Bewußtsein gebracht worden, zeigte sich's, daß er bei dem Stierkampfe ein Bein gebrochen und mehrere schwere Verletzungen erhalten hatte. Die Bergkühe, die nur ausnahmsweise einen Menschen angreifen werden, zeigen oft heftigen Widerwillen gegen fremde Hunde und vereinigen sich oft zum erbitterten Kampfe, wobei der Gegner es stets vorzieht, mit eingeklemmtem Schwanze das Weite zu suchen.

Die festlichste Zeit für das Alpenrindvieh ist ohne Zweifel der Tag der Alpfahrt, die gewöhnlich im Mai stattfindet, ein Tag, der auch im Leben des Aelplers von Bedeutung ist. Jede der ins Gebirge ziehenden Herden hat ihr Geläut. Die stattlichsten Kühe erhalten, wie bemerkt, die ungeheuren Schellen, die oft über einen Fuß im Durchmesser halten und 40 bis 50 Gulden kosten. Es sind Prunkstücke des Sennen; mit drei oder vier solchen, in harmonischem Verhältnis zueinander stehenden, läutet er von Dorf zu Dorf seine Abfahrt ein. Zwischenhinein tönen die kleineren Erzglocken. Voraus geht ein Handbub mit sauberm Hemde und kurzen gelben Beinkleidern; ihm folgen die Kühe mit dem Herdenstier in bunter Reihe, dann oft etliche Kälber und Ziegen. Den Beschluß macht der Senn mit dem Saumpferde, das die Milchgerätschaften, Bettzeug u. dgl. trägt, und mit buntem Wachstuche bedeckt ist. An diesem Tage besonders ertönt der Kuhreigen, den jeder Alpendistrikt in eigentümlicher Weise besitzt. Es ist dies jener höchst eigentümliche jauchzende Gesang, dessen ältester Text sich nur noch in einzelnen Versen vorfindet, während seine Melodie in stundenlangen Trillern, Jodeln, bald hüpfenden, bald gedehnten Tönen besteht. Etwas anderes ist der einfache Jodel, der keine Worte hat, sondern bloß in schnell wechselnden, oft in der Tiefe anhaltenden und rasch in die Höhe steigenden, seltsamen, melodischen Tonverbindungen besteht, mit denen der Hirte die Kühe herbeilockt, seine Kameraden begrüßt und dessen er sich überhaupt als Fernsprache im Gebirge bedient. Trauriger als die Alpfahrt ist für Vieh und Hirt die Talfahrt, die in ähnlicher Ordnung vor sich geht. Gewöhnlich ist sie das Zeichen der Auflösung des familienartigen Herdenverbandes.

[92]. Welches sind die Feinde des Rindes?

In Europa haben die großen Pflanzenfresser ihre Feinde in den Bären und Wölfen. Der Luchs überfällt nur junge Tiere. In den heißen Ländern sind, wie schon erwähnt, die großen Katzenarten, also namentlich Löwe und Tiger, die gefährlichsten Feinde der Rinder.

Das Benehmen der Schweizer Rinder, falls sie von einem Bären angegriffen werden, schildert unser Gewährsmann folgendermaßen:

Gegenüber den Angriffen der reißenden Tiere, besonders denen der in den südlichen Alpen noch immer allzu häufigen Bären, beweist das Rindvieh des Gebirges feinen Instinkt und festen Mut. Schleicht sich so in der Stille auf leisen, breiten Tatzen ein Bär heran, so wittern bei ruhigem Wetter die Kühe schon von weitem den Mörder, brüllen heftig, eilen gegen die Hütten oder rasseln, wenn sie angebunden sind, so laut und anhaltend mit ihren Ketten, daß die Sennen auf die Gefahr aufmerksam werden. Immer sucht das Raubtier von hinten anzukommen, da auch das halberwachsene Rind im Notfall auf die Kraft seiner Hörner vertraut. Ist es dem Bären aber gelungen, eine Kuh niederzureißen und zu zerfleischen, so sammeln sich die versprengten Kühe sonderbarerweise ziemlich rasch wieder dicht um den Räuber, schauen mit gesenkten Hörnern, heftig schnaubend und von Zeit zu Zeit dumpf aufbrüllend dem Fraße zu, als ob sie Lust hätten, ohne alle Scheu den Feind anzufallen. Nach der Aussage zuverlässiger Leute soll in diesem Falle der Bär sich nicht allzulange beim Mahle aufhalten, und es soll nie geschehen sein, daß er sich an eine zweite Kuh gewagt hätte. Bei anhaltendem Regen und dichtem Nebel wittert aber das Rindvieh die Raubtiere gar nicht, und es sind Beispiele bekannt, wo Bären dicht beim Vieh und den Hütten herumlauerten, ja selbst ein Rind angriffen, verzehrten oder forttrugen, ohne daß die übrige Herde etwas davon merkte oder irgendwelche Bewegung kundgab.

Das tolle Benehmen der Schweizer Kühe bei schweren Gewittern, das vorhin geschildert wurde, dürfte folgenden Grund haben. Wildrinder merken das Herannahen eines solchen Ungewitters rechtzeitig vorher und suchen geschützte Stellen auf. Die Schweizer Kühe sind als Haustiere an einem solchen Verfahren durch den Menschen gehindert. Deshalb geraten sie beim Ausbruch des Gewitters gewissermaßen in Verzweiflung.

Der Anspruch der Heerkuh auf den ersten Platz ist ausführlich geschildert worden. Wir sehen daraus, daß unser Dichter Schiller recht hat, wenn er im Tell sagt:

Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt,
Und nähm ich ihr's (das Band), sie hörte auf zu fressen.