Diese Angriffslust der Glucke gegen Raubtiere und Menschen ist im höchsten Grade merkwürdig. Hier liegt nämlich keine Spur von Vererbung vor. Man sollte meinen, daß das ein von den Stammeltern erprobtes Verfahren sei, wie ja auch das weibliche Reh sein Junges gegen den Fuchs verteidigt. Aber die Mütter der Wildhühner, Wildenten und anderer Friedvögel haben sonst eine ganz andere Rettungsart, und das Bankivahuhn wird davon keine Ausnahme machen. Bei Annäherung eines überlegenen Feindes stoßen die besorgten Mütter einen Warnruf aus, worauf die Jungen verschwinden und regungslos auf dem Erdboden liegen bleiben. Sodann geht sie dem Feinde entgegen und stellt sich lahm. Der Gegner will sich den guten Braten nicht entgehen lassen und verfolgt die anscheinend Gelähmte. Diese führt ihn weit fort und ist plötzlich gesund, indem sie zu ihren Kleinen zurückfliegt.
Jetzt wird uns klar, daß die Hühner, wie alle friedlichen Geschöpfe, ihre Augen zu beiden Seiten haben müssen, um vor der Schnauze eines Raubtieres rennen zu können, ohne gehascht zu werden. Bei der Stellung unserer Augen können wir das nicht nachmachen, da wir nicht nach hinten sehen können.
Diese ursprüngliche Rettungsart ist für das Haushuhn zwecklos. Die Jungen können sich auf der blanken Erde nicht verstecken und haben auch nicht die Schutzfärbung der wilden Küchlein. Sie selbst kann aber den Feind nicht in die weite Ferne weglocken, da sie nicht zurückfliegen kann. Auch kann sie ihre Kleinen nicht so lange Zeit den ihnen gerade im Haushalte des Menschen drohenden Gefahren überlassen.
Ausgerechnet das als dumm verschriene Huhn ist zur Rettung seiner Kleinen auf einen neuen Ausweg verfallen.
Von den Küchlein ist es bekannt, daß sie ohne die Wärme der Mutter bald zugrunde gehen. Die Mutter muß sie also in der Nacht und an kalten Tagen unter ihre Flügel nehmen. Diese Frostigkeit scheint uns Menschen sehr unzweckmäßig zu sein. Vielleicht liegt die Sache aber etwas anders. In Fachblättern wurde mehrmals mitgeteilt, daß erstarrte Küchlein in das Küchenfeuer geworfen werden sollten, weil man mit den toten Tieren nichts anfangen konnte. Kaum lagen sie aber einige Minuten auf dem warmen Herd, so wurden sie alle wieder lebendig. Hiernach scheint es fast so, als soll die Frostigkeit bezwecken, daß das Küchlein bald hinfällt. Dann kann es leicht von der Mutter gefunden und wieder zum Leben aufgewärmt werden. Wäre es nicht frostig, so liefe es unendlich weit in die Irre und könnte nicht mehr gerettet werden.
[145]. Warum gehen die Hühner so zeitig schlafen? Die sogenannte Hühnerkieke.
Ursprünglich war es unsere Absicht gewesen, bereits am Tage vorher uns die Hühner anzusehen. Aber wir mußten unser Vorhaben aufgeben, da die Hühner bereits den Stall aufgesucht hatten. Da es noch hell war, ist dieses zeitige Aufsuchen der Schlafstätte recht auffallend. Es ist daher verständlich, daß man von einem sehr soliden Menschen sagt: er geht mit den Hühnern zu Bett.
Obwohl die Vögel sämtlich Augentiere sind, sie sich also alle wie der Mensch in erster Linie nach den Augen richten, so müssen doch ihre Augen verschieden gebaut sein. Denn wir kennen Vögel, die hauptsächlich in der Nacht auf Raub ausgehen, z. B. die Eulen. Die Eulen sind nicht am Tage blind, wie der Volksmund sagt, aber es ist eine Seltenheit, wenn sie bei Tageslicht freiwillig eine Tätigkeit ausüben. Umgekehrt werden Hühner, Sperlinge und viele andere Vögel nur notgedrungen etwas in der Dunkelheit tun. Dazwischen stehen Vögel, die sowohl in der Dunkelheit wie bei Tageslicht tätig sind, z. B. unsere Wildenten, der Große Brachvogel, die Nachtigall usw. Die halbzahmen Wildenten des Berliner Tiergartens kann man oft in tiefer Nacht ihre Nahrung im Kanal beim Scheine der Laternen suchen sehen. Die Vorübergehenden behaupten oft, daß hier eine Anpassung vorliegt. Das ist jedoch ein Irrtum. Enten sind von jeher des Nachts auf Nahrungssuche ausgegangen. Jeder Jäger weiß, daß man sich abends an Teichen aufstellt, um die beim Eintritt der Dunkelheit einfallenden Enten zu schießen.
Man darf wohl mit Recht annehmen, daß die Hühner deshalb so zeitig in den Stall gehen, weil sie in der Dunkelheit gar nichts sehen können. Die Landbewohner behaupten vielfach, daß die Hühner bereits in der Abenddämmerung nichts sehen können. Da es Menschen gibt, die infolge von ungenügender Ernährung in der Abenddämmerung nicht sehen können, so sagt der Landbewohner von ihnen: sie haben die Hühnerkieke. Damit will er sagen, daß die sogenannten nachtblinden Menschen genau wie die Hühner in der Abenddämmerung nichts sehen können.