Über den harten, von der Sonne ausgebrannten Boden an einem blinden Märchenerzähler vorüber, den ein großer und aufmerksam lauschender Zuhörerkreis umlagerte, über ein weites, holperiges Gelände brachte er uns nach der Ansiedlung der Neger. Fette Frauen, in schreiend grelle Farben gekleidet, hockten singend vor ihren Lehmhütten, dicklippige schwitzende Männer rannten, lebhaft gestikulierend, umher, splitternackte Kinder sielten sich laut lärmend auf dem Boden. Das Fest hatte noch nicht begonnen, und keiner wußte genau, wann es seinen Anfang nehmen sollte. Diese Vertröstung auf völlig Ungewisses und die unbarmherzig stechende Sonne trieben uns zur schleunigen Umkehr. Während wir, bei dem Stadttor angelangt, noch berieten, ob wir unserem würdigen Führer mit der stolzen Adlernase und den feinen, schlanken, arbeitsfremden Händen ein Geschenk anbieten durften, sagte er in liebenswürdigster Form:
»Wenn Sie mich nun mit einer Kleinigkeit entlohnen wollten, wäre es mir lieb. Ich bin müde und möchte mich ausruhen.«
Ich muß gestehen, wir waren im ersten Augenblick etwas verdutzt, denn das stand nach unseren Begriffen so gar nicht im Einklang mit der ganzen äußerlichen Persönlichkeit dieses Mannes. Ihm schien es das natürlichste der Welt zu sein. Mit leichtem, eleganten Dank steckte er die paar Franken ein, verabschiedete sich und ging stolzen Schrittes davon.
Unser Begleiter in Setif
Unser braves, tüchtiges Auto hatten wir entlassen. Mit ihm hatten wir von der wilden, eigenartigen Kabylie Abschied genommen. Von Setif aus sollte die Fahrt per Bahn weitergehen. Als wir das Hotel erreichten, war der kleine Omnibus, der den Verkehr nach der Bahn vermittelte, bereits vollständig besetzt. Was tun? Die Zeit war knapp und der Weg ziemlich weit. Irgendein Fahrzeug mußte herbeigeschafft werden. Nach kurzem Warten kam ein kleiner Wagen in der Art unserer Breaks, dick mit Stroh ausgelegt. Gott weiß, wozu er sonst benutzt wurde! Wir wissen nur und empfanden es schmerzhaft, daß eine Anzahl kleiner blutgieriger Tierchen die Gelegenheit benutzte, zugleich mit uns Setif zu verlassen und auf Reisen zu gehen.
Während wir auf den Zug warteten, der mit etwa drei Viertelstunden Verspätung in Setif eintraf, hatten wir noch ein kleines, interessantes Erlebnis: zwei Damen, unverkennbar Amerikanerinnen, kamen auf uns zu und fragten meinen Mann, ob sein Name so und so sei. Und es stellte sich heraus, daß er vor zwanzig Jahren den Bruder dieser Damen, die aus Los Angelos stammten, in Kissingen getroffen, daß sie sich freundschaftlich aneinander angeschlossen und sich gelegentlich auch zusammen auf einem Bilde hatten photographieren lassen. Der Briefwechsel war im Laufe der Jahre eingeschlafen. Das Bild aber behauptete noch immer seinen Platz auf dem Schreibtisch des Bruders, und nach der auffallenden Ähnlichkeit hatten die Damen auf die Identität meines Mannes geschlossen. Dies kleine Vorkommnis zeigte wieder einmal klar, wie eigenwillig der Zufall spielt und wie wir doch heute ganz und gar im Zeichen des Verkehrs leben.
Für alle, die Zeit, viel Zeit und ebenso viel Geduld haben, muß es ein Vergnügen sein, in Algier mit der Bahn zu reisen. Sie scheint es für ein Verbrechen zu halten, schnell zu fahren, und sie hält oft, fast möchte man sagen, sie hält immerzu. Aber trotzdem brachte sie es fertig, uns – wenn auch mit der angemessenen Verspätung – nach El-Guerrah zu bringen.