Wir wollen jetzt von August, dem Kater im Kohlenkeller, Abschied nehmen und ein befreundetes Katzenfräulein aufsuchen, um die Eigenarten der Katze weiter zu beobachten. Fräulein Bachmann – das ist der Name des Katzenfräuleins – ist wie der »Katzenmann« eine große Tierfreundin und namentlich eine Verehrerin von Katzen. Selbst jetzt in den schlechten Zeiten hat sie sich von ihrem Kater Hans nicht trennen können. Allerdings muß jetzt Hans ebenfalls arbeiten, was aber kein Nachteil für ihn ist – im Gegenteil, ihm außerordentlich gut bekommt. In der Nachbarschaft ist nämlich ein Holz- und Kohlenplatz. Dort wird Hans abends hingebracht, damit er während der Nachtzeit Mäuse fängt.
Fräulein Bachmann, der bei ihrer auffallenden Rüstigkeit niemand ansieht, daß sie bald 60 Jahre alt wird, stellt uns das Wundertier Hans vor, und wir müssen zunächst geduldig und in Ergebenheit alle seine ans Märchenhafte grenzenden hervorragenden Eigenschaften mit anhören. Natürlich ist er von vorbildlicher Reinlichkeit, und alles an ihm ist schön.
Wir können auf Hans keinen abstoßenden Eindruck gemacht haben, denn nach nicht langer Zeit beginnt er, während er bequem auf dem Schoße seiner Herrin liegt, behaglich zu schnurren.
Dieses Schnurren entsteht nach den Angaben naturgeschichtlicher Werke durch Falten im Kehlkopf.
Der Zweck des Schnurrens wäre nicht zu verstehen, wenn die Katzen ständig allein lebten. Aber auch sie haben Zeiten, wo sie paarweise hausen. Dann ist es wichtig, daß der andere Teil weiß, sein Genosse ist in guter Stimmung. An den Mienen des regungslosen Gesichts kann er es nicht ablesen. Noch wichtiger aber ist das Schnurren für die Katze als Mutter. Sie deutet damit ihren Kindern an: Seid unbesorgt – es droht keine Gefahr! Da bei den größten Katzen von einer solchen Gefahr keine Rede sein kann, so schnurren Löwe und Tiger wahrscheinlich aus diesem Grunde nicht.
Besonders auffallend ist es, daß die Katze uns Fremde in keiner Weise beschnuppert oder zu beschnuppern versucht hat, wie es doch die beiden Hunde von Herrn Böhm, Karo und Hektor, getan haben. Hieraus sieht man wieder, daß die Katze im Gegensatz zum Hunde ein Augentier ist. Wie der Mensch es nicht nötig hat, einen Fremden erst zu beriechen, so verzichtet auch die Katze darauf. Bei dem Hunde mit seinem schwachen Gesicht ist es etwas anderes.
Sehen wir unsere eigene Katze im Freien, so brauchen wir ihr nicht zu pfeifen, denn gewöhnlich hat sie uns bereits bemerkt. Dem Hunde dagegen muß man pfeifen, weil er bei seinem schwachen Gesicht seinen Herrn aus einiger Entfernung nicht erkennen kann. Auch ergibt sich das schlechte Sehvermögen des Hundes daraus, daß er seinen verlorenen Herrn meistens mit der Nase sucht. Das tut eine Katze niemals.
Unsere Bitte, den Kater einmal aus der Rückenlage fallen zu lassen, um aus eigener Wahrnehmung die allbekannte Erscheinung festzustellen, daß Katzen stets auf die Füße fallen, stößt zunächst bei Fräulein Bachmann auf heftigen Widerstand. Sie hält das geradezu für eine Tierquälerei und eine Versündigung an ihrem Liebling. Erst als ich es für ganz selbstverständlich erkläre, daß der Versuch auf dem Sopha gemacht werden soll, so daß Hans schlimmstenfalls ganz weich fällt, läßt der Widerstand von Fräulein Bachmann nach. Um zum Ziele zu gelangen, lasse ich durchblicken, daß wahrscheinlich der Versuch, wenn er geglückt ist, photographiert werden soll. Der Gedanke, daß sie und ihr Liebling für immer der Nachwelt in einer so wichtigen Angelegenheit erhalten bleiben sollen, läßt schließlich jedes Bedenken schwinden.
Wie ich es an meinen eigenen Katzen oft erprobt habe, so geschieht es auch hier. Die auf dem Rücken liegende Katze, die das Fräulein auf dem Arm hält, wird plötzlich losgelassen. Mit der größten Seelenruhe sieht man sie gleich darauf auf dem Sopha auf den Füßen stehen. Das alles geschieht so schnell, daß man den Vorgang nicht in seinen Einzelheiten mit den Augen verfolgen kann, selbst wenn man ihn mehrfach wiederholen läßt. Belehrender sind daher die Momentaufnahmen. Auf ihnen sieht man, wie die Katze es versteht, durch Einziehen des Kopfes und der Vorderbeine und seitliche Krümmung des Rückgrates ihren Schwerpunkt nach hinten zu verlegen und dann durch verschiedenartige Beugung der Beine die Drehung nach der einen oder anderen Seite zuerst vorn, dann hinten zu bewerkstelligen.