Der arabische Führer, nicht unbekannt in dem Hause, machte kurzen Prozeß. Er ging in die Küche, half beim Anrichten und sorgte geschickt dafür, daß uns die Speisen sofort serviert wurden. Und danken mußten wir es ihm; denn als die, wie wir nun sahen, mit berechtigter Aufregung erwartete »Karawane« die Speisestube stürmte, war für keinen anderen Gast mehr etwas zu erreichen. Wie ein Schwarm ausgehungerter Heuschrecken vertilgten sie alles, was kam. Aber selbst wenn noch etwas übriggeblieben wäre! Bis die »Karawane« befriedigt war, war auch die Zeit verstrichen, und der Zug zur Abfahrt nach Batna ließ seinen Mahnruf zum Einsteigen ertönen.

Oh, diese kosmopolitischen Karawanen! Wieviel Ruhe, Lebensart und Vornehmheit – ja, ich kann kein anderes Wort als Vornehmheit gebrauchen – könnten sie von den Mitgliedern einer echten Karawane lernen, von jenen armen, verachteten Beduinen, die heimatlos die Wüste durchziehen!

Nun bestiegen wir wieder den Zug. Wo mag die französische Gesellschaft wohl die Wagen her haben, die sie auf ihren Bahnen in Algier benutzt! Stammen sie aus jener Zeit, da die Eisenbahn aufkam und man noch nicht wußte, was Bequemlichkeit auf der Reise bedeutet? Sollten diese Wagen irgendwo auf Abbruch verkauft werden, und man hat sie billig erstanden? Jedenfalls sind sie für unsere heutigen Begriffe ganz unmöglich. Man brauchte fast eine Leiter, um hinauf in das Coupé zu klettern, in ein Coupé, das schmal und eng und so niedrig war, daß man mit dem Kopfe an die Decke stieß. Und das Licht! Es war entsprechend der Beleuchtung auf dem Bahnhof von El-Guerrah. Unmöglich, eine Zeile zu lesen. Aber nebenan im Wagen brannte die Lampe überhaupt nicht – das war vielleicht noch schlimmer. Zu acht waren wir in ein Abteil erster Klasse gepfercht wie die Heringe. Ein ältliches französisches Ehepaar hatte zwei Eckplätze inne. In weislicher Fürsorge hatten die Leutchen ihr Essen mitgebracht, und mit nicht endenwollendem Appetit vertilgten sie aus buntfarbigen Tüten die unglaublichsten Dinge. Als man es schon gar nicht mehr erwartete, machten sie aber doch Schluß, und befriedigt lehnte sich jeder in seine Ecke. Und nun schnarchten sie ein Duett. Das triste Licht, das, wie um uns zu höhnen, immer mit Erlöschen drohte, in dem engen Raume die vielen Gesichter, die in der ungewissen Beleuchtung bleich und gespenstisch wirkten, die schlechte und verbrauchte Luft – denn der Empfindlichkeit eines Passagiers wegen konnte nur ein kleiner Spalt eines Fensters geöffnet werden – das schnarchende Dickhäuterpaar in der Ecke, es war um Selbstmordgedanken zu bekommen.

Endlich, endlich Batna! Wir konnten unserem Gefängnis entrinnen. Ein Omnibus war auf dem Bahnhofe, um uns nach dem Hotel zu befördern. Die Pferde wollten wohl ihre letzte Arbeit an diesem Tage so schnell wie möglich hinter sich haben. Wie wild geworden gingen sie los, daß der Wagen auf dem schlechten Pflaster nur so flog und krachte und die verschlafenen Köpfe der Insassen aneinander pufften. Ein Glück! Wir hatten von Bougie aus bereits Zimmer bestellt. Wer diese Vorsicht nicht gebrauchte, hatte schwere Mühe, ein Plätzchen zu finden, wohin er sein müdes Haupt über Nacht betten konnte. Diese entsetzliche »Karawane« hatte auch hier wieder alles mit Beschlag belegt.


Um elf Uhr am nächsten Morgen verließen wir das staubige, heiße, schattenlose, grenzenlos nüchterne Batna, das ebenso wie Setif hauptsächlich Militärstation bildet. Mit einigem Bangen bestiegen wir den Zug. Er unterschied sich zu unserer Freude aber vorteilhaft von seinem mißratenen Kollegen, der uns am vorhergegangenen Tage befördert hatte. Dieser Zug, der in direkter Linie die Stadt Algier mit Biskra verbindet, weist Schlafwagen und einigermaßen modernen Komfort auf und gilt darum als der beste im Lande.

Flötenspieler

Schnaubend und stöhnend verfolgte die Lokomotive ihren Weg durch Täler, über Berge und Flüsse hinweg und an altersgrauen Bauresten aus der Römerzeit vorüber. In Lambiridi, dem höchsten Punkte, den die Bahnlinie erreicht, verpustete sie sich eine Weile und glitt dann geräuschlos wieder bergab. Auf dieser Strecke wächst die Aufregung des Reisenden, der zum ersten Male des Weges kommt. Zwar ist er erstaunt und überrascht von den herrlichen Farben, die das kahle Felsgestein hier zeigt: sattes Violett und tiefes Rot, leuchtendes Gelb und zartes Blau, hartes Weiß und warmes Braun – alles in einer harmonischen Verteilung, wie es allein die große Natur zustande bringt. Aber von diesen Betrachtungen hinweg wandern die Gedanken immer wieder voraus zu dem Wunderbaren, das nun kommen soll: El-Kantara und dahinter die gewaltige Wüste!

Der Weg zu diesem Kulminationspunkt könnte nicht besser in Szene gesetzt sein, wenn mit allem Raffinement das geschaffen worden wäre, wozu einfach die Bodenformation zwang. Man kommt durch einen Tunnel. Ihm folgt ein anderer. Doch nichts Besonderes zeigt sich in den kurzen lichten Pausen, die dazwischen eingeschoben sind. Aber nun geht es wieder einmal in das Innere eines Berges hinein, und beim Austritt hält mit einem sieghaften Ruf der Zug inne. Hoch oben steht trotzig ein altes Römerkastell, tief unten liegt ein hübsches kleines Tal. Ein paar europäische Häuser in hellen Farben, umwuchert von dichtem Blattwerk, laden freundlich zu Gaste. Wilde Bergwasser rauschen und verschwinden zwischen den steilen Wänden des Auresgebirges, das, breit und wuchtig dahingelagert, jedes weitere Vorwärtsdringen auszuschließen scheint. Aber es scheint nur so, denn unser Zug findet seinen Weg durch den Spalt, den die Natur geschaffen und den der Strom in ungezählten Jahren immer tiefer ausgefressen hat, durch die düstere Schlucht von El-Kantara, und trägt uns in wenigen Sekunden hinaus in das mit solcher Ungeduld Erwartete, in das Wunderbare, in eine andere Welt.