Man sollte meinen, daß der Mensch, der zuerst das Pferd gezähmt hat, es zunächst als Reittier und erst später als Zugtier verwendet hat. So wird es auch vielfach geschildert, obwohl es mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Wir haben eine genaue Kunde von den Wagenkämpfen der alten Griechen, die vor etwa drei Jahrtausenden stattfanden. Aber niemand reitet dort, obwohl die Kunst des Wettfahrens in hoher Blüte stand.

Der Grund liegt darin, daß jeder Pflanzenfresser den Druck auf dem Rücken sehr unangenehm empfindet. Denn er muß sofort an ein Raubtier denken, das ihm auf den Rücken springt. Deshalb muß auch heute noch ein Pferd erst zugeritten werden, obwohl es sich seit Jahrtausenden als Haustier endlich daran gewöhnt haben müßte. Das Ziehen dagegen ist dem Tiere viel weniger unangenehm, da es seit Urzeiten daran gewöhnt ist, die vor seiner Brust befindlichen Hemmnisse fortzuschieben, also Gebüsche u. dgl.

Alle Tiere lassen sich daher viel leichter zum Fahren abrichten als zum Reiten, so Elche, Renntiere, Wildrinder usw. Deshalb ist auch das Fahren viel älter als das Reiten.

[61]. Warum läuft das Pferd gerade und der Hund schräg?

Während wir dem Reiter nachschauen, fällt uns auf, daß sein Pferd ganz anders die Beine setzt wie ein daneben laufender Hund. Wie alle Pferde, die gesunde Beine haben, setzt es die Beine so, daß eine unter dem Bauche der Länge nach befindliche gerade Linie von den Beinen nicht berührt werden würde. Die rechts befindlichen Beine bleiben eben rechts und die links befindlichen links. Bei dem Hunde aber könnten wir eine solche gerade Linie nicht ziehen, ohne daß sie von den Zehen berührt würde. Woher kommt diese Verschiedenheit im Laufen?

Wie das Pferd die Beine setzt, erscheint uns naturgemäß. Dagegen ist das Durcheinanderwirbeln der Beine beim Hunde nach unsern Begriffen höchst merkwürdig.

Nebenbei sei folgendes bemerkt. Hat man ein Pferd künstlich dazu abgerichtet, die Beine derselben Seite gleichzeitig vorzusetzen – im natürlichen Zustande geschieht es abwechselnd – so spricht man von einem Paßgange. Diese Gangart ist manchen Tieren natürlich, z. B. der Giraffe, was sich aus dem Bau ihres Körpers ergibt. Pferde mit Paßgang nennt man Zelter. Sie werden wegen ihres gleichmäßigen Ganges sehr von den Damen bevorzugt.

Das schräge Laufen des Hundes ist, wie wir uns schon denken können, ein Erbteil aus der Zeit seines früheren Räuberlebens. Noch heute setzt der Fuchs seine Spur in eine Linie. Der Jäger sagt recht treffend: der Fuchs schnürt. Im Schnee sehen seine Fußstapfen wie eine Schnur aus.

Das Schnüren ist für das Raubtier eine Lebensfrage. Es will sich seinem Opfer nähern, ohne vorher gesehen oder gewittert zu werden. Zu diesem Zwecke sucht beispielsweise der Fuchs stets die tiefsten Stellen auf. Er geht über einen Acker, indem er die Ackerfurchen benutzt. Kommt er an einen Graben, so springt er hinein und läuft auf der Sohle des Grabens weiter. Ja, auf Fahrwegen läuft er aus Vorsicht regelmäßig die Wagenspuren entlang, weil diese die tiefsten Stellen der Straße ausmachen. Der Hund ist früher ebenfalls in der gleichen Weise gelaufen. Obwohl er jetzt nicht mehr auf Raub ausgeht, so läuft er doch noch auf dem Bürgersteig schräg. Man ersieht daraus, wie unausrottbar die dem Haustiere überkommenen Gewohnheiten haften.