[191]. Warum fehlt dem Tiere die Sprache?

Im Gegensatz zu andern Papageien lernt der Wellensittich nur ausnahmsweise sprechen. Immerhin soll bei dieser Gelegenheit die so oft aufgeworfene Frage erörtert werden, warum dem Tiere die Sprache fehlt.

Die neueste Auflage von Brehms Tierleben kommt zu dem Ergebnis, daß die Tiere deshalb nicht sprechen, weil sie sich nichts zu sagen haben. Dieses Ergebnis befriedigt nicht, wie schon an verschiedenen Stellen hervorgehoben worden ist. Die Tiere haben sich eine ganze Menge zu sagen. Für alle friedlichen Pflanzenfresser, die in Scharen leben, ist die Mitteilung, daß Gefahr droht, von der größten Wichtigkeit. Zu dieser Mitteilung ist aber eine artikulierte Sprache nicht erforderlich. Es genügt ein Schrei oder ein bestimmter Ausruf, auch das bloße Benehmen ist genügend. Ergreift das Leittier plötzlich die Flucht, so wissen die andern Genossen genau, was das zu bedeuten hat.

Ueberhaupt können die einfachen Bedürfnisse des Tieres fast immer durch das Benehmen angedeutet werden. Kein Mensch, der in einem Lokale eine Mahlzeit verzehrt, und dem ein fremder Hund jeden Happen, den er zum Munde führt, nachzählt – selbstverständlich im bildlichen Ausdruck – ist im Zweifel darüber, was der Hund eigentlich will. Er will etwas abhaben, und zwar je mehr, desto besser. Ein Schweizer Naturforscher erzählt von einem gefangenen Adler, daß dieser den Kopf senkte und dabei mit den Flügeln schüttelte. Sofort verstand er, daß der Adler baden wollte, und brachte ihm eine Wanne mit Wasser.

Das Tier hat also keine Sprache, weil es, wie ohne Zweifel feststeht, auch ohne eine solche bestehen kann.

Für das freilebende Tier, das im Kampfe ums Dasein steht, wäre aber die Verleihung der Sprache eher ein Nachteil als ein Vorteil. Alle Menschen, die gefahrvolle Berufe ausüben, also Seeleute, Luftschiffer, Soldaten, Fischer, Jäger pflegen einsilbig zu sein. Sie wissen alle, daß vieles Reden nicht nur ganz überflüssig, sondern sehr schädlich ist.

Besäßen die Tiere eine Sprache, so kämen sie oft ins Plaudern, und ein plötzlicher Ueberfall durch einen Feind bildete den Schluß des Plauderstündchens.

Dem Tiere fehlt also die Sprache, weil es von ihr fast nur Nachteile und kaum Vorteile hätte.

Uebrigens habe ich niemals begreifen können, weshalb der einfache Mann es bedauert, daß beispielsweise der Hund nicht sprechen kann. Würden sich denn noch Menschen einen Hund halten, wenn er als Plappermaul alles in der Nachbarschaft erzählte, was er bei seinem Herrn und seiner Familie gesehen und erlebt hat?