Ebenso findet sich die Brieftaube nicht in der Dunkelheit zurecht. Hiergegen spricht nicht, daß Brieftauben ihren Schlag in der Nacht in einer Großstadt gefunden haben. Eine Großstadt sendet in der Dunkelheit ein solches Flammenmeer gen Himmel, daß es gar kein Kunststück ist, bei freier Aussicht sie zu finden.
Weil die Brieftauben sich nach ihren wunderbaren Augen richten, so werden die Wettflüge zunächst auf kurze Entfernungen veranstaltet und allmählich erweitert. Bei Tieren mit Ortssinn wäre ein solches umständliches Verfahren nicht erforderlich. Die Brieftauben aber müssen in dieser Weise eingeübt werden, weil sie sich die nähere und entferntere Umgebung einprägen sollen. Werden sie an einem fremden Ort losgelassen, so steigen sie erst hoch. Sie wollen sich also erst vergewissern, wo sie eigentlich sind. Das ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß sie keinen Ortssinn besitzen.
Steigt man bei klarem Wetter auf einen Aussichtsturm, z. B. auf Rügen, so liegt die ganze Insel wie auf einer Karte uns zu Füßen. Würden sich die Menschen vergegenwärtigen, welchen außerordentlichen Ueberblick die Brieftaube mit ihren viel schärferen Augen besitzt, so würde ihnen das Zurechtfinden der Brieftauben gar nicht wunderbar erscheinen.
[164]. Die Tauben als Vorbilder des Menschen.
Einige Täuberiche machen inzwischen ihren Damen den Hof und verbeugen sich vor ihnen in der artigsten Weise. Dabei lassen sie unablässig ihr kuruh kuruh erschallen.
Der Mensch hat anscheinend von jeher das Liebesleben der Tauben mit besonderem Wohlgefallen betrachtet. Einmal sind die Tauben ohne Frage sehr schön, ferner sanft und in ihrer Nahrung hauptsächlich auf die Pflanzenwelt beschränkt. Sie sind wie geschaffen dazu, um Lieblinge der Frauenwelt zu sein. Ganz besonders mußte den Frauen gefallen, daß der Täuberich nicht nur verliebt gurrt, sondern nachher beim Bebrüten der Eier und der Aufzucht der Jungen treu mitwirkt. Wir wissen, daß bei unsern Säugetieren von einer Tätigkeit des Vaters nichts zu merken ist. Wir haben auch die Gründe auseinandergesetzt, wie sich diese für uns Menschen so auffallende Erscheinung erklärt. Auch der Hahn weiß von Vaterpflichten nichts, wie wir schon besprochen haben. Da ist der Täuberich wirklich eine rühmenswerte Ausnahme. Wahrscheinlich kann er nichts dafür, genau so wie er nichts dafür kann, daß er zu fliegen vermag. Er tut eben das, was seine Vorfahren seit Urzeiten gemacht haben. Die junge Brut kann von der Mutter allein nicht durchgebracht werden. Folglich muß auch der Vater helfen. Denn die Erhaltung der Nachkommenschaft ist für jede Tierart das allerwichtigste.
Vermenschlichen wir die Tiere, so hat der Täuberich tiefere sittliche Grundsätze als der leichtsinnige Hahn mit seiner Paschawirtschaft. Da die Menschen naturgemäß alles von ihrem Standpunkte aus betrachten, so hat man die Tauben vielfach verhimmelt und ihnen Eigenschaften beigelegt, die nicht ganz zutreffen dürften. Auch bei den Tauben kann man Seitensprünge des Ehegatten, große Eifersucht, unglaubliche Zusetzereien und ähnliche weniger erfreuliche Eigentümlichkeiten beobachten. Umgekehrt wird man gern zugeben, daß man staunen muß, wie treu manche Gatten unter den widrigsten Verhältnissen zueinander halten. Selbst die Trennung und die lockendste Versuchung können sie in ihrem Entschlusse nicht wankend machen.
So ist es denn nicht wunderbar, daß Dichter die Taube in überschwenglichster Weise gefeiert haben. Ist ja auch ihr Schnäbeln nach unseren Begriffen von allen unter den Tieren üblichen Zärtlichkeitsausdrücken dem Küssen der Menschen am ähnlichsten.