Man wird überhaupt gegen Versuche und ihre Ergebnisse sehr mißtrauisch, wenn man an frühere Zeiten zurückdenkt.

So lernte ich als Knabe, daß man ein Huhn hypnotisieren, d. h. in einen schlafähnlichen Zustand versetzen kann, wenn man ein Huhn sacht niederdrückt und vor seinen Augen einen geraden Kreidestrich zieht. Selbstverständlich haben wir das auch mit einem unserer Hühner getan und waren überzeugt, daß es hypnotisiert war, als es regungslos sitzen blieb.

Als ich mich später gründlich mit Tieren beschäftigt hatte, wurde mir der ganze Versuch zweifelhaft. Das Sichniederdrücken ist ja die gewöhnliche Rettungsstellung des Huhns. Es ist doch ganz selbstverständlich, daß es in dieser seit Urzeiten üblichen Lage regungslos bleibt.

Besäße man einen zahmen Hasen und legte ihn sorgsam so hin, wie er gewöhnlich in der Sasse sitzt, so würde er natürlich auch regungslos so sitzen bleiben.

Seit Urzeiten weiß das Huhn, der Hase und andere viel verfolgte Friedlinge, daß Regungslosigkeit ihre sicherste Rettung ist. Uns Menschen als Augentieren ist bekannt, daß wir einen sich bewegenden Gegenstand viel eher erkennen als einen ruhenden. Die Augen der Nasentiere können aber, wie wir erörtert haben (Kap. [2]), Bewegungen noch besser wahrnehmen als die unsrigen.

Der Kreidestrich ist also ganz überflüssig. Ebenso ist das Vorhandensein der Hypnose sehr unwahrscheinlich.

Man stelle sich folgende Lage eines Jägers vor, wie sie hin und wieder vorkommt. Er hat stundenlang auf dem Anstand gesessen, und es ist kein Wild gekommen. Er sagt sich also, daß das Warten ganz zwecklos ist. Deshalb will er aufstehen und sich seine Pfeife anzünden. Kaum hat er sich etwas erhoben und nach der Tasche gegriffen, da sieht er plötzlich einen Rehbock mit einer auffallend starken Krone vor sich. Als erfahrener Jäger weiß er, daß, wenn er nicht zur Säule erstarrt, der Rehbock für ihn verloren ist. Das Tier nimmt die Bewegung wahr und flüchtet sofort. Deshalb bleibt der Jäger genau wie er ist, in seiner Lage, so wunderbar es aussieht. Könnte ihn ein Beobachter sehen, der nicht wüßte, worum es sich handelt, so würde er den Jäger für geisteskrank oder für hypnotisiert halten. Er steht regungslos da mit halbgestrecktem Knie und hat die Hand auf dem Rücken liegen. Wir wissen jedoch, daß der Jäger weder irrsinnig noch hypnotisiert ist, sondern höchst zweckmäßig handelt.

Packe ich einen Frosch, so wird er glauben, daß es ihm ans Leben ginge. Bringe ich ein Bein von ihm in eine eigentümliche Lage, so wird er es oft so lassen. Und zwar tut er es nicht, weil er hypnotisiert ist, sondern weil er weiß, wie oft er seine Rettung der Regungslosigkeit verdankt. Der Storch kann ihn übersehen, wenn er regungslos bleibt, und die Ringelnatter packt überhaupt nur nach Geschöpfen, die sich bewegen.

Weil die Bedeutung der Regungslosigkeit im Tierleben dem Kulturmenschen ganz unbekannt ist, deshalb nimmt er überall Hypnose an, wo eine ganz natürliche Handlungsweise vorliegt.

Was ist nun von dem durch einen Kreidestrich hypnotisierten Huhn geblieben, das ich in meiner Jugend als neue Weisheit lernte? Erstens ist der Kreidestrich ganz überflüssig. Zweitens ist das regungslose Sitzenbleiben gar nicht wunderbar, da es die uralte Rettungsart des Huhns ist. Drittens ist das Huhn gar nicht hypnotisiert.