Manche nennen diese Schnurrhaare Tasthaare. Das ist keine Verbesserung. Betrachtet man genau den Kopf einer Katze, so erblickt man oberhalb der Augen einzelne lange Haare. Das sind reine Tasthaare. Wenn eine Katze in eine dunkle Höhlung kriecht, so zeigen ihr diese Haare an, daß die Höhle zu Ende ist. Ohne diese Tasthaare würde also die Katze Gefahr laufen, mit ihrem Kopfe gegen den Hintergrund anzustoßen. Da der Kopf aller Katzen sehr fest gebaut ist, so wäre das weiter kein Unglück.
Der Hund kriecht in keine Höhlen von Brettern, Bäumen und dergleichen, sondern höchstens in Erdhöhlen. Hier kann ihm aber keine Lebensgefahr drohen. Denn sollte er wirklich einmal festsitzen, so kann er mit Hilfe seiner Grabpfoten sich leicht wieder befreien, indem er die Höhle erweitert. Der Hund braucht also keine Schnurrhaare wie die Katze und besitzt sie deshalb nicht.
Bereits bei Peter (Kapitel [7]) wurde erzählt, daß der Hund Grab- und Rennpfoten hat. Im Gegensatz hierzu hat August als Katze einziehbare Krallen an seiner Pranke, d. h. seiner bewehrten Pfote. Das Einziehen der Krallen hat zwar den Vorzug, den Tritt unhörbar zu machen, aber zum Graben in einem harten Boden sind einziehbare Krallen nicht geeignet.
Obwohl also Hund und Katze beide früher Raubtiere waren, sehen sie deshalb sehr verschieden aus, weil sie sich auf ganz verschiedene Art ihren Nahrungserwerb suchen. Der Hund mit seiner offenen Gewalt erinnert an einen mit dröhnenden Schritten auftretenden Kürassier, während uns bei der formgefälligen Katze die Gestalt eines Tanzmeisters einfällt. Auch bei Pferden und Rindern finden wir einen ähnlichen Unterschied, obwohl beide Geschöpfe friedliche Pflanzenfresser sind und oft zusammen weiden.
[32]. Das Schmeicheln der Katze. Ist die Katze falsch?
»Schmeichelkätzchen« ist eine sehr bekannte Bezeichnung für einen Menschen, der sich wie eine schmeichelnde Katze bei einem anderen in Gunst setzen will. Bei August haben wir dieses Schmeicheln als Reiben an den Kleidern seiner Herrin beobachtet.
Ohne Zweifel ist das eine Art der Katzen, sich beliebt zu machen. Im Zoologischen Garten können wir das gegenseitige Reiben zwischen Löwe und Löwin oft wahrnehmen, wenn sie aneinander vorüberschreiten. Da Raubtiere sich mit ihrem großen Rachen nicht küssen können, so entspräche dieses gegenseitige Reiben einem Kusse. Das merkwürdig feine Haar der Katzen scheint für solche Zärtlichkeiten besonders geeignet zu sein.
Der Hund besitzt dagegen dieses feine Katzenhaar nicht. Er wählt daher einen anderen Weg. Er springt an uns empor. Das ist, wenn der Hund schmutzige Pfoten besitzt, und der Mensch eine saubere Hose angezogen hat, was in der Stadt sehr häufig vorkommt, für uns nicht gerade sehr angenehm. Was bezweckt der Hund mit dem Anspringen? Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß der Hund uns noch näher kommen will. Der eigentliche Mensch sitzt wohl nach seiner Auffassung im Kopfe, denn dem nähert er sich mit Vorliebe und sucht uns zu belecken. Darin bestärkt wird er wohl dadurch, daß gerade aus dem Kopfe unsere Stimme ertönt.
Bekannt ist es, daß eine Katze, die einem Menschen ihre Zuneigung durch Schmeicheln bewiesen hat, wie es August vor unseren Augen getan hat, nicht selten kurze Zeit darauf denselben Menschen kratzt, wenn dieser sie neckt. Weil das ein alter Erfahrungssatz ist, so gilt die Katze allgemein als falsch. Ist das richtig?