Wir haben bisher nur die roheren Volksschichten des antiken Lebens, die einer höheren Schulbildung und dem veredelnden Einfluß der griechischen praktischen Philosophie nicht ausgesetzt waren, ins Auge gefaßt. Das ist aber ungerecht. Versuchen wir daher schließlich auch noch, uns vorzustellen — und das ist wertvoller als alles bisher Gesagte —, welchen Eindruck die evangelische Erzählung, von der wir gehandelt, zur Zeit, als sie erschien, auf die wirklich gebildete griechische Welt machte, d. i. vor allem auf solche Männer — und sie zählten allerorts zu Tausenden —, denen Religiosität und Trieb zur sittlichen Läuterung damals die wichtigsten Werte und Kraftquellen der Kultur und aller menschlichen Existenz schienen. Ich meine die Anhänger der Stoa und des Cynismus, die da Reichtum und Ehre und Luxus und selbst die Liebesfreuden verachten lehrten, sich allen sog. Glücksgütern entzogen und die Selbstzucht bis zur Bedürfnislosigkeit trieben. So sehr sie auf den Kaiser Roms herabsahen: der Königsbegriff stand als Gipfel des Wünschenswerten doch auch bei diesen Männern obenan. Diogenes braucht einen Alexander den Großen, um sich sagen zu können: ich bin mehr als er. König sein! das ist auch hier das Schlagwort. Mit lang hallendem Echo geht das Wort durch die Jahrhunderte hindurch: „Wer entsagt, ist König!“ Rex eris! Wozu Belege häufen? Ich zitiere für hundert Stellen nur die eine, wo Epiktet in seinen herben Diatriben von dem, der sich, rasch entschlossen, dem mönchischen Leben des Cynikers zuwendet, sagt, daß er nach Zepter und Königtum greift und daß Zeus selbst es ist, der ihn mit Zepter und Diadem bekleidet[401].

Zepter und Krone! Gott gibt sie dem, der sich selbst überwindet! In diesem Sinne und als geläufiges Symbol für den moralischen Sieg der Vollkommenheit im Guten muß damals die Krönung Christi auch auf den stoisch-cynisch erzogenen Griechen tief gewirkt haben. Die Krieger hatten an Christus wider Willen das Rechte getan.

Witzliteratur und Gesellschaft in Rom.

Die erhabene Muse, die Begeisterung und Andacht wirkt, greift nur in den Himmel zu den Göttern oder in die Vergangenheit, wo die sagenhaften Helden wachsen, auf die kein Staub des platt Alltäglichen und der trivialen Wirklichkeit fällt. Wer die Ideale eines Volkes kennen lernen will, lausche ihrer erhabenen Dichtkunst; wer ihre natürlichen Triebe und Instinkte, der suche seine Scherz- und Spottpoesie auf. Auch sie hat ihre Muse, hat Kunst und Grazie; aber diese Muse schaut nach unten. Indem ein Volksgenosse mit Witzen oder Sticheleien über den anderen herfällt, lernen wir seine Opfer, lernen wir auch ihn selbst, der da redet, nahezu persönlich kennen, und das Menschentum selbst steht lebendig vor uns.

Die alte römische Literatur ist an Invektiven reich; der Römer war in allem stark und wuchtig, so auch im Schimpfen; er verstand sich aber auch auf die Kurzrede, auf den scharfen Schliff des Worts.

Dabei ist es wichtig, zu beachten, welche Angriffsobjekte gewählt werden und welche man vermeidet. Denken wir an unsere heutigen Witzblätter. Der „Simplizissimus“, dessen künstlerische Leistungen so hoch stehen, kannte keine Rücksicht und Vorsicht und übergoß, weit ausgreifend, auch den Offiziersstand, auch hohe Chargen und Würdenträger, auch Geistliche mit seinem ätzenden Hohn. Gutherzig zurückhaltend sind dagegen die „Fliegenden Blätter“, auch „Meggendorf“. Unser Wilhelm Busch hat sich wohl gelegentlich am Hlg. Antonius vergriffen, den Militärstand hat er geschont. Bauern in ihrer tollpatschigen Naivität führen uns die „Fliegenden Blätter“ vor, Gauner vor Gericht, Geldprotzen, die gern adelig wären oder sonst dick tun, verstiegene Dichterlinge, Hausfrauen, die nicht kochen können, oder solche Schönen, die, um zu glänzen, ins Bad reisen wollen und ihrem ächzenden Gatten das Geld aus der Tasche locken, um der Mode zu frönen; dazu auch junge Leutnants mit dem Monokel und palmenhaft schlanker Taille. Man lacht über all die Albernheit, aber man lernt trotzdem das Volk, insonderheit den süddeutschen Menschenschlag, dabei lieben; man muß ihm gut sein.

So führen uns nun auch die römischen Spottdichter in das Stadtvolk, allerdings leider nur in das römische Stadtvolk ein. Auch Rom hatte seine fliegenden Blätter; aber sie fliegen nicht mehr, sondern vieles ist davon verloren und verflogen; der Rest ist festgeheftet im Buch der strengen Literaturgeschichte, und wir müssen sie erst wieder herauslösen und sie wieder in Flug bringen, damit sie leben und lachen.

Wenn wir hier auch von der großen Komödie des Plautus und Terenz ganz absehen, so bleiben noch Dichter genug, an die wir uns halten können: die Reste der Togatendichtung, des Lucilius und der Atellane, sodann Catull, Horaz, die sonstigen Satiriker, vor allem Martial. Gröbster Schimpf, harmlose Scherze klingen da durcheinander. Sehen wir einmal nach, was sie uns bringen und sagen können.

Die Zote. Tendenzlos Lustiges. Die Invektive.

Ein beträchtlicher Teil fällt da freilich gleich für uns weg: das Gebiet der Unanständigkeiten. Die Zote gehörte damals als etwas Selbstverständliches zum Witz, bei Griechen und Römern, ein Merkmal primitiver Urwüchsigkeit, und war nahezu die ergiebigste Quelle für die Satire. Um jemanden gesellschaftlich tot zu schlagen, war dies die bequemste Waffe: man warf ihm sexuelle Gemeinheiten vor. Ob wahr oder unwahr, es blieb immer etwas haften. Auch Julius Caesar ist dem nicht entgangen.