Wir dürfen voraussetzen, daß solche Szenen wie die geschilderte im Volksschwank oder Mimus damals beliebt waren. Daraus hat ein Gelehrter[388] den zunächst wirklich naheliegenden Schluß gezogen, daß auch die Kriegsknechte im Evangelium diesen nämlichen Volksschwank gekannt haben und daß in der Verhöhnung Christi dieser Schwank von ihnen nachgebildet, gespielt worden ist. Das Leiden des Herrn eine Theaterszene! Christus ein Opfer der Parodie und des Mimus!
In der Tat liebte der Schwank die Parodie; er liebte auch das Improvisieren, und um den königlichen Prunk nachzuahmen, konnte er sich damit begnügen, Krone, Mantel und Zepter mit geringwertigen Gegenständen, wie sie sich eben darboten, zu ersetzen; das wirkte drollig und rührsam zugleich. Dementsprechend erhält also auch Christus von den Soldaten das Rohr statt des Zepters, zur Krone aber werden Dornen verwandt, von denen wir annehmen können, daß sie am nächsten zur Hand waren. Die Übereinstimmung ist augenfällig.
Aber wir dürfen auch die Unterschiede nicht übersehen, und der irrt, wer da glaubt, die biblische Erzählung aus Philo wirklich hinlänglich erklären zu können.
Der Pseudokönig Karabas, von dem Philo redet, wird auch aufgefordert, Recht zu sprechen. Es bleibt aber zweifelhaft, ob das wirklich zu seiner eigenen Verhöhnung geschah. Wie die Handlung in solchem Königsmimus verlief, wissen wir gar nicht. Auch Philo sagt es uns nicht[389]. Es ist aber denkbar und vorläufig die nächstliegende Annahme, daß darin einfach der Glückstraum des Armen, von dem ich sprach, verwirklicht wurde und also die Verlegenheit eines Menschen wie Alynomos zur Darstellung kam, der, aus der Armut aufgelesen, plötzlich im Purpur Recht sprechen und regieren soll. Da der Mimus vielfach ein Spiel aus dem Stegreif war, wurde dabei, wie gesagt, auch das Königsornat improvisiert und der erste beste Gegenstand dazu verwendet.
Jedenfalls ist bei Philo nicht Karabas selbst das Ziel des Hohnes, sondern Agrippa. Nur angesichts des anwesenden Königs Agrippa erhielt die Karabasszene die Pointe beißender Satire und diente dem Zwecke der Verhöhnung. Das ist klar. Agrippa sollte sich in dem armseligen Tropf wiedererkennen. „Auch Agrippa ist nichts als solch ein kümmerlicher Regent von Glückes Gnaden, der da vom Herrschen und Richten nichts versteht!“ das war der Sinn, das war der Witz der Sache.
Suchen wir uns das Theaterstück, von dem die Karabasszene nur eine Nachahmung war, selbst vorzustellen, so hatte dasselbe sicher keine Spitze gegen die Juden Alexandriens[390]. Denn nirgends steht hiervon irgend etwas angedeutet. Aber auch sonst war das Stück gewiß tendenzlos und viel mehr rührsam als roh[391]: sein Gegenstand ein armer Schlucker, der, wie er sich vielleicht heimlich gewünscht, oder auch ganz gegen seinen Willen, plötzlich König wird, der sich aber als Stupidus ausweist und schließlich erleichtert wieder in sein Nichts zurücksinkt.
Dieser Mimus braucht also von den Königsmaskeraden des Saturnalienfaschings gar nicht wesentlich verschieden gewesen zu sein. Im Gegenteil! Kein Zweifel, daß auch die Saturnalienkönige in schlichteren Verkehrskreisen und in den Kleinstädten nicht etwa immer in Gold und kostbare Stoffe gekleidet wurden, sondern daß man sich dabei gerade so, wie wir es beim Karabas sehen, um den Spaß zu steigern, in echt karnevalistischer Sorglosigkeit mit geringwertigen und parodistischen Hilfsmitteln begnügte. Vor allem aber beachte man, daß nach Philo jener Karabas, der den König darstellt, ein Blödsinniger oder Schwachsinniger ist. Der dämlichste Mensch wird ausgesucht; er war für diese Rolle just der geeignetste. Ganz ebenso haben wir aber vorhin auch für den Saturnalienkönig den Charakter des Tölpels und Stupidus festgestellt, genauer den Charakter des „fatuus“ oder Blödsinnigen, der auch im Sprichwort ausdrücklich mit dem „König“ zusammengebracht wurde; ich meine das Sprichwort, von dem Seneca in seiner Claudiussatire ausgeht: aut fatuum aut regem nasci oportere: „ein wahrer König oder ein wahrer Stumpfbold kann man nur von Geburt sein!“ Kaiser Claudius aber, der Saturnalienkönig, war sogar beides in eins, fatuus und rex[392].
Aber die Ähnlichkeit zwischen Karabas und dem Kaiser Claudius geht noch weiter. Die wirklichen Verdienste dieses Regenten kommen hier natürlich nicht in Betracht, sondern nur die Anschauung, die über ihn in seiner eigenen Familie, in der vornehmen Welt Roms und, als Claudius starb, auch bei Seneca herrschte. Danach war Claudius „fatuus“, schwachsinnig und unzurechnungsfähig von Geburt an[393], wie Karabas. Aber er hatte gar keine Aussichten, König zu werden, und lebte die längste Zeit seines Lebens ganz verborgen und verachtet[394], wie Karabas. Wider den eigenen Willen wird er dann zum Monarchen erhoben, wie Karabas. Aber er benimmt sich dabei wie ein alberner Saturnalienkönig, so wie sich ohne Frage auch Karabas in der Mimusszene seiner Natur gemäß verhalten haben muß. Nach dem Ausdruck Senecas[395] dehnte Claudius die Saturnalien als Saturnalienkönig über das ganze Jahr aus; d. h. sein Narrenregiment kam nie zu Verstande. Wer will leugnen, daß zwischen der Vorstellung vom Saturnalienkönig und dem einfältigen König im Mimus bei Philo kein wesentlicher Unterschied, sondern vielmehr ein naher Zusammenhang besteht?
Blicken wir endlich zurück und vergleichen nochmals den Evangelienbericht, so ergibt sich nun mehr als ein Unterschied. Denn in der Bibel will Christus selbst König sein, und das ist es, weshalb er verhöhnt wird. Bei Philo will Karabas selbst durchaus nicht König sein, und darum richtet sich der Hohn der Mitspieler auch nicht gegen ihn, sondern nur gegen den König Agrippa, der zuschaut. Der Unterschied liegt auf der Hand. Er macht aber die vorhin bemerkte Übereinstimmung zwischen der Karabasszene und dem Evangelienbericht vollkommen illusorisch.
Dazu kommt der zweite und bedeutendere Unterschied, daß dem Mimus nämlich augenscheinlich jede rohere Handlung abging. In den Evangelien gipfelt ja die grausame Komödie darin, daß die Soldaten, die eben noch vor Jesus knieten und ihn begrüßten: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ ihn plötzlich anspeien und ihm mit dem gewiß sehr festen Rohr, das als Zepter dient, aufs Haupt schlagen. In der Szene, die Philo gibt, denkt niemand daran, Karabas zu vergewaltigen. Wir müssen also den griechischen Mimus mit Nachdruck von aller Schuld lossprechen: zu der Christuspassion hat sein Vorbild ganz gewiß keinen Anlaß gegeben.