Diese Lehre gehört dem Seneca ganz persönlich; sie ist ganz individuell gefärbt[275]. Gleichwohl waren die Grundgedanken nicht neu. Man predigte sie schon seit 300 Jahren von allen Dächern. Aber alle außer Seneca sprachen griechisch. Das taten hernach ja auch die Verkünder Christi. Seneca war der einzige, der diese Gedankenwelt lateinisch faßte, und schon das war eine Großtat, ein Ereignis für Westeuropa. Denn alle anderen wandten sich an die niedrigen Volksschichten, die in weitester Ausdehnung auch in Italien, in Südfrankreich und anderen Provinzen griechisch durchsetzt waren; das Volk hatte also längst seine Lehrer und religiösen Erzieher. Seneca dagegen wollte die entscheidenden Instanzen der großen Welt, die römischen Herrenmenschen, die Söhne seiner Senatoren und Ritter, die künftigen Provinzialverwalter des Weltreichs, er wollte den Kaiser selbst eingewöhnen in die Denkweise der Menschlichkeit.
Und daher auch die glänzende Art seines Vortrags. Sie war bestimmt durch die Adresse. Sollte Seneca etwa im breiten Wortschwall Ciceros sich ergehen? Er wollte keine Wassersuppe geben. Oder hätte er versuchen sollen den naiven Volkston anzuschlagen, wie ihn später das christliche Evangelium braucht? Die Leute, an die er sich wandte, hätten ein Buch im Bibellatein damals nicht angesehen. Seneca mußte dem hochgeschraubten Kunstgefühl der vornehmen Welt Roms genügen, und es ist ihm gelungen. Durch seine Schreibweise selbst hat er sie herbeigelockt. Die Aufgabe war groß und neu, und er hat sie mit Geist und Würde und Feingefühl gelöst.
Der deutsche Gelehrte stellt sich[276], wenn er Senecas Stil beurteilt, planvoll auf den Standpunkt des geistig Armen, wenn er nicht überhaupt diesen Standpunkt inne hat, und schüttelt den Kopf voll Bedenken, weil der Mann, der da von Tugend redet, auch Geist hat. Die Franzosen wissen besser zu urteilen; denn ihnen ist jener Standpunkt fremd und sie wissen, daß Geist und Herz sich nicht ausschließen und daß auch ein wahrhaftiges und ein heißes Gefühl sich in scharfgeschliffenen Deduktionen und blitzenden Antithesen bewegen kann.
Gleichwohl wirken ethische Schriften leicht eintönig, auch wenn sie ein Seneca geschrieben. Und wer mag heute überhaupt über Tugend lesen? Heute interessiert nur die Literatur des Lasters und der Schwäche. Damals aber waren Senecas Sittlichkeitsstudien aktuell, kühn und ergreifend.
Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen.
Denn nie stank die Sünde so zum Himmel wie damals in der Millionenstadt, in dem „Babel“ Rom. Wir reden wohlgemerkt nicht von der antiken Welt überhaupt, sondern nur von ihrer Hauptstadt[277]. Das zügellose Sichausleben war nie so zum Prinzip erhoben, das Laster nie so gesellschaftsfähig, so hoffähig, wie dort unter dem ersten Kaisertum. Die schauerliche Dekadenz des städtischen Adels: Vermögensunterschlagung, Völlerei, Feigheit, Blutschande, Verwandtenmord, Erpressung, Verworfenheit; die Bordellwirtschaft Messalinas im Kaiserpalast, Agrippinas gieriger Ämterschacher — das war der freche Ruhm der Großen dieser Welt. Dazu auf dem Richtplatz die Leichenhaufen der Verurteilten; dazu gar die grotesken Volksbelustigungen, die Blutbäder der Gladiatoren in der Arena. Was war da noch der Mensch? Was war da noch Menschenwert?
Da läßt Seneca in die Paläste seine Schriften ausgehen, die den Wert der Einzelseele, des Individuums verkünden. Mit Verachtung wendet sich der reichste und mächtigste Mann Roms von den großen Sensationen der Arena ab[278]; aber er schilt nicht; er ermahnt und überredet.
Das Laster, sagt er, beherrscht uns alle; es ist eine ansteckende Krankheit. Aber wir wollen genesen. Woher die Heilung nehmen? Verachte alles Vergängliche; das gibt die Heilung; habe Ekel vor den Begierden; kämpfe mit deinem Fleisch. Aber stehe aufrecht und fürchte dich nicht[279].
Und freue dich des Leidens. Der gute Mensch wird nur stark durch Erschütterung (marcet sine adversario virtus). Der Steuermann bewährt sich erst im Sturm. Wir sollen den Sturm suchen[280]; wir sollen die Wunden suchen, wie ein Athlet[281]. Und wir sind zur Liebe da, nicht zum Hassen. Was soll der Zorn? Der dich beleidigte, der irrte nur. Also vergib ihm. Hilf deinem Nächsten und warte nicht auf Dank; denn auch die Gottheit fragt nicht nach Dank, wenn sie dir wohltut. Nur der lebt, der vielen nützt; wer träge zu Haus sitzt, sitzt in seinem eigenen Grabmal, und man müßte ihm auf seine Marmorschwelle schreiben: „Er ist vor seinem Tode gestorben“[282].
Weiter: sei menschlich und dankbar auch gegen den Sklaven; denn alle Menschen sind gleich vor Gott.