Sehr oft habe ich Ansprachen des Kutschers an sein Pferd gehört, die geradezu komisch waren. Der Kutscher wollte sein Pferd füttern, aber es sollte vorher trinken. Das Pferd weigerte sich aber hartnäckig zu trinken. Immer wieder nahm es den Kopf fort. Der Kutscher glaubte, diese Weigerung durch gute Lehren zu bekämpfen, und sagte etwa folgendes: »Aber, du dummer Peter, willst du denn gar nicht trinken? Weißt du denn gar nicht, wie schön das Essen schmeckt, wenn man vorher getrunken hat?«
Es ist richtig, daß man ein Haustier vor manchem Schaden behüten muß. Ein freilebendes Tier weiß sich allein zu helfen, aber ein Haustier hat diese Fähigkeit verloren. So überfressen sich Hauspferde, wenn sie an die Haferkiste gelangen. Da das Pferd im Verhältnis zu seiner Größe nur einen kleinen Magen hat, der obendrein noch eine Klappe hat, so sind schon viele Pferde am Ueberfressen gestorben.
Solche Dinge jedoch, ob ein Pferd vor dem Fressen trinken soll oder nicht, weiß das Pferd besser als der Mensch. Der Deutsche schwärmt für eine Flüssigkeit vor dem Essen. Deshalb wird bei uns das Essen mit einer Suppe eingeleitet. Auch im Zoologischen Garten müssen Tiger und Löwen vor dem Fraße Wasser trinken, obwohl alle naturgeschichtlichen Werke darüber einig sind, daß sie erst nach ihrer Mahlzeit ihren Durst löschen.
Erhitzten Tieren müssen wir, wenn sie stehen bleiben, eine Decke auflegen, um gesundheitliche Schäden abzuwehren. Ein Wildpferd braucht eine solche Decke nicht. Zunächst ist es abgehärteter als das Hauspferd, das in der Nacht geschützt im Stalle steht. Sodann ist es jederzeit in der Lage, durch Laufen die etwa erforderliche Wärme sich zu beschaffen.
[56]. Die Rassen oder Stämme des Pferdes.
Kaum ist unser Droschkenkutscher entschwunden, so erhalten wir Ersatz. Ein schwerbeladener Rollwagen kommt auf uns zu. Hu, was müssen die Pferde ziehen und wie oft erhalten sie Peitschenhiebe. Ein Glück ist es, daß sie jetzt am Ziele sind und sich ausruhen dürfen. Wir können uns also in Ruhe die beiden Gäule ansehen.
Zunächst fällt uns die Größe und der Bau der Glieder auf. Das Droschkenpferd Liese war fast klein und zart gegen diese beiden ungeschlachten Riesen. Auch waren Lieses Hufe klein und hatten oberhalb kaum oder wenig Haare, während die beiden Frachtpferde Riesenhufe mit mächtigen Haarbüscheln besitzen.
Diese ganz verschiedenen Formen des Pferdes erklären sich folgendermaßen. Als die schönsten Pferde werden von Kennern die arabischen bezeichnet. Das arabische Pferd hat in seiner Heimat einen trockenen und steinigen Boden, ferner sehr wenig Wasser. Diese Unfruchtbarkeit hat auf das arabische Pferd großen Einfluß ausgeübt, denn es ist sehr genügsam. Kein Lot Fleisch ist an ihm zuviel, die Knochen sind hart, die Hufe klein und fest. Die orientalische oder morgenländische Rasse, zu der das arabische Pferd in erster Linie gehört, erinnert also sehr an den dürren, behenden und bedürfnislosen Beduinen.
Im Vergleich hierzu ist das abendländische Pferd das gerade Gegenteil. In den wasserreichen und fruchtbaren Gegenden Westeuropas bildete sich eine Pferderasse, die etwa an einen übermäßig viel Bier trinkenden Menschen erinnert. Riesig groß und umfangreich sowie mächtige Glieder, aber wegen der Aufgedunsenheit weniger schön. Die Hufe wurden auf dem nassen Boden weich und groß. Zum Schutze gegen die Schneemassen im Winter bildete sich ein starker Haarschutz.