Der junge Kaiser mußte Senecas ausführliches Regierungsprogramm im Senat wörtlich vorlesen. Und dies Programm wurde wirklich durchgeführt: Seneca kehrte zu den Grundsätzen des Idealkaisers Augustus zurück, desselben Augustus, dem er auch in seiner Claudiussatire voll Verehrung das entscheidende Wort erteilt[322]; der Senat ist nun wirklich wieder die selbständige gesetzgebende Körperschaft, der Kaiser nur der erste Bürger der Stadt, und kein Justizmord geschieht mehr[323], keine Staatsämter sind mehr käuflich; das scheußliche Denunziantentum, die Gesinnungsriecherei hört auf; das Gerichtsverfahren ist wieder das alte[324]. Man spricht wieder von der alten Freiheit; denn die Monarchie ist zur Freiheit kein Gegensatz[325].
Dazu kamen aber auch Reformen[326], eine Reform des Steuerwesens[327], vor allem die Zentralisierung der Reichsfinanz in der Hand des Kaisers, indem das Ärarium des Senats in den kaiserlichen Fiskus aufging. Das war Senecas nützlichstes Werk. Aber auch dem Gedeihen der Reichsprovinzen galt seine Fürsorge; er hält darauf, daß die Provinzen gegen die Statthalter in Rom unbehindert Klage erheben können[328].
Wie sehr Senecas Reformen ins Einzelne gingen, lernen wir jetzt aus den ägyptischen Papyri. Seneca hat gleich im Jahre 55 für Ägyptens Hauptstadt eine neue Gemeindeordnung[329] sowie für militärische Aushebungszwecke eine Neuordnung der Namenlisten der Dienstfähigen in Ägypten eingeführt[330]. Er war selber früher in Ägypten gewesen; daher das Interesse[331].
Im übrigen rufe ich den Apostel Paulus zum Zeugen. In Paulus’ Römerbriefe, der im Jahre 54 oder bald danach geschrieben ist, wird im Kapitel 13 die Reichsverwaltung Senecas anerkannt mit der Bezeichnung, daß sie Gottes Dienerin zum Guten sei[332], vor der sich die Bösen, aber nicht die Guten zu fürchten haben. Diese Worte schrieb Paulus damals in Korinth, fern von Rom. Der Segen wurde überall empfunden[333].
Und eben erst damals begann nun auch die große Schriftstellerei Senecas. Das ist das Erstaunlichste. Sie war also aktuell im höchsten Grade. Diese Schriften sind Erzeugnisse der actio, nicht der contemplatio.
Zunächst allerdings Neros persönlichste Wünsche! Nero wünschte Gedichte zu sehen. Wer weiß, was für Arientexte der junge Sänger von seinem Lehrer erwartete? Seneca aber schrieb ihm damals zu seiner Warnung jene schreckhaften Tragödien, von denen ich sprach, mit den berühmten Schlagwörtern gegen die Tyrannen und der Mahnung: „rex velit honesta“[334].
Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a.
Doch das ist belanglos. Jetzt schreibt er vor allem die große Hauptschrift über die Wohltätigkeit[335] und die andere über die Gnade des Herrschers. Er rafft seine Kräfte; er will jetzt sein Bestes tun. Die zweite ist eine Erziehungsschrift, dem jungen Kaiser überreicht, der vor Tyrannei, Blutvergießen und jeder herrischen Wallung dringend verwarnt wird und Milde lernen soll, wie der große Kaiser Augustus sie übte. Es ist bedeutsam, daß Seneca diese Mahnschrift nicht nur dem jungen Kaiser in die Hand legte, sondern zugleich kühn ins Publikum warf. Damit band er sich selbst vor der Öffentlichkeit. Der Öffentlichkeit vertraute der Minister an, was er von seinem Monarchen forderte. Nur sein Sturz konnte sein Programm aufheben. Wichtiger noch das Werk über das Wohltun[336]. Es ist in der Tat das Vollkommenste, was die Antike über Menschenliebe, d. h. über die Pflicht sozialer Hilfe gebracht hat[337]. Keiner vor Seneca hat etwas Ähnliches, praktisch Brauchbares geschrieben. Die Sophismen der griechischen Philosophen schiebt er in überlegener Weise beiseite, alles Schulmäßige streift er nach Möglichkeit ab[338]. Und diese Sachen kamen von der höchsten Stelle im Reich; das ist das ganz Eigenartige: die Regierung selbst predigt eine neue Ethik.
So hatten es einst auch Lykurg und Solon bei den Griechen gemacht; so Moses bei den Juden. So macht es jetzt der römische Staatsmann.
Und so ist denn auch die Tragweite, die Einwirkung seiner Ethik die tiefstgehende gewesen; sie reicht deutlich erkennbar durch die nächsten Jahrhunderte, ja, sie reicht bis heute. Wenn Paulus in dem genannten Kapitel, nachdem er Senecas Regierung als weltliche Autorität anerkannt hat, hinzufügt: „Du sollst deinen Nächsten lieben (ἀγαπᾶν) wie dich selbst[339]“, so war das eben der Gedanke, den Seneca damals von oben her in die Welt warf und den Paulus billigte. Die spätere christliche Kirche konnte in der Tat nichts tun, als diese Lehre festzuhalten, und es läßt sich schwerlich sagen, daß sie sie wesentlich weiter gefördert hat[340]. Ich erwähne das Sklaventum. Noch Thomas von Aquino, der Fürst der katholischen Dogmatik im 13. Jahrhundert, hält an der Sklaverei als einer staatlichen Einrichtung fest und ist betreffs der menschlichen Behandlung der Unfreien nicht über das hinausgekommen, was Seneca lehrt[341].