Mit Klugheit oder Dummheit hat das gar nichts zu tun, während gerade Kutscher mit Vorliebe auf die Bodenscheu hinweisen, als Beweis dafür, daß das Pferd ein furchtbar dummes Geschöpf ist. Wie oft habe ich Gespräche etwa folgenden Inhalts anhören müssen: »Wenn irgend jemand daran zweifelt, daß das Pferd zu den dümmsten Tieren gehört, so soll er sich meinen Gaul ansehen. Was ist mir erst heute wieder mit ihm passiert? Hat da jemand auf dem Asphalt einen Eimer Wasser ausgegossen. Denken Sie, ich bekomme das dumme Tier an dem nassen Fleck vorbei? So hat man häufig seinen Aerger wegen der furchtbaren Dummheit des Pferdes. Kann es etwas Dümmeres geben, als sich vor einer nassen Stelle zu fürchten?«
So einfach liegt die Sache nicht, wie der Kutscher meint. Dummheit liegt nicht vor, wenn die Schwäche eines Sinnes zu sonst üblichen Leistungen unfähig macht. So ist der Knabe nicht dumm, der nicht angeben kann, wieviel die Turmuhr zeigt, weil er kurzsichtig ist.
Umgekehrt ist das Pferd nicht klüger als der Mensch, weil es sich in der Dunkelheit besser zurechtfindet, als wir es vermögen. Unzählige Reiter oder Wageninsassen sind durch ihre Pferde gerettet worden. Die Menschen konnten in der Dunkelheit nicht mehr die Hand vor den Augen sehen. Trotzdem fanden sich die Pferde zurecht und brachten ihre Herren glücklich nach Hause.
Wie würde es uns Menschen gefallen, wenn man uns diese Unfähigkeit, uns in der Dunkelheit zurechtzufinden, als Dummheit anrechnen würde?
Das Auge des Pferdes kann bei Tageslicht nicht gut sehen. Deshalb kann es nicht genau erkennen, was der dunkle Fleck eigentlich bedeutet. In wolfreichen Gegenden haben die Pferde es oft erlebt, daß dieser an der Erde befindliche Fleck ein sich auf den Boden drückender Wolf war, der ihnen plötzlich an die Kehle sprang. So unbegründet ist also die Furcht des Pferdes vor den dunklen Stellen am Boden durchaus nicht.
Weil in England seit Jahrhunderten im Grase lauernde Wölfe unbekannt sind, ebenso auch bei uns in dem weitaus größten Teil unserer Heimat, deshalb neigen englische und deutsche Pferde wenig zur Bodenscheu, dagegen mehr die russischen und ungarischen Pferde.
Etwas anderes ist es natürlich, wenn ein Pferd in moorigen Gegenden nasse oder dunkle Stellen meidet, weil es einzusinken fürchtet.
[52]. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Warum trägt ein Pferd Hufeisen?
Da Droschkenpferde, wie schon erwähnt wurde, meistens bejahrte Tiere sind, so werden wir uns hüten, den Droschkenkutscher zu bitten, uns das Gebiß seiner »Liese« oder wie sie sonst heißt, zu zeigen. Er würde uns in seiner Urwüchsigkeit mit einer Antwort dienen, die sich gewaschen hat, und wegen der Seltsamkeit des Ansinnens gewiß glauben, daß wir aus dem Irrenhause entsprungen sind.
So müssen wir uns ohne ihn behelfen. Die allbekannte Redensart »Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul« erklärt sich in folgender Weise.