In allen Städten, ob groß ob klein, auch in den Feldlagern und Kasernen war so alljährlich König Kronos zu sehen. Zu seinen Aufgaben aber gehörte nicht nur, daß er selbst allen voran sich betrank, würfelte und liebte, sodann auch dies, daß er wieder Festkönige schuf, die ihm irgendwie unterstellt waren (ἄρχοντας καθιστάναι 70 1, 2). Beim Wettrinken und Würfeln, heißt es, verleiht er den Sieg und macht, daß der, der ihn darum recht bittet, König wird[380], so daß der so zum Herrscher Erhobene allen alles befehlen kann, dem einen, daß er einen satyresken Tanz zum besten gibt, dem anderen, daß er selbst sich als niederträchtig und gemein beschimpfe, dem dritten, daß er mit der Musikantin auf dem Arm dreimal ums Haus renne u. a. m. Leider, sagt Kronos, ist dies Königtum, das ich verleihe, nur kurz; aber das meine währt ja nicht länger[381].

Der Saturnalienkönig als Tölpel.

Man kann indes annehmen, daß die von Kronos, d. h. die durch das Los kreierten Festkönige und der König Kronos selbst gewiß häufig in einer Person zusammenfielen[382]. Wie dem auch sei, jedenfalls sah sich auf diese Weise so mancher arme Schelm aus der Masse des Volkes oftmals in lustiger Verkleidung zum König erhoben, bis dann mit dem Fest auch sein Glanz erlosch. Das war also gleichsam ein Theaterspiel, in dem das schmausende und zechende Publikum selbst die Rollen übernahm, ein Mummenschanz, in dem der erste beste, er sei noch so kläglich, als König und Hauptperson Gegenstand parodischer Huldigungen und durchgängig sehr harmloser Späße wurde[383].

Endlich aber beachte man nun noch, daß von Seneca, wie es scheint, mit solcher Narrenkönigsrolle die Regierung des Kaisers Claudius verglichen worden ist. Seneca sagt, daß dieser Claudius sich Zeit seines Lebens wie ein „Saturnalicius princeps“ benahm[384]. Damit kann freilich auch nur gesagt sein, daß Claudius ein Kaiser (princeps) war, der die Saturnalien liebte. Aber es ist gewiß echter, weil pointierter, wenn wir verstehen: er benahm sich stets wie ein Saturnalienkönig[385]. Das will besagen: seine Diener und Freigelassenen spielten dem Kaiser auf der Nase herum, und über der unermeßlichen Vergnügtheit vergaß er alle Pflichten. Ist dies aber zutreffend, so ist auch der Charakter der Rolle des Saturnalienkönigs noch weiter klargestellt: wir stellen fest, daß für ihn der Charakter des Tölpels oder des „Stupidus“ — denn dies war Claudius — wesentlich war.

Allein diese gutmütigen und platten Späße nützen uns anscheinend in unserer Sache nichts. Jede Analogie zur Verhöhnung Christi fehlt. Es fehlt auch jede körperliche Mißhandlung. Es handelte sich ja bei dem Fest auch nicht um einen zum Tode verurteilten Verbrecher; und der Saturnalienkönig nannte sich denn doch mit Recht Saturnalienkönig, Christus nannte sich nach Ansicht seiner Peiniger mit Unrecht König der Juden.

Jedenfalls aber ist als unglaubwürdig und schwindelhaft beiseite zu lassen[386], was uns um das Jahr 300 n. Chr. einmal in den Akten des Hl. Dasius zur Sache gesagt wird. Um nämlich das Heidentum in Verruf zu bringen, ersannen die christlichen Martyrienerzähler damals Schreckensmären von Menschenopfern: wenn die Soldaten im Heerlager das Fest begingen, habe sich der Saturnalienkönig, nachdem er an allen Freuden des Lebens einige Tage lang sich gütlich getan, den Göttern schlachten lassen müssen. So wird der Hergang auf einmal ähnlich dem am Sakäenfest, von dem Dio fabelt. Davon weiß aber das Altertum tatsächlich nichts. Es ist tendenziöse Erfindung.

Gehen wir weiter. Jener Mummenschanz, mit dem das Volk Roms und Griechenlands sein Verbrüderungsfest verschönte und der oft auch den Armen und Geringen für wenige Tage zum König machte, ließ sich nun auch wirklich auf das Theater bringen. Dafür haben wir einen Nachweis. Philos Schrift gegen Flaccus cp. 5 f. ist Zeuge. In Alexandrien in Ägypten trug sich Folgendes zu.

Der Judenhaß war in Alexandria eine Macht. Gleichwohl und obgleich er gewarnt war, begab sich der König der Juden, Agrippa I., von Rom aus in die erregbare Stadt. Alsbald aber fiel die Spottlust des Janhagels über ihn her, so oft er sich auf der Straße sehen ließ, und der römische Präfekt Flaccus rührte sich nicht; er ließ die Straßenpolizei nicht einschreiten. Als sich Agrippa im Gymnasion zeigte, da griffen die jungen Leute sich einen nackten, d. h. dürftig gekleideten und blödsinnigen Menschen (μεμηνώς τις) mit Namen Karabas, der das Gespött der Straßenjungen war, von der Gasse auf, stellten ihn auf ein Podium, krönten ihn, indem sie eine offene Buchrolle auf seinem Kopf zum Diadem zusammenlegten, hingen ihm einen Fußteppich als Krönungsmantel um und gaben ihm endlich statt des Zepters ein Stück von einem Schaft des Papyrusschilfs, das weggeworfen auf dem Pflaster lag. Das geschah aber, sagt Philo, in Nachahmung der Mimen im Theater (ὡς ἐν θεατρικοῖς μίμοις). Denn diese Leute hatten keine feinere Bildung (βραδεῖς τὰ καλὰ παιδεύεσθαι), sondern bei den Dichtern der gemeinsten Volksschwänke gingen sie in die Lehre (ποιηταις μίμων καὶ γελοίων διδασκάλοις χρώμενοι)[387].

Der Tölpel als König im Mimus.

Ein Papyrusschaft als Zepter! eine Buchrolle als Krone! Derartige Verkleidungen sah man damals also wirklich auch auf der Bühne. Aber auch von dem, was Philo noch weiter hinzufügt, werden wir annehmen dürfen, daß darin dieselben Theaterstücke nachgeahmt sind, wenn schon Philo dies nicht ausdrücklich sagt. Denn der Bericht geht weiter. So stand also Karabas als König da. Junge Leute stellten sich (jedenfalls auf demselben Podium) als Gefolgschaft um ihn herum und spielten eine Szene; sie huldigten ihm (ἀσπάζεσθαι) und gingen ihn dann um Rechtsentscheidungen und um Entscheidungen in Verwaltungssachen an. Die Menge aber bildete um die Gruppe einen Kreis, wie um den Pulzinellkasten, und auf einmal scholl aus dem Publikum der Ruf: „Maris!“ Maris hieß nämlich, sagt Philo, auf syrisch „der Herr“. Agrippa selbst aber war Syrer.