Straße in Sidi Okba
Wir hatten unseren Teil Arbeit erledigt. Nun wollten wir auch das Ergebnis von Jussufs Bemühungen sehen. Aber da war noch nichts zu sehen! Nur mit dem Versprechen konnte er aufwarten, daß am Tage der Abreise alles bereit sein würde. Dies anzunehmen lag zwar gar kein Grund vor, aber er glaubte ohne Zweifel, Allah würde schon alles in Ordnung bringen.
Da wir diesen Glauben nun keineswegs teilten, machten wir uns mit ihm zusammen an die Arbeit, und den vereinten Anstrengungen gelang es schließlich, alles Nötige herbeizuschaffen.
Draußen in Beni Mora hatte Jussuf ein provisorisches Lager aufgeschlagen, und am Vorabend des Tages, an dem die Reise beginnen sollte, führte er uns stolz und frohen Gemütes hinaus, damit wir alles besichtigen konnten. Es war ein kunterbuntes Bild mit den verschiedenen Zelten, all den Körben, Kisten und Säcken, zwischen denen Menschen und Tiere herumwimmelten.
Am folgenden Morgen sahen wir von der Terrasse unseres Hotels herab unsere Karawane auf der Straße nach Tugurt vorüberziehen. Voran Jussuf, hoch auf einem Esel thronend, als Führer und Manager; neben ihm seine beiden Brüder Ali und Muhamed, »beritten« wie er, mit stolzen Gesichtern, denn sie durften richtige Flinten auf dem Rücken tragen. Dann Salem, der Koch, der seinen schmächtigen Körper in einen abscheulichen europäischen Anzug gesteckt hatte, gegen den der weiße Turban über seinem kleinen gutmütigen Gesicht lebhaft zu protestieren schien. Der schwarze Ahmed, der die Dienerdienste übernommen hatte und außerdem fünfzehn Kabylen, die neben derselben Zahl schwerbeladener Esel herliefen. Ein ziemlicher Train war es geworden, viel größer, als wir ihn für unsere Gesellschaft, die nur aus drei Damen und zwei Herren bestand, vorausgesehen hatten.
Im Laufe des Nachmittags traten wir zu Pferde die Reise an. Sie sollte zuerst 210 Kilometer südlich nach Tugurt, von da aus 90 Kilometer östlich nach El-Oued, und von El-Oued wieder zurück nach Biskra führen, eine Strecke von 202 Kilometern.
Voll froher Erwartung, in gehobener Stimmung machten wir uns auf den Weg. Die Richtung war nicht zu verfehlen. Denn auch nachdem man die verträumten Dörfer von Alt-Biskra hinter sich hat, ist noch eine leidlich gute Straße vorhanden. Ein Haufen schreiender Kinder gab uns ein Stück weit das Geleite. Dann begegneten wir noch dem schönen Neffen des Bachagha, dem verwöhnten Don Juan, der in einem hypermodernen hochräderigen Dogcart eine seiner zahlreichen europäischen Verehrerinnen spazieren fuhr. Nach dem lag alles, was an Zivilisation und an Alltagsleben erinnerte, hinter uns. Und vor uns die ungeheure, rätselhafte, in ihrer starren Nacktheit großartige Wüste.
In wenigen Stunden hatten wir die Karawane eingeholt. Nicht weit von dem Ufer des Oued Djedi hatte Jussuf eine Stelle als Lagerplatz gewählt. Im Halbkreis standen die Schlafzelte und das Speisezelt, den anderen Halbkreis schlossen die Tiere ab. In der Mitte des so gebildeten Rondells lagen Säcke, Fässer und Kisten aufgestapelt.
Etwas abseits war das Küchenzelt errichtet, und Salem hockte schon darin und schmorchelte etwas für den Abend zurecht. Alles sah äußerst friedlich und behaglich aus. Aber helles Mitleid erfaßte uns, als wir bemerkten, wie man die armen Maulesel festgemacht hatte. Zwei Pflöcke waren in den Boden getrieben. Von einem Pflock zum anderen eine Kette angebracht. An dieser Kette in knappen, genau abgemessenen Entfernungen befanden sich Ringe, und um jedes Vorderbein der armen Lastträger schloß sich solch ein Ring. Hart aneinandergedrängt standen sie mit ergeben gesenkten Köpfen. Weder vor noch rückwärts, weder nach rechts noch nach links konnten sie sich bewegen.