Die schwachen Beine der Tauben wären natürlich zum Scharren ganz ungeeignet.

Während die Küchlein, wie wir sehen, unter fortwährendem Gepiepe der Mutter folgen, brauchen junge Tauben längere Zeit, ehe sie auf den Beinen stehen. Hühner sind eben Nestflüchter, Tauben sind Nesthocker.

Denselben Unterschied hatten wir bereits bei den Säugetieren. Die Raubtiere, ebenso das Kaninchen, müssen ihre Jungen längere Zeit säugen, ehe sie sich selbständig mit einiger Geschwindigkeit bewegen können. Die Jungen gleichen also den Nesthockern. Bei Pferden, Rindern, Ziegen usw. sind dagegen die Jungen wie bei den Nestflüchtern nach kurzer Zeit imstande, der Mutter zu folgen.

Ueber den Grund der Verschiedenheit war schon früher gesprochen worden (Kap. [65]). Raubtiere können ihre Jungen verteidigen. Das Kaninchen ist mit seinen Jungen leidlich sicher im Bau. Dagegen wären Fohlen, Kälber, Zicklein usw. den Raubtieren ausgeliefert, wenn sie wochenlang brauchten, wie die jungen Hunde und Katzen, um bewegungsfähig zu sein.

Bei den Vögeln liegt die Sache genau so. Diejenigen, die auf Bäumen, Felsen oder in Klüften bauen, sind wie das Kaninchen in seinem Bau vor ihren Feinden leidlich sicher. Deshalb sind ihre Jungen Nesthocker, die längere Zeit brauchen, ehe sie das Nest verlassen können. Anders liegt die Sache bei den Bodenbrütern. Hier ist die Gefahr für die Nachkommenschaft sehr groß. Denn die kletterunfähigen Räuber, also Dachse, Igel, Iltisse, Wildschweine, Füchse, Wölfe könnten das Nest finden und die Jungen fressen, wenn diese Nesthocker wären. Mit den Eiern, die im Neste sind, machen sie es häufig so.

Aus diesem Grunde stehen die Jungen der Hühnervögel, sobald sie das Ei verlassen haben, gleich fertig auf den Beinen.

[144]. Die Mutterliebe der Glucke.

Eine Glucke mit Küchlein unter den Flügeln ist uns Menschen von jeher als ein echtes Bild treuer Mutterliebe erschienen.

Und diese Mutterliebe ist auch bei den vielen Kleinen und den zahllosen Gefahren sehr notwendig. Die Mutter muß von früh bis spät, und erst recht in der Nacht auf ihre Lieblinge achten. Man merkt an dem fortwährenden Gepiepe der Jungen, daß sie Kinder eines Landes mit üppigem Pflanzenwuchs sind. Auf dem fast kahlen Platze ist das fortwährende Piepen gänzlich überflüssig. Die Mutter sieht ja, wo die Kleinen sind. Die kleinen Entchen auf dem Wasser piepen ja auch nur unter besonderen Umständen. In Indien, im üppigen Dschungelwald, ist das Gepiepe dagegen von größter Wichtigkeit, da sonst die Mutter leicht eines von ihren Dutzend Kleinen verlieren könnte.

Die Mutterliebe wandelt die sonst so furchtsame Henne vollkommen um. Ein Hund, ein Knabe wird ohne weiteres angegriffen, wenn er sich ihren Kleinen zu sehr nähert.