[50]. Warum scheuen die Pferde und gehen durch?

Ein scheuendes Droschkenpferd wird man nicht häufig zu sehen bekommen. Einmal hat sich ein Großstadtpferd mit der Zeit an die tollsten Geräusche gewöhnt. Sodann wird ein Pferd um so ruhiger, je älter es wird. Und die meisten Droschkenpferde haben eine ganze Anzahl von Jahren auf dem Rücken. Immerhin habe ich erst im vorigen Jahre ein durchgehendes Droschkenpferd beobachten können. Aus welchem Grunde es gescheut hatte, konnte ich nicht ermitteln. Es raste die Straßen entlang, und der alte Kutscher suchte nach Möglichkeit einen Zusammenstoß zu vermeiden. Zum Glück war die Straße fast leer, und zum weiteren Glück stürzte das Pferd zu Boden. Die Wucht, mit der es gerast war, zeigte sich darin, daß das gestürzte Tier eine große Strecke auf dem Asphaltpflaster dahingeschleudert wurde. Die menschliche Haut würde eine solche Rutschpartie nicht aushalten, aber die Pferdehaut vertrug sie ohne Schaden.

Durch den Sturz und das Gleiten auf dem Asphalt war das Pferd wieder einigermaßen ruhig geworden und blieb stehen, als es aufgerichtet war.

Ein großer Verlust wäre es für den Droschkenkutscher gewesen, wenn das Pferd sich ein Bein gebrochen hätte. Denn obwohl solche Brüche bei anderen Haustieren, z. B. Schweinen, sehr gut heilen, kann ein Pferd nach einem Bruch trotz aller ärztlichen Kunst nicht mehr zum Ziehen oder Reiten, sondern nur zur Zucht verwendet werden.

Was veranlaßte nun das Droschkenpferd zu einer so sinnlosen Raserei? Wahrscheinlich ein nach unseren Begriffen ganz harmloser Vorfall. Beispielsweise schwenkt jemand plötzlich eine Fahne – und schon ist das Unglück geschehen.

Wir müssen bei der Beurteilung eines solchen Falles gerecht sein und uns klar darüber werden, daß, wenn alle Wildpferde vorher eine gründliche Untersuchung anstellen wollten, wie die Sache eigentlich liegt, kein einziges mehr lebte. Vergegenwärtigen wir uns das Leben eines Wildpferdrudels in der Steppe. Trotz der Schutzfärbung hat es ein Tiger wahrgenommen. Unter Beobachtung der Windrichtung hat er sich nach Katzenart ganz leise herangeschlichen. Stundenlang hat es gedauert, bis er in Sprungweite war. Jetzt schnellt er wie ein Ball auf das ihm zunächst stehende Tier.

Die einzige Rettung für das Pferd besteht jetzt darin, ohne jedes Besinnen davonzujagen. Wie der Hund, so hat auch das Pferd ein Auge, das Bewegungen sehr leicht wahrnimmt. Den anspringenden Tiger hat es durch seine Bewegung erkannt, oder vielmehr erkannt, daß ein großer bunter Ball urplötzlich hinter ihm flog.

Hätte das Pferd erst überlegt, was der bunte Ball eigentlich sei, so war ihm der Tod durch die große Katze sicher. Es war sein Heil, daß es noch im letzten Augenblick davonraste. Denn der Tiger sprang infolgedessen zu kurz. Und ein flüchtiges Wildpferd kann er nicht einholen.

Für das Scheuen des Pferdes bestehen also folgende Ursachen:

1. Das schwache Sehvermögen des Pferdes vermag wirkliche und scheinbare Gefahren nicht zu unterscheiden.