Unsere Flieger wissen, wie gefährlich ein Luftloch ist. Es wird aber den meisten Menschen unbekannt sein, daß Tauben, Stare und andere in Schwärmen fliegende Vögel seit Urzeiten einen künstlichen Lufttrichter bilden, um ihren Erzfeind dort hineinsausen zu lassen.
Die Raubvögel müssen mit diesem künstlichen Trichter böse Erfahrungen gemacht haben. Nur daraus läßt sich erklären, daß der Verfolger regelmäßig so lange wartet, bis sich ein einzelner Vogel vom Schwarme trennt. Auf diesen abgesprengten Vogel wird sofort Jagd gemacht. Daher rührt die ängstliche Sucht der Tauben und Stare, stets beim Schwarme zu bleiben.
Das in Schwärmen Fliegen der Friedvögel ist also eine Verteidigungsart gegen Raubvögel. Ist der Schwarm zu klein, um einen Trichter zu bilden, so stieben die Vögel, wenn der Raubvogel über ihnen steht, manchmal nach allen Seiten auseinander, so daß er in Zweifel gerät, welchen Vogel er verfolgen soll.
[162]. Warum sitzen unsere Haustauben auf Dächern und nicht auf Bäumen? Der Taubenschlag.
Wir haben gesehen, daß die Tauben sich nach ihrem Ausfluge wieder auf dem Dache niedergelassen haben, obwohl nicht weit davon ein prachtvoller Baum steht. Man sollte meinen, daß dem Vogel ein Baum geeigneter zur Ruhe ist als das platte Dach. Sitzen doch unsere Wildtauben, z. B. die schönen großen Ringeltauben, wenn sie auf dem Erdboden nicht nach Nahrung suchen, ständig auf Bäumen.
Die Antwort muß lauten, daß unsere Haustaube von unseren Wildtauben nicht abstammen kann. Wir wissen bereits, daß sie von der am Mittelländischen Meer heimischen Felsentaube abstammt.
Es gibt eine ganze Menge Vogelarten, deren Füße so gestaltet sind, daß sie für Baumzweige nicht geeignet sind. Unsere Feldlerche setzt sich nie auf einen Baum, ebenso die Haubenlerche, der Kiebitz und andere Vögel nicht. Die Zehen sind nicht zum Umspannen runder Zweige geeignet. Sie sind vielmehr zum Laufen auf der glatten Erde geschaffen. Die Haustaube setzt sich nur dann auf einen Baum, wenn die Aeste so stark sind, daß sie eine glatte Fläche bieten. Wenigstens ist das die Regel.
Man ersieht daraus, daß die Anpassung der Tiere an andere Verhältnisse nicht so schnell vor sich geht, wie gewöhnlich angenommen wird. Tauben werden von den Menschen seit Jahrtausenden als Haustiere gehalten. Trotzdem muß der Taubenbesitzer noch heute am Taubenschlage glatte Hölzer für die Taubenfüße anbringen. Das Taubenhaus mit seinen zahlreichen Eingängen ist auch nichts weiter als eine Nachahmung der Felsenhöhlen mit ihren vielen Löchern, in denen die Vorfahren unserer Haustauben früher hausten.