Es fehlt demnach immer noch der Nachweis, woher es kommt, daß dieselbe Person, der man den königlichen Schmuck anlegt, auch Gegenstand der Verhöhnung, ja, auch der Züchtigung und Peinigung wird.
Man wird ein weiteres Suchen wertlos und zwecklos finden. Die Geschichte der Schrift, kurz und ergreifend wie sie ist, erklärt sich aus sich selber. Die Handlung entstand aus der Situation. Ganz ohne Zweifel! Wozu also noch weitere Analogien? Und doch wird, was wir lesen, begreiflicher, es verliert gleichsam das Zusammenhanglose und stellt sich auf den Boden der Zeitgeschichte, wenn wir uns noch an anderes erinnern und bei den Römern selbst weitere Belehrung suchen. Wir fragen nicht den Mimus, sondern die Geschichte.
„Sardi venales“. Vitellius’ Ende.
Ich denke zunächst und vor allem an die „Sardi venales“ Roms, so seltsam sie klingen und so verschüttet auch ihr Andenken bei den Historikern ist. Als die Etrusker niedergeworfen, als Veji, die mächtigste Feindin in Roms Nähe, erobert war, wurde in Rom an den kapitolinischen Spielen[396], die nie staatlich, sondern von einer Privatgenossenschaft im Oktober ausgerichtet wurden, eine symbolische Handlung üblich, die seitdem jährlich sich wiederholte; es war eine Auktionsszene. Aus der Schar der verkäuflichen Sklaven wurde ein möglichst kümmerlicher Greis (senex deterrimus) ausgewählt, in das königliche Prachtornat der Etrusker nebst goldner „bulla“ eingekleidet und so fürstlich angetan zum Verkauf vom Forum auf das Kapitol über die Sacra via geführt. Es war dies also der König Vejis selbst, in tragikomischer Travestie, an dem sich das übermütige Volk der Sieger „voll Hohn“[397] immer wieder belustigt hat. Wie leicht hätte da auch schon der Spott die Formel finden können: „Sei gegrüßt, König der Etrusker!“ In Wirklichkeit wird uns auch hier wieder (wie bei Karabas und Kaiser Claudius) die Dummheit dieses Königs betont[398]; sonst hören wir nur, daß ein Marktschreier (praeco) den Spottkönig nebst Gefolge mit dem Ausruf „Sardi venales“, d. h. „hier sind Sarder zu kaufen!“ begleitete. Die Etrusker leiteten sich nämlich von Sardes in Kleinasien her.
Zu körperlichen Mißhandlungen kam es jedoch hierbei nicht. Denn man hatte den König Vejis nicht selbst vor sich, sondern nur sein mimisches Abbild. Sowohl Einkleidung aber wie Verhöhnung liegt hier, wie man sieht, tatsächlich vor; nach Plutarchs Zeugnis sah man diesen Spottkönig in Rom wirklich alljährlich bis in seine Zeit, d. h. bis zum Jahre 100 n. Chr. und später[399], also eben in der Zeit, als die Evangelien geschrieben wurden, und wir beginnen schon jetzt zu begreifen, wie es gekommen, daß auch die Einkleidung des „Königs der Juden“ Jesus Christus und seine Verhöhnung von den Kriegsleuten eben desselben Volkes geschah, bei dem solcher brutaler Mummenschanz zum alljährlichen Festprogramm gehörte.
Ein paar Jahrzehnte aber nach Christi Leiden spielt sich in Rom der Tod des Kaisers Vitellius ab. Da hören wir[400]: Vespasians Truppen rücken gegen Roms Mauern. Vitellius ist besiegt. Er hat seinen Purpur abgeworfen und verbirgt sich auf dem Palatin, in Lumpen gekleidet, um nachts nach Terracina zu entweichen. Die feindlichen Soldaten aber, die sein Kaisertum nicht anerkennen und bekämpfen, suchen nach ihm, finden ihn beschmutzt und mit Blut besudelt. Sie zerreißen ihm das Kleid am Leibe, binden ihm wie einem verurteilten Verbrecher die Hände auf den Rücken, führen ihn über die Sacra via, wo er noch gestern im königlichen Wagen fuhr, auf das Forum, wo er sonst als Herrscher Recht gesprochen. Und die einen schlagen ihn nun, die anderen zupfen ihn am Kinn, alle verspotten ihn voll Übermut, indem sie ihm sein wollüstiges Leben vorwerfen. Er senkt den Kopf vor Scham. Da stechen sie ihn von unten mit den Dolchen ins Kinn, so daß er das Haupt aufrichten muß. Ein keltischer Soldat hat Mitleid und versucht Vitellius zu töten, um ihm weitere Grausamkeiten zu ersparen. Aber der Versuch mißlingt, und mit Gelächter geht es weiter bis zum Gefängnis. Endlich wird er niedergehauen.
Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers.
Christus und Kaiser Vitellius! welch eine Zusammenstellung! Und doch haben wir in jener wüsten Greuelszene endlich ein wirkliches Pendant zu dem gefunden, was die Soldaten dem Heiland vor seiner letzten Stunde angetan. Hier haben wir das, was im Mimus bei Philo vollständig fehlt: der Mann, der da leidet, ist Prätendent; Vitellius prätendiert Kaiser zu sein; Christus prätendiert König zu sein. Darum und durch diesen Anspruch lenken beide den Hohn auf sich, und darum werden sie auch gepeinigt, damit sie nämlich an ihrem Leibe ihre Wehrlosigkeit merken und wie wenig sie in Wirklichkeit König sind. In beiden Fällen handelt es sich außerdem um die Hinrichtung des Prätendenten; in beiden Fällen aber kann die Soldateska Roms sich nicht entschließen, sie sofort zu vollstrecken, sondern treibt zuvor, wie das Raubtier mit seiner Beute ein grausames Spiel, wobei zu den Spottreden die Stockschläge kommen (ῥαπίζειν Cassius Dio; διδόναι ῥαπίσπατα Evangel. Johann. 19, 3).
Es ist gut, den römischen Soldaten zu kennen, wenn man sein Verhalten verstehen will. Was ich aber behaupte, ist zweierlei, und dies muß scharf unterschieden werden.
Wenn die Soldaten auf den für sie ergötzlichen Einfall kamen, Christus als König zu verkleiden und zu krönen, so ist ihnen das gewiß eingegeben durch die Erinnerung an einen Mummenschanz, der, wie gezeigt, damals auch sonst im Schwang und weit verbreitet, der gelegentlich im Volkstheater des Mimus zu sehen, der vor allem in Rom alljährlich im Oktober beim kapitolinischen Fest der Sardi venales und gleich danach im Dezember beim Saturnalienfest gang und gäbe war. Das Wichtigste an dem Hergang im Evangelium erklärt sich jedoch vielmehr aus dem historischen Moment selbst, aus unmittelbarer Eingebung und aus der brutal kaltherzigen Grausamkeit des gemeinen Mannes im Heer, jenes römischen Söldlings, der die Könige Mazedoniens und Numidiens dereinst gefangen nach Rom geschleppt und für den jetzt eben die Zeit herankam, wo er frevelhaft übermütig die Kaiser Roms selbst machte und wieder vernichtete. So sehen wir, wie er sich daran weidet, als Henkersknecht seine Übermacht an dem Wehrlosen auszulassen, der den Purpur beansprucht, ohne ihn behaupten zu können. Diese unheimlich gärende Macht, die sich zuerst beim Tode des Vitellius vor uns so grausig und erschreckend enthüllt, dieselbe ist es auch, die sich im gleichen Triebe, aber voll Mißverstand an dem „König“ Christus vergriffen hat.