Sicher ist, daß Seneca mit Livilla und Agrippina irgendwie liiert war[304] und daß Messalina in ihrem schamlosen Treiben sich vor Seneca fürchtete oder durch ihn behindert fühlte. Denn so lange sie lebte, duldete sie seine Rückkunft aus Corsica nicht. Kaum aber ist sie tot, da wird er von Agrippina nach Rom berufen und beherrscht auf einmal die Lage der Dinge, den Senat, den Hof.

Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn.

Seneca wurde der Lehrer Neros. Ob Nero oder nicht vielmehr der junge Prinz Britannicus Kaiser werden würde, war noch unentschieden, und so ist es von Interesse zu erinnern, daß auch dieser Britannicus damals seinen Erzieher hatte, den Sosibios, der vom Kaiser Claudius einmal eine Million geschenkt erhielt, weil er sich auch als Berater des Hofes bewährte[305]. Auf diesem Wege ist auch Seneca ein Berater des Hofes geworden. Sein Lehrauftrag betraf nur die Redekunst; wir wissen aber, daß solche Rhetoriklehrer in den vornehmen Familien den ersten Zweck hatten, für die sittliche Haltung ihres Zöglings zu sorgen[306]. Dadurch gewannen sie oft genug maßgebenden Einfluß im Hause.

Aber er war noch immer kein „Philosoph“. Die einzige bemerkenswerte ethische Lehrschrift, die Seneca bisher verfaßt, war die gegen den Zorn[307]. In den acht Jahren auf Corsica hatte er Muße genug, hat aber allem Anschein nach nicht daran gedacht, diese Schriftstellerei da fortzusetzen. Er war zeitlebens Mann des Geschäftsfleißes, der actio, ein Organisator großen Stils. Daher war ihm das Exil so unerträglich. Er war lahmgesetzt[308]. In der Zurückgezogenheit wird solche Natur unproduktiv und versinkt in pflanzenhafte Stille. Nur im Getriebe des großen Lebens, durch tägliche Reibung, entzünden sich ihre Fähigkeiten, steigert sich ihr Können und Wollen, und sie wächst mit ihren Zwecken ins Große.

Wie mit dem Cyniker Demetrius, so war Seneca mit dem griechischen Gelehrten Polybius befreundet. Dieser augenscheinlich vortreffliche Mann war Freigelassener des Kaisers und hatte als solcher das Hofamt für Bittschriften zu verwalten. Als Polybius seinen Bruder verlor und schwer um ihn trauerte[309], richtete Seneca im ersten Jahre seiner Verbannung an ihn ein Trostschreiben; da war es naheliegend, ja selbstverständlich, daß er die Gelegenheit benutzte, um in derselben Schrift nun auch sein dringendes Verlangen nach Rückberufung aus dem Exil zu äußern; Polybius sollte dafür wirken. Diese Schrift war aber nicht etwa als Privatbrief abgefaßt; vielmehr veröffentlichte sie Seneca, legte sie also selbst dem großen Publikum der Hauptstadt vor; die Sache war für dies Publikum somit von Interesse, und sie war völlig ohne Anstoß; sonst hätte er dies nicht tun können, und es ist also ganz müßig, sie ihm heute als Fehlgriff oder gar als Selbstentwürdigung anzurechnen[310]. Zugleich preist er in dieser Schrift die guten Eigenschaften des Claudius in vollen Tönen — solches Lob war damals nichts als eine andere Form der Ermahnung[311] —, während zum Lobe der Kaiserin Messalina kein Wort darin steht. Es folgt daraus aber, daß Seneca auf Claudius, der ohne Frage manche guten Eigenschaften besaß und der damals, im Jahre 43 auf 44, eben erst die Herrschaft begonnen hatte, tatsächlich noch große Hoffnungen gesetzt hat. Dieser Kaiser mit der schwachen Willenskraft bedurfte nur der Leitung, und dem moralischen Einfluß Senecas hatte er sich überdies schon zugänglich gezeigt; denn als in Rom Senecas Verdammungsschrift gegen den Zorn bekannt wurde, erließ Claudius sogleich naiv gutherzig ein Edikt, in dem er versprach, seine Neigung zum Jähzorn hinfort bemeistern zu wollen. Konnte Seneca zunächst mehr verlangen? Er durfte damals also erwarten, daß er den Kaiser auch weiterhin günstig würde beeinflussen können, falls er aus Corsica fort und wieder in Rom war.

Allein die Kaiserin stand dem Plan gehässig im Wege, und erst als Messalina starb, wurde sein Wunsch erfüllt.

In jener Mahnschrift über den Zorn hatte Seneca unter anderem auch über Knabenerziehung gehandelt, und diesen Ausführungen dankte er es ohne Zweifel, daß ihn Agrippina gleich nach seiner Rückkehr zum Erzieher ihres Sohnes Nero berief[312]. Überhaupt aber veröffentlichte er in der nämlichen Schrift sein Lebensprogramm und gleichsam seine Methode. Kein revolutionärer Sturm und Drang steckte in ihm, keine Gracchus-, keine Brutusnatur. Seine Tapferkeit war defensiv, nicht offensiv[313]. Inmitten der furchtbaren Brutalitäten will er nur andauernd und grundsätzlich die Milde und Ruhe wahren und die stoische Lehre, daß man nie Böses mit Bösem vergelten soll[314], wirklich wahrmachen. Mit Verachtung blickt er auf die Germanen; denn die Germanen sind ein Volk des Jähzorns, ein Volk der Rache. Bessern, nicht strafen soll man den Gegner — auch das öffentliche Strafrecht wird von ihm auf diesen Satz gegründet[315] —, und ist der Kaiser selbst der Beleidiger, so soll man es mit Lächeln tragen[316]. Das mag uns fremd berühren und in seiner Durchführung als Schwäche erscheinen; wir dürfen aber nicht vergessen, daß es ein kranker Mann ist, der so denkt und schreibt. Hager und abgezehrt, ein Opfer der Neuralgie, vor allem zeitlebens von schwerem Herzleiden gepeinigt[317], war Seneca auf die frugalste Ernährung, auf die Verhütung aller jähen Erregungen angewiesen. Er kannte die Nähe des Todes und bewahrte eben darum eine gleichmäßige Heiterkeit[318].

Agrippina zurückgedrängt. Senecas Reichsverwaltung.

Kaum tritt nun dieser schwächliche Mann in das Zentrum der Ereignisse, so muß er erleben, wie das Regiment gleich in seinen Fugen zusammenkracht. Es war das Jahr 54 n. Chr. Agrippina, die Kaiserin, vergiftet den Kaiser Claudius, ihren Gatten; sie läßt auch den Narciß umbringen, den gefürchteten Hausminister des Kaisers.

Agrippinas Sohn Nero ist unmündig; Agrippina will jetzt selbst Kaiser Roms sein; die starrsinnig übermütige Frau will ihr schmähliches Raubsystem, ihre Mißhandlung des Senats fortsetzen. Da erhebt sich Seneca. Mit zwei meisterhaften Schachzügen wirft er sie um, vernichtet er die Autorität der Kaiserin, indem er ihr gleich bei einer der ersten großen kaiserlichen Audienzen geschickt den Vorsitz entzieht[319] und durch seine geistsprühende Satire, die man Apokolokyntosis nennt, ihr politisches Ansehen vollständig zertrümmert[320], und regiert jetzt auf einmal selbst, gestützt auf Burrus, den Präfekten der Garnison, das Weltreich, die Welt von Armenien bis Spanien und England. Denn der junge Kaiser Nero, dieser Ästhet, diese schillernde Molluske, dieser knochenlose Polyp, war für ernste Dinge nicht zu haben. Seneca mußte sich mit dem Versuch begnügen, seine gefährlichen Triebe zu mäßigen, seinen Allmachtsrausch zu dämpfen. Nero war nur der Zeiger, nur das Schlagwerk an der Uhr, Seneca fortan die stille Feder im Uhrwerk, die niemand sah und deren stählerne Kraft alles bewegte. Als Schützer des Vaterlandes betrachtet er jetzt sich selbst[321]. Es waren nur etwa 7–8 Jahre: die vielbesungene goldene Zeit Roms.