Sein Werk aber blieb unverloren. Schon Nero nannte es mit seinem unreinen Munde ein Werk für die Ewigkeit, munera aeterna[358]. Der beste aller Kaiser Roms war Trajan, auch er ein Spanier wie Seneca; Trajan aber hat ausdrücklich an Seneca angeknüpft mit der Äußerung, die Leistungen aller anderen Kaiser stünden hinter Senecas Verwaltung zurück[359]. Gleichzeitig tönt uns aus Juvenal die Stimme des Volkes entgegen: „Hätte das Volk damals zu wählen gehabt, es hätte Seneca zum Kaiser gewählt“[360]. So führt die Höhenlinie der großen römischen Kaisergeschichte von Augustus über Seneca zu Trajan und zu Mark Aurel.
Auch der Kaiser Mark Aurel war Spanier, und in Mark Aurel hat sich nun das Ideal ganz verwirklicht: der Philosoph und Menschenfreund hatte endlich den Thron selbst bestiegen. Schon vorher aber war Kaiser Titus, „die Liebe und Wonne des Menschengeschlechts“, wie wir mit Zuversicht ansetzen, durch mittelbare oder unmittelbare Beeinflussung Senecas zu dem Musterkaiser geworden, wie Sueton ihn schildert[361].
Dann zerfiel das römische Reich. Aber das Erbe der Humanität Senecas lebte unverloren weiter. Denn eben diese Humanität ist es, die dem klassischen römischen Rechte der späteren Kaiserzeit zugrunde liegt und in ihm praktisch wurde; sie fand aber zum Teil auch Eingang in die Pflichtenlehre der christlichen Kirchenväter und hat so hineingewirkt bis in unsere neueste Zeit. Die Kirchenväter hielten seit dem 5. Jahrhundert Seneca sogar fälschlich für einen Christen; hätten sie es nicht getan, seine Schriften wären uns mutmaßlich gar nicht erhalten worden.
Jetzt ist jeder, der das Liebesevangelium des Christentums würdigen will, verpflichtet, Senecas Schriften zu kennen.
Wir aber halten daran fest, daß Seneca ein Mensch aus einem Guß war, kein Heros, aber doch ein Mann der Aktion großen Stils[362] und ein seltener Mann: der im Ewigen zu leben versucht, aber sich weltbestimmend mitten in die Endlichkeit stellt. Wir halten ebenso daran fest, daß seine wichtigsten Schriften keine Schulabhandlungen oder gar müßige Stilübungen, wie viele zu glauben scheinen, sondern daß sie von hervorragend praktischer Bedeutung und das wichtigste Hilfsmittel des Staatsmannes waren, der da einsah, daß ohne sittliche Hebung, ohne Brechung des Egoismus, ohne Erweckung der sozialen Impulse, ohne eine neue Ära des Menschentums die Gesellschaft nicht zu retten war.
Auch darin aber stand er ganz auf dem Standpunkt seines Vorbildes, des Kaisers Augustus.
Augustus gab seine berühmte Ehegesetzgebung; in gleichem Interesse schrieb Seneca seine inhaltreiche Schrift „über die Ehe“. Wer will hier noch den Zusammenhang verkennen[363]? Aber auch sonst hatte Augustus das Volk, insbesondere die höheren Stände, durch Verbreitung moralischer Schriften sanieren wollen. Da der Kaiser sie aber nicht selbst verfassen konnte, so hob er, wie Sueton erzählt, aus der besten Literatur der Vergangenheit persönlich viele wertvolle Stellen aus und verbreitete sie durch Vorlesung und durch Abschriften mit Hochdruck. Es war ihm bitter ernst damit[364]. Erst durch diese Parallele wird Senecas Schriftstellerei ganz verständlich. Auch sie war in ihren wichtigsten Teilen ein Produkt der actio, nicht der contemplatio. Seine Schriften sind Regierungshandlungen, Erzeugnisse der Staatsfürsorge, die aber aus einem warmen, ja, weichen Herzen kommen, mit dem apostolischen Aufruf an jeden Einzelnen: Laß dich überzeugen! Der Guten sind zu wenige[365]. Werde gut, lerne Menschenliebe, lebe dem Staat und stütze das Ganze. Denn die menschliche Gesellschaft ist wie ein schwebendes Tonnengewölbe. Ein Stein muß dem anderen Halt geben, ein gegenseitiges Tragen: sonst bricht das Ganze zusammen[366].
An die Spitze aber stellte er das alte Gebot, das vetus praeceptum, das jeder Frömmste auch heute von ihm annehmen kann: Folge Gott! deum sequere[367].
Nur in einem ist Seneca bewußt und geradezu umstürzlerisch über sein Vorbild Augustus hinausgegangen: in seiner Polemik gegen den Aberglauben — de superstitione —, in der er weitausholend und in schneidendem Tone die Äußerlichkeiten im Ritus der herkömmlichen Gottesdienste sowohl der römischen Staatsreligion wie beiläufig auch der jüdischen bekämpft hat[368] von dem Grundsatz aus, daß der Mensch mit Gott überhaupt nur innerlich verkehren kann und der Ritus der äußerlichen Gebärden eine Torheit ist[369]. Auch über das Begräbniswesen hat er sich auf das freieste geäußert[370]. Hier steht Seneca als fortschrittlicher Theologe vor uns, der, wo immer er den Volksvorstellungen nicht nachgeben zu müssen glaubte, aus Trieb mehr noch als aus dogmatischen Gründen im Monotheismus lebte. „Gott hat so viele Namen wie Gaben,“ sagt er[371], d. h. der Polytheismus ist nur eine Vielnamigkeit Gottes. Es ist klar, daß er mit jenen Ausführungen damals in vielen Herzen dem Christentum freie Bahn geschafft haben muß; jedenfalls hat er dem Christentum gegen die heidnischen Kulte die schärfste Waffe geliefert, bis die Kirche selbst dem Ritus der äußerlichen Gebärden verfiel.
Man möchte wissen, ob er auch diese destruktive Schrift in der Zeit seiner Reichsverwaltung geschrieben hat[372]?