Jede Fährte hatte der vorhergegangene tagelange Sandsturm verwischt. Da existiert kein Baum, kein Strauch, der dem Auge als Erkennungszeichen dienen kann. Den einzigen Orientierungspunkt bildet die Guemira[16] – den Leuchtturm dieser Sandsee könnte man sie nennen – die sich in bestimmten Abständen auf den Dünen erhebt. Für das ungeübte Auge ist es beinahe unmöglich, sie in der Entfernung zu entdecken. Aber mit einer geradezu erstaunlichen Sicherheit fand unser Führer den Weg dahin.

Seltsam grandios, unheimlich, fast beängstigend wirkt das unermeßliche Sandmeer, das auf allen Seiten nur der Horizont begrenzt, wirken die gewaltigen Wellenlinien, die erstarrt zu sein scheinen und doch in ewiger unaufhaltsamer Bewegung sind. Ja, man hatte recht: erst dieses war die echte Wüste! Der ganze Weg nach Tugurt konnte nur als eine Vorbereitung dazu betrachtet werden.

Unsere Karawane hatte sich nach und nach sehr auseinandergezogen. Einzelne der Tiere waren von den schweren Strapazen des Tages nahezu erschöpft und konnten nur noch mit Mühe vorwärts kommen. Aber da es nicht möglich war, auf dem nachgiebigen Dünenboden Zelte zu errichten, hieß es unerbittlich vorwärts bis zur nächsten Bordj.

Um das Maß vollzumachen, teilte uns der Führer nun auch noch mit, daß ein Sturm im Anzuge sei. Mit dem besten Willen läßt es sich nicht behaupten, diese Ankündigung hätte irgendwelche Freude bei uns hervorgerufen.

Kaum war der Nachtrab eingetroffen, den wir erwarten mußten, um nun dicht aneinander gegliedert zu marschieren, so erfüllte sich auch schon die Prophezeiung des Nomaden. In allerkürzester Zeit war die Ruhe um uns her in wild bewegtes Leben verwandelt. Wie leichten Schaum trieb der Wind in rasender Schnelligkeit eine dünne Sandschicht an den Hügeln hinan, und oben von allen Kämmen stieg es empor wie dichter Dampf. Als ob die ganze Erde in Fluß geraten sei. Die Sonne verschwand längst vor der Zeit und mit einem noch viel trüberen Gesichte als an jenem Tage, da wir auf dem Wege nach Tugurt zum ersten Male den Schrecken der Wüste kennen lernten.

Immer wieder ermahnte der Führer zur Eile, damit wir noch vor völliger Nacht das Ziel erreichten. Unaufhörlich erklang das harte »Arrr, Arrr« der Kabylen, um die Tiere anzufeuern, sauste der Stock auf die Schenkel der armen Geschöpfe nieder.

Der Sand stach wie mit tausend feinen Nadeln ins Gesicht, füllte die Augen und erschwerte das Atmen. Erst als wir dem Beispiel der Eingeborenen folgten und Kopf und Gesicht mit einem Turban verhüllten, wurde die Situation etwas erträglicher.

Manchmal lichtete sich das dicke Grau, und man konnte sekundenlang einen Überblick gewinnen. Das kochte und dampfte und quirlte ringsumher, und aus diesem Hexenkessel stieg endlich, endlich die Bordj Ferdjane vor uns auf. Eine ergreifende, düstere Größe lag über diesem einsamen Gebäude, das mit seinen festen Mauern und seinen gewölbten Dächern seinem unermüdlichen Feinde so energisch Trotz bietet.

Erst in diesen Stunden lernten wir den Segen einer Bordj in vollem Maße erkennen. Hinter schützenden Mauern geborgen! So ungefähr mag einem Schiffbrüchigen zumute sein, der wieder festen Boden betritt.