Wir wollen uns einmal vorstellen, daß sich ein Pferd gegen einen von hinten anschleichenden Wolf verteidigen will. Das kann in seiner Heimat alltäglich oder allnächtlich vorkommen. Bei der Stellung der Menschenaugen könnte das Pferd den anschleichenden Räuber nicht sehen. Es würde wahrscheinlich daneben hauen, und der unverletzte Wolf sich in sein Opfer verbeißen.
Man erkennt daraus, daß die Natur doch etwas besser versteht, wie die einzelnen Gaben beschaffen sein müssen, die sie den Tieren verliehen hat.
Durch die Stellung der Augen hat das Pferd den Vorteil, die Peitsche des Kutschers zu sehen oder wenigstens die Bewegungen, die er macht, wenn er schlagen will. Denn auch das Pferdeauge kann wie das Hundeauge Bewegungen sehr gut wahrnehmen. Weil nun manche Pferde aus Furcht vor dem Schlage plötzlich schnell anzogen und dadurch eine gleichmäßige Fahrt erschwerten, so war dies einer der Gründe, weshalb man Scheuklappen anbrachte. Durch die Scheuklappen wurden die Pferde verhindert, nach hinten zu sehen.
Ueber die Scheuklappen ist sehr viel geschrieben worden, weil sie den Augen des Pferdes sehr nachteilig sein sollten. Man sieht sie auch jetzt viel weniger als früher. Immerhin hat man sich um eine Sache mehr aufgeregt, als sie wert war. Denn das Auge hat für das Pferd nicht die Bedeutung wie für den Menschen.
Ganz unerklärlich ist es uns, daß ein durchgehendes Pferd nicht die Häuser und Bäume, gegen die es gerannt ist, vorher gesehen hat. Aber wir müssen uns in die Lage des Pferdes hineinversetzen, dann wird der Zusammenstoß viel leichter verständlich. Das Pferd glaubt, daß von hinten ein Feind droht, weshalb es davonstürmt. Hierbei schaut es stets nach hinten, nicht nach vorn. In diesem Zustande kommt es leicht zu einem Zusammenprall mit vor ihm befindlichen Gegenständen, weil der Blick nach hinten gerichtet ist. Ueberhaupt kann das Pferd wegen der Stellung seiner Augen nicht so bequem nach vorn sehen wie der Mensch.
[55]. Ist der Futterkübel praktisch?
In der Zwischenzeit hat sich der Droschkenkutscher gestärkt und will sich wieder auf seinen Bock schwingen. Liese hat an dem gewichtigen Schritt gehört, daß ihr Lenker naht, und macht sich reisefertig. Der Futterkübel wird ihr abgenommen und verstaut, ferner das Gebiß in die sogenannte Lade, d. h. den zahnlosen Raum zwischen Vorderzähnen und Backzähnen gelegt. Eine Decke war nicht abzunehmen. Vielleicht hat der Kutscher nur kurze Zeit fortbleiben wollen. Auch ist es warm, und das Pferd hat anscheinend vorher keine größere Anstrengung leisten müssen. Peitschenhiebe sind nicht nötig. Liese setzt sich in Bewegung, und wir nehmen von ihr Abschied.
Ein dem Pferde angehängter Freßnapf hat natürlich seine Nachteile. Das Wildpferd frißt regelmäßig vom Boden und nur ausnahmsweise von Bäumen. Daher ist die Fütterung aus Futterkübeln immer noch naturgemäßer als die aus Raufen, wie sie in den Ställen üblich sind. Das fortwährende Hochheben des Kopfes wirkt auf die Pferde nachteilig ein und ist besonders für Fohlen (junge Pferde) geradezu gesundheitsschädlich.
Durch das Atmen durch die Nase pustet das Pferd oft Futter aus dem Kübel hinaus. Es ist daher vorteilhaft, Wasser zu dem Futter zuzugießen Dann kann kein Häcksel fortfliegen. Aber für die Pferde hat diese Naßfütterung Nachteile. Denn das Wildpferd frißt seine Nahrung trocken. Erst wenn es sein Trockenfutter genossen hat, läuft es nach einer Tränkstelle.