Der Körper aber ist nur eine Last, ein Gefängnis. Der Tod ist der Geburtstag des Ewigen (der natalis aeterni). Sterben ist Gewinn. Halte dich reisefertig (anima in expedito est habenda). Wir fliegen zu unserem Ursprung zurück[283]. Aber der Tod genügt nicht; wir sollen auch unseren Tod noch wertvoll machen. Wir sollen haben, wofür wir sterben[284].

Solche Gedanken nehmen, wie in der christlichen Lehre, den breitesten Raum ein. „Ich liebe das Leben, weil ich sterben darf“[285]: das gibt den Grundton. Aber auch der freiwillige Tod Catos wird als Rettung aus der Not der Zeit, den Greueln der Tyrannei, gebilligt. Und so ist Seneca endlich auch ein Seelsorger und Tröster der Trauernden. Auch wer untröstlich am Grabe seines Kindes steht, findet bei ihm ein helfendes Wort: „Kein Leben ist zu kurz, wenn es gut war“[286]. Von den sinnlichen Freuden des Paradieses aber weiß er nichts. Im Jenseits sind alle Herzen offen und durchsichtig: das ist das Schönste, was Seneca vom seligen Leben zu verkünden weiß[287].

So überschwenglich reich diese Diatriben Senecas sind — reich auch an frischen, echt volkstümlichen Wendungen im Stile Bions und unmittelbar anschaulichen Bildern aus dem Leben, — so sehr enttäuschen seine Tragödien. Aber auch bei ihnen muß ich verweilen. Denn an solchem Manne ist nichts unbedeutend. Wo ist der Staatsmann, der Richelieu oder Bismarck, der neben seinem großen politischen Wirken noch eine neue Ethik und noch Tragödien bleibenden Wertes schrieb?

Der Stimmungsbereich ist in Senecas Dichtungen freilich eng. Er greift immer nur nach dem Gräßlichen, Entsetzlichen. Eine Iphigenie, Antigone, ein Philoktet liegt ihm nicht. Und der Grund dafür ist durchsichtig. Die blutrünstigen Laster seiner eigenen Zeit sind es, die Seneca in ihren tragischen Konsequenzen zeigen will: frenare nescit iras[288]! Brudermord, Familienschande, kannibalische Rachsucht bis zum Äußersten. Es sind Abschreckungsbilder, die er gibt, und sie dienen der Moral. Mitten in die furchtbaren Tiraden seiner Helden aber drängt sich das Chorlied, das da die Armut der kleinen Leute, den ländlichen Frieden, das Hirtenleben sehnsüchtig preist[289]. Niemand scheint bemerkt zu haben, daß Seneca selbst uns in der Schrift De ira (II, 5) den deutlichen Hinweis gibt, was die Tragödie für ihn bedeutet. Denn als Beispiel für die üble Wirkung des Zornes führt er dort den „Aiax“ des Sophokles an. Ganz ebenso sind seine eigenen Tragödien groß angelegte Belegstücke für seine Theorie von der Verderblichkeit der Leidenschaft. Die Überspannung bis zum äußersten, die uns in ihrem Ton belästigt, da sie sich nirgends genug tun kann, lag im Zweck des Dichters.

Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare.

Es gilt dabei zu wissen, obgleich dies meistens verkannt wird, daß diese Stücke nur Lesedramen, daß sie nie zur Aufführung bestimmt gewesen sind. Daher eben sind sie uns allein erhalten. Sie verdrängten alle Spieldramen der Früheren, eines Pomponius und Accius, durch ihre Lesbarkeit. Es war bequeme Buchlektüre.

Woraus läßt sich das entnehmen? Aus ihrer Unaufführbarkeit. Ich rede hier nicht vom Ortswechsel, den der Dichter zuläßt, nicht von den eingelegten, oft schier meilenlangen Gesängen, die kein Chor wirklich absingen konnte; auch nicht von den Helden selbst, die sich nicht entwickeln, sich nicht wechselweise beeinflussen, sondern zumeist nur Abhandlungen oder Sinnsprüche reden über Liebe und Haß, Wut und Neid, an denen jeder Schauspieler hätte verzweifeln müssen. Es sei vor allem auf eines hingewiesen:

Shakespeare läßt seinen Julius Caesar auf offener Bühne erstechen, und das ist sein Haupteffekt. Bei Sophokles dagegen wird der böse Aegisth sorglich hinter die Kulisse geschafft, um da durch des Orest Schwert zu fallen. Das ist der tiefstgreifende Unterschied zwischen antiker und moderner Tragödie. Die antike vermeidet solche sinnfälligen Effekte ganz. Das ist, was sie so vornehm erscheinen läßt: keine Tötung, kein Handgemenge. Seneca aber steht auf dem Boden des Shakespeare, nicht des Sophokles: das ist das kunstgeschichtlich Merkwürdige; er bricht mit der antiken Tradition und nimmt vollkommen das Moderne vorweg.

Es ist klar, daß die Gepflogenheit des Altertums durch das Kostüm bedingt war. Der Schauspieler der Kaiserzeit ging auf dem Kothurn; er balancierte auf einer hohen hölzernen Stelze. Bei jeder lebhafteren Bewegung fiel er um, das lange Schleppkleid schlug in die Höhe, die Stelzen starrten in die Luft, und das Publikum brach in furchtbares Gelächter aus[290]. Nicht einmal ein Trinken und Essen konnte vorgeführt werden; denn die mächtige Gesichtsmaske hinderte.

Seneca nahm auf diese Schwierigkeiten gar keine Rücksicht. Vor unseren Augen erschießt Herkules mit dem Bogen seine fliehenden Kinder, und die Leichen werden vor unseren Augen untersucht; sie haben den Pfeil im Nacken. Vor unseren Augen steigt Medea aufs Dach und ersticht da höhnend ihren kleinen Sohn, während Jason von unten zusieht und jammert. Hippolyts Leiche ist zerstückelt; vor unseren Augen werden Kopf, rechte und linke Hand und andere Gliedmaßen herbeigebracht und der Körper mühsam wieder zusammengelegt, damit Theseus seinen Sohn erkennt. Grauenvoller noch der Thyest, und dies ist vielleicht der Gipfel der Dichtkunst Senecas.