Markthalle in El-Oued

Mit M'guébra ließen wir zugleich die Region der Schotts hinter uns. Nun tauchten in blauer Ferne wieder die schroffen Zacken des Auresgebirges auf, und vor uns dehnte sich, in krassem Gegensatze zu der melancholischen Leblosigkeit des Sumpfgebiets, ein üppiggrünes Gefilde. Saftige Gräser nickten, Ginster und Brustbeere standen im blütengeschmückten Frühlingsgewand, niedrige Sträucher mit nadelförmigen Blättern strotzten von jungem Safte, und unter den Büschen lugten weiße und gelbe Sternblümchen und die violette Iris mit neugierigen Augen hervor. Ein würziges Aroma lag in der Luft, Vogelstimmen jubelten in der Höhe und zwitscherten in ihrem grünen Versteck, Schmetterlinge taumelten wie berauscht von Blatt zu Blüte. Leben! Leben überall! Frühlingszeit, hohe Zeit, der die sengenden Sonnenstrahlen nur allzuschnell ein Ende bereiten.


Am Abend befanden wir uns auf schon vertrautem Boden, in Chegga. Da der Rest des Weges durch dasselbe Gebiet führte, das wir bereits im Anfang unserer Reise kennen lernten, wurde beschlossen, auf diese Strecke nicht mehr viel Zeit zu verwenden, sondern sie, wenn irgend möglich, an einem Tage zurückzulegen.

So begann denn, noch ehe der nächste Morgen graute, in unserem Lager ein reges Schaffen. Zum letzten Male wurde der »Hausrat« in Kisten und Körbe verpackt. Mit Wehmut sahen wir die Zelte sinken, die in diesen Wochen unser Heim bedeutet und uns nun zum letztenmal beherbergt hatten.

Gerade als die letzten Vorbereitungen zum Aufbruch getroffen wurden, tauchte eine Anzahl berittener Kamele auf. »Die Méharis![17] Die Méharis!« riefen verschiedene Stimmen zu gleicher Zeit, Alle unsere Leute gerieten in Aufregung. Wir sahen Jussuf, rufend und gestikulierend, auf die Gruppe zueilen. Daraufhin schwenkte diese von ihrer Richtung ab und befand sich wenige Minuten später in unserem Lager. Wir hatten nun vorzügliche Gelegenheit, die Tiere zu betrachten, von deren erstaunlichen Leistungen wir häufig hörten. Welch ein Unterschied zwischen den armen Lastkamelen, denen wir bis jetzt nur begegnet waren, und diesen ihren nahen Verwandten! Jene plump von Form, schwerfällig, meist starrend vor Schmutz, das Fell räudig und zerschunden, oder des vielen Ungeziefers wegen mit Teer beschmiert; diese größer, dabei aber schlanker im Bau, viel beweglicher, mit feinem Kopf und lebhaften, intelligenten Augen. Das weiche Wollkleid, hell beigefarben, in tadellosem Zustande. Wirklich eine vornehme Sippschaft! Nur im Süden züchtet man diese Rasse.

Alljährlich im Frühjahr findet ein Wettrennen der Méharis von Tugurt nach Biskra statt. Sie legen die Entfernung von 210 Kilometern in etwa vierzehn bis fünfzehn Stunden zurück, ohne unterwegs Nahrung oder Wasser zu sich zu nehmen, ohne auch nur einen Moment zu rasten. Ein glänzendes Zeugnis für ihre Schnelligkeit, Ausdauer und Anspruchslosigkeit.

Das Rennen hatte gerade wieder stattgefunden und die Teilnehmer waren nun auf dem Heimweg begriffen. Man zeigte uns den Sieger, ein prachtvolles Tier, das den ersten Preis schon wiederholt gewonnen hatte. Und gewaltig hochnäsig, von seinem Werte völlig überzeugt, blickte es auf seine Kameraden herab.

Immer hört man nur die Leistungen des Tieres rühmen. Aber verdient der Reiter nicht ebensoviel Beachtung und Bewunderung? Zwar ist der Sattel, in dem er sitzt, mit seiner Rückenlehne und dem kreuzförmigen Halt für die Hände fast so bequem wie ein Stuhl, seine Füße können ungezwungen auf dem Halse des Tieres ruhen, und auch die Führung des Kamels, die mit einer dünnen, durch die künstlich durchlochte Nase gezogenen Kamelhaarkordel geschieht, verlangt weiter keine Kraftentfaltung. Doch vierzehn bis fünfzehn Stunden ununterbrochen auf einem Kamel auszuhalten, stundenlang ohne Pause zu galoppieren, ohne eine andere Erfrischung in der ganzen Zeit zu haben, als ein paar trockene Datteln, verrät zweifellos ebenfalls eine ungewöhnliche Leistungsfähigkeit und Mäßigkeit und ist wohl nicht minderer Anerkennung wert.