Ich weiß noch heute, wie sehr ich mich als Junge darüber gewundert habe, daß der Stößer die Tauben erst überfliegen muß. Wie ein Mensch dem andern nachläuft und ihn fängt, wie ein Hund den Hasen faßt, so sollte man meinen, müßte auch der Wanderfalk den Tauben nachjagen und sie fangen.
Eine einfache Ueberlegung ergibt das Unsinnige dieser Fangart. Habicht und Sperber verlegen sich allerdings gewöhnlich auf die Ueberraschung. Sie kommen urplötzlich dahergestürmt und schlagen ihrem Opfer die Fänge, d. h. die bewehrten Füße in den Leib. Denn bei allen Raubvögeln sind die Fänge die Hauptwaffe, während der Schnabel hauptsächlich zur Verkleinerung der Beute dient. Der Wanderfalk verläßt sich dagegen in der Regel auf seine Flugfertigkeit. Wie soll er nun ganz oben am Himmel stehenden Tauben durch Verfolgung etwas tun? Um seine Fänge wirken zu lassen, muß er höher als die Tauben stehen. Auch ist er nur dadurch, daß er einer verfolgten Taube die Fänge in die Seiten schlägt, imstande, sie schnell nach seinem Horst zu tragen. Flattert sie noch, so ist es für den Räuber um so vorteilhafter, denn um so leichter ist für ihn die Last.
Weil also der Wanderfalk seine Beute erst überfliegen und von oben stoßen muß, deshalb hat ihn der Berliner »Stößer« getauft.
Mancher wird fragen, warum die Taubenbesitzer ihre Lieblinge nicht im Schlage behalten, wenn der Stößer unter ihnen so furchtbar aufräumt. Die Antwort ist für den Jäger sehr einfach. In Bayern und Oesterreich hat man sämtliche Feinde der Gemsen vernichtet, also Bären, Luchse, Wölfe, Adler und Bartgeier – und was ist die Folge davon? Noch niemals hat es soviele Seuchen unter den Gemsen gegeben wie jetzt. Das ist ja auch ganz einleuchtend. Früher wurden erkrankte Tiere zuerst von den Raubtieren vernichtet, so daß sie die Krankheit nicht weiter verschleppen konnten. Bei den Hasen und Rebhühnern liegt die Sache ähnlich. Es ist natürlich übertrieben, wenn man den Fuchs als Hasenarzt bezeichnet, aber etwas Wahres ist daran. Jedenfalls entarten Tauben, die man nicht ausfliegen läßt. Sie verfallen in Krankheiten, weshalb es richtiger ist, sie ihren natürlichen Feinden auszusetzen, da diese Behandlungsweise sie gesund erhält.
Bei allen Raubvögeln beobachten wir, daß sie zunächst auf Albinos oder weiße oder ungewöhnlich gefleckte Tiere Jagd machen. Albinos sind entartete Geschöpfe, und ihr Wegfangen kann geradezu als ein löbliches Tun bezeichnet werden. Weiße Hühner kann man in einsamen Forsthäusern nicht halten.
Sodann richten alle Raubvögel ihre Angriffe mit Vorliebe auf solche Vögel, die sich vom Schwarm abgesondert haben. Das wird einen Sinn haben – aber welchen?
Wir sehen, daß Tauben und andere Friedvögel, z. B. Stare, sich angesichts ihrer Feinde eng zusammenballen. Vom Standpunkte des Menschen scheint das äußerst töricht zu sein, denn der Raubvogel braucht nur in die Masse hineinzugreifen, dann hat er sicherlich in seinen Fängen eine Beute.
Da der Raubvogel schließlich besser weiß als wir, wie er seine Beute zu erlangen hat, so wird er wissen, weshalb er den einzelnen Vogel verfolgt und die Masse erst im Notfall berücksichtigt.
Selbstverständlich ist es ganz ausgeschlossen, daß ein Taubenschwarm gegen einen Stößer etwas ausrichten kann. Dagegen haben sie ein Verteidigungsmittel gegen ihn zur Hand, auf das der klügste Mensch nicht verfallen wäre.
Ist der Taubenschwarm nämlich hinreichend groß, so stürzen sich alle wie auf Kommando in die Tiefe. Der Falk muß sich dann sehr vorsehen, daß er nicht in dieses Luftloch fällt. In einer ornithologischen Zeitschrift berichtete im vorigen Jahre ein Fachmann, daß vor seinen Augen ein Sperber in das von Staren gebildete Luftloch fiel und infolge des plötzlichen Sturzes betäubt in einer Hecke liegen blieb.