[54]. Sieht das Pferd alles größer?

Ein unausrottbarer Aberglaube ist es, daß das Pferd alles doppelt sieht. Wie schön wäre es für unsern Droschkenkutscher, wenn das der Fall sein würde. Er brauchte seiner Liese nur das halbe Futter zu geben, und sie glaubte, das ganze zu erhalten.

Die Größe eines Gegenstandes bemessen wir nach dem Gesichtswinkel und der Entfernung. Ist uns die Entfernung unbekannt, so schwanken wir in den Angaben der Größe. So sagt mancher Landbewohner, der Mond sähe so aus wie ein früherer Taler. Ein anderer sagt wiederum, er erscheine ihm so groß wie ein Heuwagen. Sehen wir ganz in der Ferne einen Vogel fliegen, so ist oft der beste Tierkenner im Zweifel, wie groß der Vogel eigentlich ist. Bei unbekannten Entfernungen kann es also vorkommen, daß man etwas für größer hält als es ist.

Das meint das Volk aber gar nicht, sondern es ist der Ueberzeugung, daß das Pferd alle Gegenstände um sich, wo es sich also um ganz bekannte Entfernungen handelt, doppelt so groß sieht. Namentlich soll der Mensch in den Augen des Pferdes doppelt so groß, wie er ist, erscheinen.

Es ist klar, daß diese Vorstellung vollkommen unhaltbar ist. Sehe ich alles doppelt so groß, so sehe ich mich selbst ebenfalls doppelt so groß, und dann hat das Größersehen nicht den geringsten Erfolg.

Nichts deutet darauf hin, daß das Pferd, falls man die Größenverhältnisse in Betracht zieht, anders sieht als der Mensch. Es hält einen großen Hund nicht für ein Pferd, es verwechselt eine Hütte nicht mit seinem Stall, es mißt die Weite eines Grabens und die Höhe eines Hindernisses vortrefflich ab. Der Aberglaube, daß das Pferd alles doppelt sieht, ist nur aus folgendem Gedankengange entstanden. Der einfache Mann legt sich folgende Frage vor: Wie ist es möglich, daß ein so großes und starkes Tier, wie es das Pferd ist, sich von einem Schwächling, wie es der Mensch ist, beherrschen läßt? Um das zu erklären, verfiel man auf den anscheinend klugen Gedanken: Es wird den Menschen doppelt so groß sehen, wie er ist.

Hierbei haben die Leute aber ganz übersehen, daß in der Tierwelt häufig ein David einen Riesen Goliath in Schrecken versetzt. Die großen und starken Rinder flüchten, wenn die kleinen Rinderbremsen kommen (vgl. Kap. [86]), und andere große Tiere sowie auch Menschen ergreifen die Flucht vor kleinen Giftschlangen oder gewissen Arten von Ameisen.

Alle Tage können wir erleben, daß sich große Pferde vor dem Gekläff kleiner Hunde fürchten. Es ist daher nicht im mindesten auffallend, daß es sich dem Menschen unterordnet.

Die seitliche Stellung der Augen hat für das Pferd große Vorteile. Kürzlich sah ich ein Bild, auf dem der Künstler die Stellung seiner Meinung nach verbessert hatte. Das Pferd hatte nämlich, fast wie ein Mensch, die Augen vorn.