Müssen wir uns heute über die Kunst der Vögel, in Schwärmen zu fliegen, außerordentlich wundern, so kommt noch hinzu, daß wir gar nicht wissen, auf Grund welches Kommandos eigentlich die Schwenkungen ausgeführt werden. Würden wir unseren Kommandoworten ähnliche Laute bei den Tauben hören, so verständen wir wenigstens, weshalb der Schwarm bald so, bald so fliegt. Bei der Entfernung und dem Geklatsche der Flügel können wir nicht das mindeste vernehmen. Bei Starenschwärmen bin ich, da mich die Sache außerordentlich interessierte, in die möglichste Nähe gegangen, habe aber außer dem Surren der Flügel nichts hören können. Immer wieder fragt man sich: Wer gibt denn eigentlich das Kommando zu einer Schwenkung?
Bei Taubenschwärmen kann man übrigens nicht selten beobachten, daß eine Taube den Anschluß versäumt hat, indem sie eine Schwenkung aus Versehen nicht mitgemacht hat. Sie eilt dann in stürmischem Fluge ihren Genossen nach. Zu dieser Eile hat sie auch einen ganz besonderen Grund, denn gerade auf vereinzelte Tauben machen die Raubvögel mit Vorliebe Jagd. Wir kommen darauf im nächsten Kapitel zu sprechen.
Jedenfalls können wir mit eigenen Augen sehen, daß Tauben Schwenkungen gemeinsam ausführen. Wie sie das machen, ist uns vorläufig ein Rätsel. Ich vermute, daß, wie es bei den Säugetieren einen Leitaffen, einen Leithammel und andere Leittiere gibt, so auch bei den Vogelschwärmen ein Leitflieger vorhanden ist, nach dem sich alle anderen richten.
Jedenfalls trifft auch hier die Ansicht nicht zu, daß die Tiere deshalb keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben. Bei Schwarmflügen hätten sie es vielmehr sehr nötig, sich die bevorstehende Schwenkung mitzuteilen.
[160]. Wie retten sich die Tauben vor den Raubvögeln.
In der Großstadt haben wir nur dann eine gewisse Aussicht, die Jagd eines sogenannten Stößers auf Tauben zu beobachten, wenn sich der Himmel im Winter nach dunklen Tagen erhellt. Während des Nebels geht nämlich der Wanderfalk, wie der eigentliche Name des Stößers ist, nicht auf die Jagd. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß er bei Nebel nicht sehen kann, auch keine Tauben findet. Nach einigen Tagen mit bedecktem Himmel hat also der Falk gewaltigen Hunger. Da der Taubenbesitzer seine Tauben fliegen läßt, sobald der Himmel klar ist, so kann man also unter solchen Umständen auf den Anblick einer Taubenjagd rechnen.
Ein Naturforscher, der in Berlin wohnte, hat sehr schön die Taubenjagd des Stößers in Berlin geschildert:
Ein Weibchen des Wanderfalken pflegte am Morgen ruhig und zusammengekauert auf einem Ziegelvorsprunge des Daches der Garnisonkirche zu sitzen. Taubenflüge erfüllen die Luft; der Falk wird erregt und verfolgt mit den Augen die Tauben. Dies währt etwa fünf Minuten, und nun erhebt er sich. Noch gewahren ihn die Tauben nicht; doch er rückt ihnen in wenigen Sekunden so nahe, daß nun plötzlich ihr leichter, ungezwungener Flug sich in ein wirres, ungestümes Fliegen und Steigen verwandelt. Aber unglaublich schnell hat er sie eingeholt und etwa um zehn Meter überstiegen. Nun entfaltet er seine ganze Gewandtheit und Schnelligkeit. In sausendem, schrägem Sturze fällt er auf eine der äußersten hinunter und richtet diesen jähen Angriff so genau, daß er allen verzweifelten Flugwendungen des schnellen Opfers folgt. Aber in dem Augenblicke, als er die Taube ergreifen will, ist sie unter ihm entwischt. Mit der durch den Sturz erlangten Geschwindigkeit steigt er sofort ohne Flügelschlag wieder empor, rüttelt schnell, und ehe zehn Sekunden verflossen sind, ist die Taube von ihm wiederum eingeholt und in derselben Höhe überstiegen, der Angriff in sausendem Sturze mit angezogenen Flügeln erneuert, und die Beute zuckt blutend in den Fängen des Räubers. In wagerechter Richtung fliegt er nun mit ihr ab und verschwindet bald aus dem Gesichtsfelde. Von den übrigen Tauben sieht man noch einzelne in fast Wolkenhöhe wirr umherfliegen, wogegen sich die anderen jäh herabgeworfen und unter dem Schutze ihrer Behausung Sicherheit gefunden haben.
Die Tauben suchen sich also vor dem Raubvogel durch ihren schnellen Flug zu retten. Das nützt ihnen aber nicht viel, denn er ist geschwinder als sie. Aus diesem Grunde flüchten sie nach Möglichkeit nach ihrem Schlag. Der Falk weiß das sehr wohl und schneidet ihnen gern den Rückzug nach dem Schlag ab. Auch dann sind die Tauben noch nicht verloren. Sie steigen so in die Höhe, daß sie oft wie ein weißer Stern erscheinen. Wenn der Falk nicht sehr hungrig ist, dann läßt er sie ungeschoren. Denn, um auf den hoch oben stehenden Taubenschwarm Jagd zu machen, müßte er sie erst überfliegen.