Es ist gewiß auffallend, daß zwei große Pflanzenfresser in dem Punkte grundverschieden sind, daß die Rinder ihre Nahrung wiederkäuen, das Pferd aber nicht.

Der Magen der Wiederkäuer zerfällt in vier Abteilungen, nämlich den Pansen oder Wanst, den Netzmagen oder die Haube, den Blättermagen oder den Psalter und den Labmagen. Zunächst gelangt das Futter in den Pansen und von dort in den Netzmagen. Im Netzmagen wird das Futter erweicht und durch eine Art von Erbrechen in das Maul zurückgeschafft. Im Maule wird es nun gründlich gekaut und geht von hier aus jetzt in den Blättermagen und dann in den Labmagen. Außer den Rindern sind Ziegen und Schafe Wiederkäuer.

Viele nehmen an, daß das Wiederkäuen den Tieren in folgender Weise von Vorteil ist: Hirsche beispielsweise, die ebenfalls Wiederkäuer sind, müßten lange auf der Lichtung fressen, ehe sie alles Futter, das sie brauchen, gekaut haben. Deshalb ist es für sie vorteilhafter, schnell Futter hineinzuschlingen und in Ruhe im Dickicht oder im Walde, wohin sie zurückgeflüchtet sind, zu wiederkäuen.

Unsere Hirsche fressen aber nicht in dieser Weise. Sie treten abends aus dem Walde und bleiben während der Dunkelheit auf den Feldern. Mit Tagesanbruch gehen sie in den Wald zurück. Ist es am Morgen sehr neblig, so bleiben sie draußen. Der Jäger sagt dann: »Heute kneipen die Hirsche durch.« Die Hirsche wissen, daß sie in der Dunkelheit und im Nebel geschützt sind, weil kein Jäger dann auf sie schießen kann.

Das Wiederkäuen dürfte vielmehr den Zweck haben, große, umfangreiche Futtermengen, die nur geringen Nahrungswert haben, für die tierische Nahrung verwendbar zu machen.

Solche Futtermengen findet das Pferd in seiner Heimat, der Steppe, nicht. Deshalb konnte es kein Wiederkäuer werden. Auch wäre ein großer Magen für das Pferd als Renner nicht vorteilhaft gewesen.

Jetzt verstehen wir auch, weshalb die Wiederkäuer oben keine Schneidezähne haben. Mit oberen Schneidezähnen ausgerüstet, würden sie in der Freiheit vielleicht lieber Körner als Massen von Pflanzen und Blättern fressen. Ohne Schneidezähne sind sie aber nicht imstande, ganze Körner gut zu verdauen, während das Pferd mit seinen scharfen Zähnen es vortrefflich kann.

Wir müssen also unseren Kühen Körner geschrotet verabreichen, weil sie sonst regelmäßig unverdaut abgehen.

Alle Wiederkäuer haben eine ausgesprochene Vorliebe für Salz. Vielfach ist es üblich, das neugeborene Kälbchen mit Salz abzureiben, damit es von der Mutter abgeleckt wird.

[95]. Die geistigen Gaben der Rinder.