Auch als Engel erfüllten die Geschwader jener Amoretten den katholischen Himmel der Renaissancekunst; sie musizieren dort vor der Madonna des Vivarini; sie schwimmen im Gewölke zu Füßen der himmelerhobenen Maria (Ferrari); umgeben die heilige Familie Morettos (zu Berlin) und ungezählter anderer Meister. Täuschend ist die Erinnerung an die in Bäumen flatternden Eroten in Tizians Martyrium Petri oder späterhin in Trevisonis Ruhe auf der Flucht. Nicht selten genügen Köpfchen und Flügelchen und der Körper fehlt: so auf den glasierten Terrakotten Luca della Robbias. Auch diese Putten christlicher Seligkeit, diese „Gespielen“ des Jesusknaben, stammen nicht aus dem Alten und Neuen Bunde, sie stammen von den Marmorsärgen des Heidentums[263].
Diesem sogenannten Heidentum wohnte seit dem Untergang seiner Freiheit und Jugend, seitdem es hellenistisch, seitdem es sentimental, seitdem es modern geworden war, die weltflüchtige Sehnsucht inne nach Jenseits und nach Seligkeit. Die drei Jahrhunderte vor und die drei nach Christi Geburt zeigen das in großem Zug immer heftiger werdende Wettwerben der Weltreligionen in der Zusicherung eines beglückten ewigen Lebens. Seligkeit ist Unschuld; im Diesseits war beides nur im Kinde zu finden. Jene deliciae waren doch nicht nur eine phantastisch üppige Verzierung des Lebens; wer sie kaufte, tat es doch nicht immer in herzloser Verachtung des ewigen Wertes des Individuums. Lasterhafter Mißbrauch der Einfalt kam vor; wer bezweifelt es? Aber es kann doch hier nicht in Betracht kommen. Schon alles Voraufgehende gibt Zeugnis und redet laut: der Zug der Zeit zum innigen Verweilen beim Kinde und zur liebreichen Idealisierung seines Treibens, er war zu groß, er ging zu sehr ins Breite, als daß er nicht auch Tiefe gehabt hätte. Der sittlich Verdorbene fand hier Unschuld, der Unwahrhaftige fand hier Wahrheit; er sah mit Staunen, wie ein Kind seine Affekte noch nicht verbergen, noch nicht fälschen kann. Wer ein Kind auflachen sieht in hellem goldigem Entzücken, der darf wohl heilig ergriffen sein von der Echtheit dieses Tones; hier ist nicht Metall und Schlacke; die ganze Seele ist ein flüssiges Gold, sie schwimmt noch in sich strahlend in ungeteiltem großem Gefühl; sie ist eine Glocke mit immer nur einem Ton; der aber ist tief und voll und rein und muß ihr Glockenmetall ganz durchbeben.
Wer wundert sich hiernach, daß Augustus den kleinen Urenkel, den er zärtlich liebte und sterben sah, als Amorette bei sich behielt und in seinem Gemach als Bild aufstellte? Das Kind war apotheosiert, verklärt, war nach christlicher Märchensprache zum Engel geworden. Auf dem Pariser Tiberius-Cameo ist das Flügelkind in der Apotheose ähnlich gedeutet worden. So verwendete man nun aber auch auf den Gräbern seiner Verstorbenen gern Putten als Gräberschmuck, und ihre Gestalten häufen und drängen sich hier je mehr und mehr.
Besonders oft begegnet da zunächst die Einzelfigur des Flügelknäbleins, das müde hingesunken friedlich auf der Grabstätte schlummert, und zwar durchgängig mit Löwenfell und Keule, den Abzeichen des Herkules. Wie seltsam und doch wie fein erdacht ist auch diese Erfindung! Das Leben des Verstorbenen war wohl ein Herkulesleben, voll Dienst und Arbeit gewesen; jetzt schlummert er so in Frieden wie dieses Kind, und die Waffe darf rasten neben ihm. Aber Herkules errang sich mit ihr einst das himmlische unvergängliche Leben; darum sind hier diesem Herkuleskinde die Flügel gewachsen! Die Stoa redet hier wieder zu uns: die Freude am Kinde hatte sie empfohlen, und derselben Stoa Ideal war Herkules.
Zahllos endlich auf Sarkophagen, und nicht etwa nur auf Kindersarkophagen, im Relief die vielfigurigen Kinderszenen. Sie sind im Voraufgehenden schon vielfach von mir benutzt und zugrunde gelegt. Was sollten denn, fragen wir, auf der Marmorlade, die den Leichnam barg, jene Kinder, die da bald in sinnigen Spielen, das Leben nachbildend, sich ergehen, bald im Festrausch einherziehen oder Opferhandlungen verrichten, aber immer sorglos tändelnd und immer fröhlich sind? Sie umgaben den Toten mit dem, was man als das seligste Leben im Diesseits kannte und für das Jenseits erhoffte, und verhüllten dem Leidtragenden mit der unschuldigen Wonne dieser Seligkeit den herben Anblick des grabstummen Sarges. Es war Hoffnung, Verkündigung. Und zwar genügten hierzu oft die ungeflügelten Kinder; öfter aber brechen die Vogelschwingen hervor, und das Überirdische ihres Glückes, das doch erst jenseits des Todes zum zweiten Male volle Wirklichkeit werden kann, hat hiermit in ihnen Gestalt gewonnen. Die christliche Phantasie könnte diese Gebilde wohl fast mit gleichem Recht Engel nennen wie jene auf Rafaelischen und Tizianischen Entwürfen; im Wesen aber waren sie von den antiken Amoretten nicht verschieden gedacht.
Und so ergibt sich zwischen scheinbar Getrenntestem die schöne Ahnung eines Zusammenhanges. Die Kinder, die den Himmel des klassischen Altertums als Eroten bevölkerten, sind im Grunde wie eine Illustrierung des Satzes gewesen: „denn ihrer ist das Himmelreich,“ die in eben jenen Zeitläuften geschah, als dieser Satz von kundigstem Munde gesprochen wurde[264].
Seneca.
Jedes Ich ist ein Problem, und unsere Mitmenschen zu verstehen die wertvollste Aufgabe, die uns das Leben stellt. Daß wir dies lernen, darum ist unsere moderne Dichtkunst, die die Probleme sucht, unablässig bemüht. Aber auch der Mensch der Vergangenheit ist unser Mitmensch, und er ist erst recht Problem. Man versteht die Gegenwart, man versteht vor allem die Vergangenheit nicht, deren Geschenk die Gegenwart ist, wenn man die Persönlichkeiten, die großen Menschen selbst nicht begreift, deren Namen uns die Weltgeschichte zuwirft. Auch hat sich unsere fleißige Menschheitsforschung ihrer Pflicht stets erinnert, ihr hellstes Licht um die epochemachenden Geister der Vorzeit zu verbreiten. Aber einen Mann hat sie nahezu vergessen, und seine angemessene Würdigung vermisse ich da, wo ich sie suche; dies ist der „Philosoph“ Seneca, der Lehrer Kaiser Neros, der einzige große Vertreter der stoischen Religion in lateinischer Sprache. Einer der neuesten Darsteller der römischen Kaisergeschichte hat ihn einfach mit dem Ausdruck „der glatte Schwätzer Seneca“ abgetan. Wir werden sehen, wie durchdacht dieses Urteil ist.
Wer uns heute die Geschichte der schicksalsvollen römischen Kaiserzeit erzählt, steht immer noch zu sehr auf dem Standpunkt Suetons und gibt uns aufgereiht die Biographien der großmächtigen Kaiser selbst und ihrer Frauen. Wir hören da immer nur von den Titelhelden, von den Protagonisten im Drama. Seneca war nur Deuteragonist; er spielte keine Titelrolle; er wollte es nicht. Seneca hat keine Kriege geführt, er hat keine Justizmorde verübt, und wer prickelnde Personalien braucht, tut gut, über ihn zu schweigen. Und doch ist jeder kleinste Lebenszug, den wir von ihm erspähen, wie Goldglanz und tausendmal bedeutsamer als die rastlosen Albernheiten und hirnlosen Schandtaten eines Nero, mit denen man die Seiten füllt.
Darum habe ich in meinem Buch „Römische Charakterköpfe“ Seneca als eine Haupt- und Eckfigur der römischen Kaisergeschichte hochgestellt, noch stärker vielleicht die grundlegende Bedeutung seines Wirkens in dem Büchlein über römische Kulturgeschichte betont. Um so mehr drängt es mich zu dem Versuch, von ihm, wenn auch nur skizzenhaft, ein Sonderbild zu zeichnen.