Allerdings kann man manchen Hund nach Belieben prügeln, und er wird trotzdem seinem Herrn anhänglich und treu sein. Man spricht daher von einer Hundedemut, weil es unseren sonstigen Erfahrungen widerspricht, daß ein Geschöpf für tägliche Prügel sich noch unterwürfig und ergeben zeigt. Wer ebenso mit einer Katze verfahren will, der kommt an die unrichtige Stelle. Der Hund ist allerdings eine Sklavennatur, die Katze dagegen eine Herrennatur. Sich von dem Menschen prügeln zu lassen, weil dieser grade schlechter Stimmung ist, fällt der Katze nicht ein. Sie wehrt sich dagegen und kratzt den Angreifer. Der ist höchlichst erstaunt, weil er denkt: Was sich ein Hund gefallen läßt, muß sich doch auch eine Katze bieten lassen. Da das nicht der Fall ist, so schilt er die Katze als falsch.

Warum ist nun der Hund demütig wie ein Sklave, die Katze dagegen stolz wie ein Herrenmensch?

Wir wissen schon, daß wir wieder bei den wilden Verwandten nachforschen müssen, wenn wir Auskunft hierüber haben wollen. Schon früher (vgl. Kap. [11]) wurde davon erzählt, eine wie strenge Zucht der Leiter eines Rudels bei den Eskimohunden hält. Dieser Leiter, der sogenannte Baas, straft umgehend durch Bisse jeden, der sich irgendeine Unregelmäßigkeit zuschulden kommen läßt. Von Wolfsrudeln hören wir genau das gleiche. Als Beispiel sei folgendes angeführt. Wenn die Wölfe wandern, so tritt jeder einzelne Wolf jedesmal in die Spuren des Vordermanns, damit es den Eindruck erweckt, als sei nur ein einzelner Wolf den Weg entlanggelaufen. Wehe dem Wolfe, der aus Sorglosigkeit oder Unachtsamkeit daneben tritt. Er wird nach den übereinstimmenden Berichten von dem Leiter des Rudels, dem stärksten Wolfe, zerrissen.

Der Hund hat also seit Urzeiten einen unbeschränkten Herrn über sich gehabt, gegen den es keinen Richterspruch gab, und von dem er widerstandslos alles erdulden mußte. Nur die Gewalt, die Stärke, vermochte etwas gegen seinen Vorgesetzten anzurichten. So kennt der Hund es nicht anders, als sich alles von dem Stärkeren gefallen zu lassen.

Die Wildkatze dagegen lebt nicht in Rudeln, sondern allein. Auch unsere Katze ist daher eine Einzelgängerin geblieben. Eine Unterordnung unter einem Vorgesetzten hat sie niemals kennengelernt. Deshalb ist sie eine Herrennatur geblieben.

Falsch kann also nur der die Katze nennen, der auf dem Standpunkt steht, daß die Katze sich alles wie ein Hund gefallen lassen müsse.

[33]. Warum schlingt der Hund, während die Katze gesittet frißt?

Von Peter sahen wir, daß er ein Stück verwestes Fleisch im Nu hinunterschlang, während August langsam wie ein gut erzogener Mensch kaut. Für uns Menschen ist es ein naheliegender Gedanke, diese Verschiedenheit darauf zurückzuführen, daß die Katze das gesittete Essen dem Menschen abgesehen hat, während der Hund darin ein unbelehrbarer Tropf geblieben ist.

Diese Ansicht ist schon aus dem Grunde nicht wahrscheinlich, weil die Katze im Vergleich zu dem Hunde erst ein sehr junges Haustier ist. Auch hier ist die Lebensweise der Verwandten ausschlaggebend gewesen.

Wer, wie die Wildkatze, einzeln lebt, braucht sich bei der Mahlzeit nicht zu sputen. Es wird ihm deshalb kein Happen fortgenommen, und die Beute schmeckt desto besser. Wer dagegen im Rudel schmaust, wie die Wildhunde, der muß sich sputen. Sonst geht er leer aus.