Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi.
Im Lager der römischen Truppen sitzt Pilatus, der Landpfleger, im Gebäude des Prätorium zu Gericht über Christus, der sich den König der Juden genannt hat. Christus ist zum Tode verurteilt. Während er hinausgeführt wird und durch das Lager schreitet, fallen die Soldaten über ihn her und treiben grausame Späße mit ihm: sie krönen ihn, geben ihm Krönungsmantel und Zepter; die Krone machen sie aus Dorngestrüpp; der Mantel ist wirklicher Purpur (πορφυρᾶ), das Zepter ein Rohr (κάλαμος). Dies tun sie, wie wir betonen, weil Christus sich selbst König genannt hat.
Wir nehmen an, daß dies tatsächlich so vorgefallen. Denn der Vorgang hat nichts innerlich Unglaubwürdiges. Es ist aber die Frage, ob die Legionäre ganz aus freien Stücken auf diese grausam theatralische Art der Verhöhnung, die der Hinrichtung voraufging, verfielen oder ob gewisse verbreitete Anschauungen ihnen dazu die Anregung gaben. Waren sie nun aus Gallien, Spanien, Germanien oder einem anderen Teil des Reichs dorthin versetzt, ohne Zweifel standen sie doch unter dem Einfluß griechisch-römischer Tradition und Lebensweise. Es ist in diesem Sinne von verschiedenen Gelehrten verschiedenes kombiniert worden, Glaubliches und Unglaubliches[373]. Das vollkommen Zutreffende scheint mir noch nicht gesagt zu sein.
Mancher wird wohl mit Scheu Teile der Passionsgeschichte, die der Gegenstand seiner andächtigen Versenkung sind, in Beziehung gebracht sehen zu sehr trivialen Verhältnissen des damaligen Lebens. Aber Christi Leidensgeschichte ist doch in die Gesamtgeschichte der Menschheit fest eingewebt, und so ist es ein begreifliches Verlangen, wenn wir die unscheinbaren Fäden zu verfolgen suchen, durch die sie mit ihrer nächsten Umgebung, mit dem Leben der profanen Wirklichkeit zusammenhängt. Sie selbst wird dadurch an Glaublichkeit nur gewinnen.
Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalien.
Auf der Suche nach Analogien ist man freilich bis zu den Skythen gelangt. Die Saker (Σάκαι) waren ein Skythenvolk nördlich von Persien. In Babylonien und bei den Persern feierte man ein nach ihnen benanntes Fest, die Sakäen (Σάκαια), von dem die Griechen wiederholt berichten. Der Redner Dio von Prusa weiß darüber mehr als andere und gibt seinem Publikum den sensationellen Bericht zum besten: Um das Fest dem Ritus gemäß zu begehen, hatte man einen zum Tode verurteilten Verbrecher nötig. Der Verbrecher wird auf den Thron des Königs gesetzt, wird mit dem Königsornat bekleidet und man läßt ihn üppig leben, auch den Kebsweibern des Königs beiwohnen; dann aber wird er entkleidet, wird gepeitscht und verbrannt. Es ist das Prinzip der Henkersmahlzeit vor der Exekution. Wer kann darin aber im Ernste eine Übereinstimmung mit der evangelischen Erzählung finden? Und was haben die Gewohnheiten der Römer und Griechen mit den Sakäen zu tun? Vor allem aber besteht der unabweisliche Verdacht, daß der Redner Dio hier phantasiert oder nur eine Fabelei anderer zum besten gibt. Dies haben schon andere[374] mit Recht gesagt. Denn die ältesten, zuverlässigsten Nachrichten über die Sakäen wissen von Menschenopfern an diesem bacchantischen Feste nichts.
Im Altertum war das Königwerden die Traumsehnsucht des Armen. Das ist Märchenton. „Ich werde König heißen,“ so träumt der darbende Fischer Gripus beim Plautus, als er einen Goldfund in seinem Netz hat; „ich will Bürger Athens, nein, ich will Archont, nein, ich will König werden!“ so träumt auch der gedrückte Sklave bei dem Popularphilosophen Teles[375]. Mit Rührung wird uns darum erzählt, wie Alexander der Große einmal einen Veteranen seines Heeres im Schnee liegen und verschmachten sieht und wie er ihn großmütig auf seinen Thron setzt, um ihn zu retten[376]. Noch beweglicher die Geschichte von dem Kyprier Alynomos, der vornehm, doch ganz verarmt, einsam in einem Garten lebt. Da wird das Königtum in Paphos erledigt. Alexander der Große läßt nach Alynomos suchen. Das Männlein begoß eben ein Beet mit Wasser und erschrak heftig, als des Königs Gesandte ihn fanden. Im schlichten Kittel wird er vor Alexander geführt. Der kleidete ihn allsogleich in Purpur und machte ihn zum König von Paphos. „So macht das Glück Könige,“ ruft Plutarch aus, der uns dies erzählt; „nur der Anzug wird gewechselt, und man hofft und gewärtigt es selber nicht.“
Nur der Anzug wird gewechselt! Verkleidung! Maskerade! Es wäre begreiflich, wenn auch das Volkstheater damals gelegentlich derartige Traumkönige auf die Bühne gebracht hätte.
Lassen wir uns darum zunächst an die Saturnalien Roms erinnern, denen ein griechisches Kronosfest (Κρόνια) entsprach; es ist ein Umweg, den wir gehen, aber er wird sich als nicht zwecklos erweisen. In diesem glückseligen Karneval der alten Saturnalien, dem großen Schenkfest des Dezember, an dem alljährlich sieben Tage lang die Sklaven als Freie und die Armen als Reiche galten, gab es auch einen Narrenkönig, der durchs Los gewählt wurde[377].
Lucian ist uns dafür Hauptzeuge, und er redet von einem zweifachen Königtum. Erstlich war es der Gott Saturn (Kronos), der beim Fest selbst auftrat und von jemandem aus der Gesellschaft dargestellt wurde, und zwar nicht etwa als grämlicher Greis, sondern munter und kräftig, und, was das wichtigste, im Königsornat[378]. Es ist ja auch kein Zweifel, daß der Kronos-Saturn, mit dem der geistreiche Lucian in dem Schriftenkomplex Nr. 70 sich und seine Leser unterhält, nicht der Gott selbst, sondern des Gottes Maske ist, d. h. der von einem Menschen im Mummenschanz dargestellte Festkönig Kronos, der, wenn er den Traurigen fröhlich machen will, ihm nicht etwa, wie sonst die Götter, im Traum erscheint, sondern ihn leibhaftig von hinten am Ohr faßt und ihn gehörig schüttelt, mit dem sich also auch bequem die allerlustigsten Gespräche führen lassen und der da auch Briefe erhält und schreibt (der erste dieser Briefe ist von „Ich“ an den Kronos gerichtet). Was Lucian da gibt, ist nichts anderes als eine Karnevalszeitung, in der Prinz Karneval-Kronos die Hauptperson ausmacht. Desselben Majestät erläßt denn daselbst auch Gesetze für das Fest, die die Reichen sich in ihren Atrien auf einer Säule aufstellen sollen; dazu die arge Drohung: Wer die Gesetze übertritt, den wird dieser König zum Kybelepriester und Eunuchen machen[379].