Eine persönlichere Note haben andere Schriften Senecas, wie De vita beata, d. h. „über reiche Lebensführung“ oder über das Wesen des Reichtums, und die Schrift über die Seelenruhe, De tranquillitate animi. Man hatte ihm vorgeworfen, daß sich durch Neros launenhafte Güte ein übergewaltiges Vermögen[342] in seinen Händen ansammelte. Seneca legt nun erstlich dar, daß das Arbeiten für Staat und Vaterland die höchste Pflicht des Lebens ist[343], sodann aber, daß nur der Reichtum einen wirksamen Gebrauch der Tugend möglich macht, d. h. nur die Geldkraft ermöglicht die soziale Hilfe[344]. Das Kapital muß nur in den rechten Händen sein[345].
So dachte er. Nirgends aber finden wir dabei den Ton des Stolzes oder protzenhafter Selbstüberhebung; vielmehr geht eine gutherzige und liebenswürdige Bescheidenheit durch all seine Schriften, die echt ist und sich gleich bleibt[346].
Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende.
Senecas großes Bankinstitut — so können wir es nennen; es war gleichsam eine Reichsvorschußzentrale — gab Darlehen durch alle Länder, über ganz Europa und Afrika. Wir hören einmal, wie die jungen Gemeinden in England, welches Land damals eben erst römische Provinz geworden war, eine Anleihe von 10 Millionen Sesterz bei ihm gemacht haben und wie er das Geld kündigen muß, weil die Zinsen nicht einlaufen[347]. Es ist kindisch zu sagen, daß er keine Zinsen hätte fordern sollen[348]. Seneca wußte, daß eine von der Regierung selbst geleitete Bank für den Staat ein Segen, daß sie aber ohne Sicherungen nicht operieren kann. Staatsbanken kannte das Altertum noch nicht. Das Privatinstitut Senecas kam dem am nächsten. Man erinnere sich, um die Sache richtig zu verstehen, daß auch der kaiserliche Fiskus das Privatvermögen des Kaisers war, das aber in den Dienst des Reichs gestellt wurde. Just ebenso machte es Seneca mit seinem Fiskus.
Ganz abzusondern von dieser gewaltigen geldwirtschaftlichen Arbeit ist Senecas eigene Lebensführung, seine persönliche großartige Mildtätigkeit, die, wie wir lesen, auch noch den Nachlebenden als leuchtendes Vorbild galt[349]. Er selbst äußert sich maßvoll: er gab nur mit Wahl. „Ich habe einen Geldsack, der leicht aufgeht, aber nicht durchlöchert ist, aus dem viel genommen wird, aber nichts herausfällt“[350]. Doch hatte eben alles bei ihm großen Stil. Ja, Tacitus erzählt, daß viele Kinderlose damals dem Seneca ihr Vermögen vermachten; man wußte das Geld nirgends besser aufgehoben als bei ihm.
In Nero aber war längst die Bestie erwacht. Das Gräßlichste geschieht. Nero läßt seine Mutter Agrippina ermorden. Es hieß: Agrippina hätte auch ihrem Sohne nachgestellt. Das war auch für Seneca die Katastrophe. Was sollte er tun? Er suchte trotz allem Nero zu halten. Ja, er mußte Neros Schandtat bemänteln. Er mußte es; denn er brauchte ihn. Er konnte ohne des Kaisers Zustimmung nicht wirken[351]. Wenn nur dieser Nero ihm ferner gefügig blieb!
Hier müssen wir uns der antiken Denkweise erinnern. Dem Seneca erschien der jedesmal regierende Kaiser, er sei gut oder schlecht, unantastbar und durch sein Amt geheiligt, ein Stellvertreter Gottes[352], ungefähr wie der Papst dem römisch-katholischen Christen. Suchen wir eine Analogie aus unserer Zeit, so läßt sich in der Tat nichts anderes sagen: der Kaiser Roms war Oberpontifex; er war der Papst des Heidentums. Er ist wie das Wetter, das wir, ob es uns auch vernichtet, willenlos hinnehmen und nicht ändern können[353].
Hätte Seneca damals rasch entschlossen Nero, den Muttermörder, selbst aus der Welt geschafft, er hätte es mutmaßlich gekonnt; das Volk hätte ihm zugejauchzt, und er wäre selbst Kaiser geworden. Es gab in der Tat Leute, die das von ihm erwarteten. Aber Seneca war kein Sejan; ihm fehlte der Wille[354]. Nur ein Soldat konnte Imperator sein, und das war er nicht.
Nun wurde er bald genug Neros Opfer. Im Jahre 65 starb er. Nero hatte, von dem nichtswürdigen Tigellinus beherrscht, Seneca schon aus den Geschäften verdrängt, auch die Riesenkapitalien ihm abgenommen, um das Geld für seine goldenen Palastbauten zu verschwenden, und stand fortan sprungbereit, seinen Lehrer umzubringen. Aber er wagte es nicht. Seneca war zu angesehen. Nero war zu feige. Das zog sich hin durch drei Jahre namenloser Erregung[355]. Aber Senecas Philosophie, sagen wir besser seine Natur, bewährte sich. Seine Seelenruhe ist bewundernswert. Denn obschon er jetzt, beständig bedroht, wie auf einem Vulkan lebte, fand der Rastlose in dieser Zeit trotzdem die Ruhe, nicht nur ein vollständiges System der Moralphilosophie, das uns verloren ist, sondern daneben sein großes naturforschendes Werk (wir könnten es den „Kosmos“ der römischen Literatur nennen), eine Arbeit wirklich wissenschaftlicher Haltung, vor allem aber seine 124 Moralbriefe zu schreiben, die uns sein Innerstes erschließen und der gedankenreichste, unvergänglichste Nachlaß seiner Feder sind. Er wußte, was ihm bevorstand. In seinem 26. Briefe steht: „Ob ich tapfer bin, werde ich in meiner Todesstunde zeigen.“ Er hat das durch den qualvollsten Tod bewahrheitet. Sein gräßliches Martyrium war vernichtend für Nero, für ihn selbst war es Verklärung. Die antiken Martyrologien erzählten davon[356]; seine „letzten Worte“ wurden lange Zeit aufbewahrt[357].
Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild.