Immer wieder von neuem überrascht es, wie plötzlich in der Wüste die Nacht hereinbricht. Kaum eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang liegt tiefe, schwarze Finsternis über die Erde gebreitet. So kam es, daß wir in der Dunkelheit den Brunnen nicht finden konnten und fürchteten, ihn völlig verpaßt zu haben. Für uns Menschen war ja gesorgt, denn wir führten zu Trinkzwecken Mineralwasser und zum Kochen zwei Fässer gutes Batnawasser mit uns. Auch die Leute hatten für sich eine wohlgefüllte Guerba aus Biskra mitgebracht. Aber die armen durstigen Tiere! Was sollte aus ihnen werden?
Als der Mond hochstieg, zeigte es sich, daß Jussufs Spürsinn ihn doch richtig geführt hatte. In nicht allzu weiter Ferne von dem Fleck, wo wir uns niedergelassen hatten, lag der Brunnen. Und Pferde und Maulesel kamen nun doch zu ihrem wohlverdienten Labetrunk.
Kein Lied, kein Tamtamschlag erklang in dieser Nacht. Kein Schakal ließ sich hören. Nur das tiefe Schnaufen und das gleichmäßige Kauen der Tiere verriet die Gegenwart von etwas Lebendigem. Über der ganzen Natur lag eine tödliche Ruhe, ein herzbeklemmendes Schweigen.
Und kalt, schneidend kalt sind diese Nächte in der Wüste! In wollene Decken gehüllt, bis an die Nasenspitze verpackt in unseren Feldbettstellen unter den Zelten, fanden wir die Temperatur gerade noch erträglich. Wenn man dagegen die Araber und Kabylen sah! Unter freiem Himmel, auf dem nackten Boden lagen sie, den Kopf gegen einen Sack oder einen Sattel gelehnt, mit nichts weiter angetan als dem Burnus über der Gandura. Dabei schliefen sie einen Götterschlaf und wußten nichts von Schnupfen oder Rheuma. Der reine Neid konnte einen beim Anblick solcher kräftigen, widerstandsfähigen Konstitutionen erfassen.
Von Hassi Djefair nach Bordj Chegga war es keine große Entfernung. In einer frischen Morgenbrise gingen unsere Pferde tüchtig ins Zeug, und in kurzer Zeit hatten wir die Wüstenherberge erreicht. Mitten in sumpfigem Moorland, dessen weißbekrusteter Boden unter jedem Schritte federt, liegt Chegga, das außer der Bordj noch aus etwa einem halben Dutzend kleiner, ärmlicher Lehmhütten besteht.
Arabischer Brunnen
Die Karawane, die nur im Schritt vorwärtskommen konnte, war weit hinter uns zurückgeblieben.
So benutzten wir die Zeit des Wartens, um den Pferden in den kühlen Verschlägen der Bordj wieder eine Weile Rast zu gönnen, und wir suchten uns ein Plätzchen im Garten unter den schattigen Palmen aus. Während wir noch warteten, traf die Diligence ein, die zweimal in der Woche den Weg von Biskra nach Tugurt macht, um die Post und Passagiere zu befördern. Sie wird jedoch von Arabern nur selten und von Fremden fast nie benutzt, denn es ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, tagelang in diesem primitiven Gefährt auszuhalten, das bald im Sande halb versinkt, bald in tiefen Furchen, nach rechts oder links übergeneigt, stecken bleibt, im übrigen aber, von vier kräftigen Pferden gezogen, über Stock und Stein dahinrattert und den Insassen den Kopf wirr und die Glieder mürbe macht. An diesem Tage brachte sie zu unserer großen Überraschung zwei Europäer, eine Dame und einen Herrn, Franzosen, wie es sich herausstellte.