Atreus haßt seinen Bruder Thyest. Ein tödlicher Haß. Er lockt des Thyest drei Söhne an sich, schlachtet sie und setzt sie dem Bruder als Speise vor. Die Türen zu einem Innenraum werden geöffnet: drinnen liegt Thyest kauend und schon satt am Tisch auf dem Polster und zecht und singt berauscht noch ein Lied. Plötzlich erfaßt ihn Schwermut; er muß weinen; er ruft in Sehnsucht nach seinen Kindern. Da tritt triumphierend Atreus herzu und sagt ihm in zweideutigen Worten: daß er sie schon hat, daß er sie schon umfängt. Er selbst ist seiner Kinder Grab. Inzwischen hat die Sonne, hat das Weltall sich vor Entsetzen verdunkelt. Das letzte Drittel des Stückes spielt in völliger Nacht; nur der Eßsaal ist künstlich erleuchtet. Kein antikes Theater konnte das vorführen[291].
Die Schrecknisse der Shakespeareschen Kunst, die Erdrosselung Desdemonas im Othello, die Blendung des Gloster im Lear, sind also in den Lesedramen Senecas vorweggenommen. Es ist sicher, daß Shakespeare in dieser seiner nervenerschütternden Praxis nicht etwa durch unseren Seneca selbst beeinflußt war; denn auch die Passionsspiele und Moralitäten des Mittelalters hatten es ja nicht anders gemacht; man denke an Christi Geißelung und Kreuzigung, die man in allen Kirchen leibhaftig vorführte. Aus Gideons Kampf mit den Philistern wurde damals im „Prophetenspiel“ wirklich eine Schlacht, so daß die Zuschauer selbst die Angst ergriff[292]. Gleichwohl haben Senecas Dramen, seitdem sie wieder bekannt wurden[293], für dies grob drastische Verfahren eine nachträgliche klassische Sanktion gegeben.
Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung.
Am denkwürdigsten aber ist Senecas Herkules Oetaeus[294], und jeder Theologe und Evangelienforscher sollte dies Stück, den Herkules auf dem Oeta, einmal lesen, so peinigend auch das enorme Pathos ist, das ihn erfüllt. Denn da erhebt sich die stoische Religion dazu, einen Gottessohn darzustellen, der auf Erden erschienen ist, um zum Gottvater erhöht zu werden: eine Konkurrenzdarstellung zu den Evangelien, aber schon um das Jahr 55, vor dem Ur-Matthäus und Marcus geschrieben. Herkules wird nicht gekreuzigt, aber unter Höllenqualen vergiftet und durch den Feuertod erlöst. Die Mutter aber, die ihn vom höchsten Gott empfangen und geboren, Alkmene, steht vor ihrem sterbenden Sohn und erlebt die Passion mit durchbohrtem Herzen und ringt nach Fassung, um der Welt zu zeigen, wie eine Mutter um ihren Sohn trauern muß[295].
Dieser Herkules, mit seinem Flammentode, war ein altes Ideal der Stoa[296], und er hat dem Christusdienst auch sonst Konkurrenz gemacht; dies dürfen wir folgern aus jener Erzählung vom Peregrinus Proteus (bei Lucian), der erst Christ ist, dann aber sich zur Herkulesreligion bekehrt, vor dem Volke einen Scheiterhaufen errichtet und den Tod des Gottessohnes Herakles auf sich nimmt.
Alles dies beweist genug. Es ist unglaublich, daß einsichtige Philologen verkannt haben, wie eng verknüpft Senecas Tragödien mit seinem Gesamtwirken gewesen sind.
Nun aber sein Leben selbst. Es fragt sich: was hat der Mann mit seinen Lehrschriften gewollt? Wann und zu welchem Zweck hat er sie geschrieben?
Seneca war Spanier von Herkunft, ein Sohn Cordobas, ein Kind des Sonnenlandes Andalusien. Der Spanier galt als brav und bedürfnislos; er galt als heroisch, wenn man ihn marterte[297]. So ist uns Senecas Vater als ehrenfester Mann bekannt. Der Sohn dachte gar nicht daran, Berufsphilosoph, Kathederphilosoph, wie er es selbst nennt: philosophus cathedrarius[298] zu werden. Er nahm die stoische Lehre nur früh in seine Gesinnung auf; sie stärkte ihn bei schweren Krankheitsfällen [299]. Der griechische Weise Demetrius, der als Bettler (seminudus) in Rom einherging, war ihm ein lieber Verkehr, er verehrte ihn zeitlebens schwärmerisch und hielt ihm die Treue. Seneca aber wollte von vornherein etwas ganz anderes als dieser: er wollte ein tätiger Staatsbürger, ein Mann der Tat und nicht der Betrachtung, ein Mann der actio, nicht der contemplatio sein. Das sagt er uns ausdrücklich: sein Leben war ein Geschäftsleben ohne Ferien[300]. Als junger Mann schon wurde er Senator[301] und zugleich der erfolgreichste Sachwalter in den gewaltigen Prozessen jener Zeit, die vor Kaiser und Senat geführt wurden. Das Leben des Senators aber war das angespannteste: das müßige Volk lief in die Bäder; die Senatssitzungen währten vom Morgen bis in die Nacht.
Der Kaiser Caligula aber war über die Erfolge dieses ernsthaften Menschen wütend und zwang ihn, die Sachwaltertätigkeit aufzugeben. Da beschränkte sich Seneca auf das, was er nennt: tacita advocatione cives iuvare, „mit stummer Advokatur den Mitbürgern zu helfen“[302]; er stellte sich als Ratgeber zur Verfügung, ohne als Redner zu wirken[303]. Und in dieser Stellung und nicht durch seine Schriften gewann er schon damals große Kreise von dankbaren Anhängern; denn als die Kaiserin Messalina ihn im Jahre 41 nach Corsica verbannt — Seneca war den nichtsnutzigen herrschenden Hofkreisen unbequem —, da wird bemerkt, daß das ein Schlag gegen die öffentliche Meinung der Hauptstadt war.
Man brachte gegen ihn das Unbewiesene vor, daß er Liebhaber der verführerischen Prinzessin Julia Livilla, der Schwester Agrippinas, war. Beide Schwestern, Livilla und Agrippina, waren der Messalina verhaßt. Diese wilden weiblichen Katzen verbissen sich ineinander, bis Livilla sich verblutete.