Bei dieser Gelegenheit wollen wir die Frage zu beantworten suchen, wie sich die Brieftauben zu orientieren suchen.

Zur Brieftaube sind solche Tauben geeignet, die sich durch breite Brust, breite und lange Schwingen und große Muskelkraft auszeichnen. Namentlich werden die belgischen Brieftauben geschätzt. Die Geschlechter werden nach der ersten oder zweiten Brut voneinander gesondert, um den Drang nach der alten Heimat besonders zu wecken. Bereits im Altertum war die Benützung von Brieftauben üblich.

Man nimmt allgemein an, daß die Brieftauben genau einen solchen Orientierungs- oder Ortssinn haben, wie ihn ohne Zweifel Säugetiere, also Wölfe, Füchse, ebenso unsere Hunde, Pferde usw., besitzen. Denn ohne einen solchen Ortssinn wären solche Säugetiere nicht in der Lage, ihr altes Lager wiederzufinden. Da obendrein ihre Augen fast ausnahmslos schwach sind und nur wenig über dem Erdboden stehen, so daß ihnen jede weitere Uebersicht fehlt, so ist ein Ortssinn für sie eine unbedingte Notwendigkeit.

Ganz anders liegt die Sache bei den Vögeln. Sie besitzen ein hervorragendes Sehvermögen und haben von ihrer hohen Warte aus eine wunderbare Uebersicht. Sie sehen ihre Umgebung wie auf einer Karte.

Ueberall machen wir die Beobachtung, daß die Natur mit den sparsamsten Mitteln waltet. Hat ein Raubtier ein kräftiges Gebiß, so hat es nicht obendrein Hörner, und ist eine Schlange giftig, so ist sie nicht obendrein kräftig. Alle Riesenschlangen sind daher ungiftig. Haben sie die Kraft zur Ueberwindung ihrer Opfer, so brauchen sie nicht noch obendrein heimtückisches Gift.

Für Tiere mit wirklichem Ortssinn ist es gleichgültig, ob Dunkelheit oder Nebel herrscht. In einem schönen Gedichte sagt unser großer Dichter Goethe:

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.

Natürlich ist damit gemeint, daß das Maultier im Nebel seinen Weg sucht und auch findet. Das bloße Suchen ist ja kein Kunststück. Das verstehen wir auch, aber als Kulturmenschen finden wir den Weg nicht, weil wir den Ortssinn verloren haben, den das Tier noch besitzt.

Der Kulturmensch braucht eben keinen Ortssinn zu seinem Leben, denn er kann sich einen Kompaß und eine Karte anschaffen.

Findet sich nun auch eine Brieftaube im Nebel zurecht? Keineswegs. Wir wissen aus zahlreichen Beobachtungen, daß Brieftauben, die von Luftschiffern mitgenommen waren, sich in den Wolken nicht zurechtfanden. Sie wollen, solange sie von Wolken umgeben sind, das Luftschiff nicht verlassen. Sehen sie aber ein Loch in den Wolken, so fliegen sie schnell hindurch.