Es ist nur zu natürlich, daß man schon im Altertum gegen den Mann einen hämischen Ton anschlug und über ihn die Nase rümpfte. Warum lebte er im großen Weltgetriebe und warf die Reichtümer nicht hinter sich, er, der Wortführer der Bedürfnislosigkeit? Das waren die stumpfsinnigen Winkelmoralisten, die so redeten. Seneca war großzügig und tapfer und machte die Riesenkapitalien, die ihm zufielen, seinen guten Zwecken dienstbar. Denn Geld ist Macht. Es war besser, daß die Macht in seiner Hand war, als in der Hand der kaiserlichen Buhlerinnen und Libertinen.

Es ist, wenn man gut sein will, nichts bequemer, als sich aus den großen Händeln zurückzuziehen[269]. Der bessere Mann ist der, der die schnöden Mittel dieser Welt festhält, ihre Benutzung organisiert und dem Fortschritt der Gesellschaft dienstbar macht. Der beste ist der, der mit solchen Zwecken sogar den Thron gewinnt. Seneca stellte sich hart neben den Thron Neros.

Einheit seines Wesens. Stoische Religion.

Wir verkennen seine Schwächen durchaus nicht. Denn nur durch ein gewisses Nachgeben war in dieser Welt der rohen Gewalten ein solches Ziel zu erreichen. Die Einheit seiner Natur aber ist schon hiernach klar. Den Aposteln und Heiligen der christlichen Kirche kommt es zugute, daß wir ihre Biographie meist nicht kennen, und wir können sie also unbedenklich für heilig halten und tun es gerne. Die Lebensauffassung Senecas leugnet dagegen, daß es heilige Menschen gibt. Für ihn sind auch die Besten sittlich immer unvollkommen. So stellt er auch sich selbst vor uns hin. Aber daß man sich bestreben soll, vollkommen zu werden, das ist seine kategorische Forderung.

Seneca ist vielleicht in demselben Jahr wie Christus geboren, und unsere Zeitrechnung und Jahreszählung beginnt ungefähr mit seinem Geburtsjahr. Der Trieb zur religiös sittlichen Wiedergeburt der Menschheit ging damals durch Orient und Okzident; denn Orient und Okzident bildeten ein Reich, das Römerreich. Das Römerreich war die Menschheit. So wurde damals auch Seneca wie der Apostel Paulus zu einem Verkünder einer neuen ethischen Religion.

Es handelt sich um die stoische Philosophie. Sie war in der Hauptstadt Rom vor gut hundert Jahren durch Panaetius und den großen Posidonius eingebürgert worden. In dieser stoischen Propaganda, die weitherzig auch aus Platos, aus Epikurs Lehre das Beste mit aufnahm, wuchs der junge Seneca auf, und er übernahm von den Genannten die Milde der Gesichtspunkte.

Philosophie war damals das griechische Wort für Religion; und sie gab nicht nur Moralgesetze; sie verlor sich eingehend auch in Erforschung der Natur, in Betrachtung des Alls[270]. Seneca selbst hat die Wirkungen des Vulkanismus des Vesuv, der sich im Jahre 63 n. Chr. zum ersten Male regte, sogleich studiert[271], er hat eine Afrika-Expedition nach den Nilquellen angeregt[272], noch mehr, er hat die Entdeckung Amerikas schon damals prophezeit und gefordert[273]. Aber diese Naturforschung (die quaestio naturalis) führte unmittelbar auf die große Grundursache und Einheit des Alls, auf Gott. Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre — das ist der Grundgedanke bei Seneca. Seine Naturbetrachtung ist Andacht. Wer das liest, möchte in die Kniee sinken.

Da aber das All in Gott ist, ja, da das All Gott ist, müssen wir Sterbliche auch in Gott sein und gottgleich werden, da wir es nicht sind. Daher die Lichtsehnsucht Senecas. „Wir gehen im Dunkeln und im Halblicht. Wir wollen ins volle Licht, in den Himmel zurück, aus dem wir stammen“[274]. Daher der Drang nach innerer Läuterung. Diese Läuterung geschieht durch Übung, durch Ausübung. Lerne deine Pflichten gegen dich selbst, gegen den Nebenmenschen! Das ist der rechte Gottesdienst.

So entstand die umfassendste und feinste Pflichtenlehre, die die römische und vielleicht auch die nachrömische Welt gesehen: Ratschläge für alle Konflikte des Lebens, aus der Fülle der Erfahrung geschöpft. Selbstbeherrschung, Selbstzucht ist die Vorstufe. Nächstenliebe, die Sorge für die Mitmenschen, ist die Hauptsache. Es ist jene Menschlichkeit, die in dem Satz gipfelt: Liebet eure Feinde, d. h. seid um ihr Heil bemüht.

Der Ethiker für den lateinischen Okzident.