Seneca, sofern er Philosoph war, wird in den Geschichten der Philosophie abgehandelt, und wir erfahren da, wieviel er in seiner Lehre seinen Vorgängern verdankt. Seneca, sofern er Schriftsteller war, wird wieder in anderen Büchern, in den Literaturgeschichten, abgehandelt, und er erhält da beiläufig eine ungünstige Note, weil er nicht klassisch, d. h. kein für unsere Primaner brauchbares, ciceronisches Latein schreibt. Auch als Staatsmann hat Seneca kürzlich eine Separatbehandlung erfahren[265]. Aber zum Verständnis des Menschen führt dies nicht. Ein vielseitiger Mann verlangt eine vielseitige Betrachtung[266]. Was nützt es, den Adam in seine Rippen zu zerlegen? Wer ihn nicht ganz läßt, sieht nicht, wie ihn Gott geschaffen. Wer will einen Lionardo in einen Physiker, Mechaniker und Künstler, wer will einen Wilhelm von Humboldt in einen Staatsmann und Sprachforscher zerschneiden? Es wäre ein sonderbares Unternehmen.

Wer Senecas wundervollen literarischen Nachlaß liest — über Seelenruhe, über die Muße, über Wohltätigkeit usf. —, der glaubt zunächst einen Asketen, einen Prediger im härenen Rock und Philosophenbart, den Mann der Weltflucht und Entsagung vor sich zu sehen, dessen unermüdliche Sittenpredigt in Heiligung gipfelt und endigt, in einem Gottesdienst der Tugend, in Freiheit des Ichs, das heißt: in Niederkämpfung und Besiegung der Leidenschaften.

Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm.

Lesen wir dieselben Schriften genauer, so merken wir, daß er nicht nur ein Verächter aller Luxusdinge der Großstadt, sondern auch ihr Kenner gewesen ist. Musik, Architektur, Kunstgärtnerei, Prunk des Hausrats, die ganze Kulturblüte der ersten Kaiserzeit hat er gesehen, durchlebt; sie lebt in ihm. Aber nicht nur das: er ist auch eine politische Größe, und die Historiker, Tacitus, Cassius Dio, halten es für ihre Pflicht, über ihn zu berichten: der erste Finanzmann Roms, voll weltlicher Geschäftskenntnis, Großgrundbesitzer[267], von vielhundertköpfigem Personal umgeben, Großkapitalist, der mit mächtigem Gefolge über die Straßen zieht, beiläufig auch nicht bärtig, sondern das Gesicht glatt ausrasiert, endlich Hofmann und Staatsmann, so erscheint er uns hier, und der Verdacht erhebt sich, daß da Lehre und Leben in seltsamem Widerspruch stehen, als zeigte Seneca zwei Gesichter, ein anderes der realen Welt, ein anderes seinen Lesern, ein anderes seiner Gegenwart, ein anderes der Zukunft. Der idealste, bravste, treu sorgfältigste Sittenlehrer der römischen Literatur ein bloßer Wortdrechsler der Tugend?

Und das Rätselhafte ist damit noch nicht erschöpft. Denn Seneca war, wie man glaubt, auch Theaterdichter, und die einzigen römischen Tragödien, die wir besitzen (es sind neun), stammen von ihm. Wozu die Leidenschaften Medeas oder Phädras vorführen, wenn es doch gilt, die Leidenschaften zu unterdrücken? Plato war konsequent und verbannte den tragischen Dichter aus seinem Staat; der Dichter Seneca läßt das Laster spielen, das er verurteilt? Hat der eitle Mann auch nach dem Lorbeer geschielt? und war ihm der läppische Beifall des Theaterpublikums ein Bedürfnis?

Wenn diese Widersprüche uns stören oder gar beleidigen, so bleibt Seneca in seiner genialen Natur doch auch so eine erste Größe in der Geschichte der Menschheit.

Der Staatsmann Seneca steht als Mann des Fortschritts und des sozialen Friedens ehrwürdig und wie eine Lichtfigur auf dem dunklen Grunde der Neronischen Zeit.

Der Dichter Seneca hat mit seinem vibrierenden Pathos auf das pathetische Schauspiel der Neuzeit seit der Renaissance und seit Marlow und Shakespeare tiefgehende, bleibende Einflüsse gehabt, die, je mehr man dem nachgeht, um so deutlicher hervortreten[268].

Unendlich aber ist der Segen, den Seneca als Moralist geübt, und schon darum müßte man ihm in unserem Zeitalter der ethischen Kultur Denkfeiern begehen und Denkmäler errichten. Zum mindesten, man müßte ihn lesen!

Die Widersprüche aber, von denen ich sprach, sind nicht einmal vorhanden. Der Mann ist eine Einheit, eine große und ehrliche Gestalt aus einem Guß. Auch als Dichter war Seneca Ethiker, auch als Staatsmann ist er es gewesen.