Allmählich fingen die Vortheile und Nachtheile, welche mit den unter beiden Geschlechtern so sehr verschiedenen Lebensarten verknüpft waren, immer mehr an sichtbar zu werden. Der Körper des Mannes, durch die Beschwerlichkeiten der Jagd oder Fischerei abgehärtet, fest, gelenk und stark, behauptete auch einen Einfluß auf seine Seele. An Gefahren gewöhnt, ward er durch diese Gewohnheit muthig, unerschrocken, standhaft, und fühlte seine Überlegenheit über Alles, was nicht Mann war, mithin auch über sein Weib, dessen körperliche Kräfte aus Mangel an Gelegenheit unentwickelt blieben, und das, aus Unbekanntschaft mit Gefahren, diese zu fürchten anfing, da hingegen der Mann, vertraut mit der Gefahr, sie vermeiden oder bestehen lernte. Mit kleinlichen Gegenständen und mit Thieren umgeben, die Zaum und Gebiß geduldig trugen, sank das Weib nach und nach an Körper und Seele zu einer niederen Stufe herab, und lernte geduldig, sich bei seinem Despoten mit der Stelle einer ersten Sklavin begnügen. Sklavin! Ohne Zweifel brachten zahm gemachte Thiere den Menschen auf diesen unmenschlichen Gedanken, und dies schreckliche Wort würdigte die Menschheit so tief herab, daß die verrufene Münze keine Spur mehr von Bild und Überschrift der vorigen Zeiten an sich trug. So wie unfehlbar das Weib durch den Besitz gezähmter Thiere das Hirtenleben erfand und einführte, so wird eben dasselbe, da es mehr an Einen Ort und an Eine Stelle gebunden war, auch zu Anpflanzungen und zum Ackerbau Gelegenheit gegeben haben. Gewiß hat es den ersten Sallat zum Wildbraten des Mannes bewirkt. Eine Wurzel, Körner — die, in Ermangelung eines Alderman-Schmauses, von einem antipythagorischen Bohnenmahl übrig geblieben waren, und die man, weil es fettere Bissen gab, nicht achtete — wurzelten und mehrten sich um die Hütte herum, bis es dem Weibe einfiel, absichtlich zu pflanzen und zu säen. So entstand von der Hand des Weibes vielleicht der erste Garten, den englischen Garten Eden ausgenommen; und der Gartenbau ist auch größtentheils in den Händen der Weiber geblieben, bis auf den heutigen Tag. Auch hat das Weib wahrscheinlich in Allem zuvor Probe gegessen und dem Manne zur Sicherheit, theils wegen der Unschädlichkeit, theils wegen des Wohlgeschmacks, gedient. — Noch jetzt ist das höchste Ziel der Kochkunst ein Vorzug der Weiber. — Der Wechsel, den das Weib an seinem eignen Körper erfuhr, gewöhnte es an die Witterung, und lehrte es so sehr auf die Zeit merken, wie den Unbestand der Witterung überstehen; und so ward durch das Weib vielleicht beides, das Hirtenleben und der Ackerbau, — erfunden oder zu Stande gebracht? — Wie viel läßt sich hierüber conjekturiren! Der gemeine Acker- und Gartenbauer räumt dem lieben getreuen Erdenvasallen, dem Monde, noch jetzt viel Einfluß auf seine Erzeugnisse ein: er pflanzt seinen Kohl und was Blätter treiben soll, im Vollmonde, und das, wodurch unter der Erde Wurzeln oder Knollen hervorgebracht werden sollen, bei Mondesabnahme. Die Phasen des Mondes sind ihm noch Epochen in seinem Wirthschafts-Kalender; und was kann ihn anders auf diese Mondweisheit gebracht haben, als die Weise der Weiber —? Von beiden Hauptnahrungsquellen, dem Hirtenleben und dem Ackerbau, wußte der ins Größere gehende Mann das Weib abzubringen, um es an den Haushalt zu fesseln — wozu Se. Gestrengigkeit das Weib verurtheilt hatte. »Verurtheilt?« Mit nichten; durch einen Machtspruch, durch einen Justizmord, des Landes verwiesen hatte. — Noch jetzt genießen Erfinder selten die Ehre der Erfindung, und verdienen sie vielleicht auch nicht, weil fast immer ein Ungefähr sie darauf bringt — Erfindungen und Offenbarungen werden gemacht, man weiß nicht wie! —

Ackerbau und Viehzucht sind, so wie Ursache und Wirkung, mit einander verbunden; und es ist schwer zu begreifen, warum Hirten und Ackerbauer sich gleich anfänglich haben trennen und beneiden können. Da nichts natürlicher war, als daß das Vieh keine Anpflanzung schonte, und da dieser Umstand die Hirten und Ackerbauer in beständige Gränzstreitigkeiten verwickeln mußte; so hätten diese Zwiste beide Theile sehr bald zu freundschaftlichen Verabredungen bequemen sollen.

Die Jagd allein, der Ursoldatenstand, scheint eine Erfindung des Mannes zu seyn; und da der Mann seine Beute oft sehr weit suchen mußte, so gab sie die erste Ursache zur Herabwürdigung des Weibes. Bei dem Ackerbau und der Viehzucht hätte es sich gewiß länger in Ehren und Würden erhalten können, wenn die Jagd nicht schon den Mann bewaffnet und er allen Vortheil und Nachtheil des Soldatenstandes in sich vereinigt gehabt hätte. Er stand bei seinem Weibe im Quartier. — Noch jetzt bin ich ein Feind der Jagd, weil sie dem Weibe jeden Schritt zur weiteren Cultur vertrat und alle jene Übel erzeugte, denen das menschliche Geschlecht durch Kriege oder Menschenjagden unterworfen worden ist. — Zwar sagt man, daß der Krieg oft ein Weg zur Cultur gewesen sey und werden könne; und freilich ist es nicht das erste mal, daß aus dem Bösen etwas Gutes wird: Ist und bleibt aber, dieser Metallverwandlung des Guten und Bösen unbeschadet, Krieg nicht ein Originalübel? Im Reiche Gottes, dessen Sonnenaufgang und Morgensegen wir mit Danksagung erwarten, wird man so wenig Menschen würgen und sich zur Erkenntlichkeit dem Würgengel bloß stellen, als in der andern Welt freien und sich freien lassen. —

Die Flecken in der Sonne — die man ungefähr wie die Flecken ansieht, womit die reinlichste Hausfrau in der Küche sich ihre Manschetten bespritzt, wie es dem Geschäftsmanne an seinem Schreibtische mit Tinteflecken nicht besser geht — sind nicht, was sie scheinen. In der physischen Welt ist überhaupt alles gut, sehr gut! — Und wie? dies sollte uns nicht zu der Hoffnung Anleitung geben, daß es auch in der moralischen Welt zu jener Stufe der Cultur kommen werde, wo man des Bösen nicht bedarf, um Gutes daraus zu lernen? Fehden waren es, die ihren Ursprung aus der Vermehrung der Menschen und aus der Verminderung des Wildes (des einzigen und nächsten Nahrungsmittels für den rohen Menschen) hatten; der Menschen wurden mehr, des Wildes ward weniger: und so konnte es nicht fehlen, daß nicht Streitigkeiten und Befehdungen entstanden, welche Familienkriege nach sich zogen.

Zwei Familien, die der Übermacht zu weichen gezwungen waren, stießen vielleicht durch einen Zufall auf eine dritte, der sie einzeln nicht gewachsen gewesen wären, die ihnen aber jetzt ihr Jagdrevier überlassen mußte; und dieser Umstand war es, der zwischen beiden, wenigstens so lange die Gefahr dauerte, ein gesellschaftliches Band knüpfte, ohne daß es unter ihnen zu einer Verabredung und Constitution kommen durfte. Durch Irrthum und Thorheit gelangen die Menschen zur Wahrheit, und durch Mühe und Streit zur Vereinigung und Gesellschaft. Ist mir doch schon wieder der traurige Gedanke im Wege, daß das Böse so oft ein Vorspiel, ein Präludium zu dem Textliede des Guten seyn muß! — »Oft oder allemal?« Oft, Freunde; denn es giebt Original-Gutes, Gutes aus der Wurzel — und dies könnte man göttlich Gutes nennen! Gott ist original-gut! —

Das Hirtenleben und der Ackerbau (das neue Testament, wozu die Menschen nach dem alten Testamente des Jagdlebens sich aufklärten) gab nicht minder zu Zwisten Gelegenheit, wozu die Tagdieberei des Hirten, und das Vorurtheil, als ob er eben darum Gott lieber wäre und von ihm mehr beglückt würde, mittelst des argen, bösen Neides nicht wenig beigetragen haben mag: Neid ist Geitz, und dieser ist, wie jeder von uns weiß, die Wurzel alles Übels. Der Hirt schonte die Anpflanzungen des Ackermannes nicht, und ehe dieser pfänden konnte, war jener mit seiner Heerde über alle Berge, und wußte sich listig der Berichtigung des Pfandgeldes zu entziehen. Dies zwang den Ackerbauer, mehr auf seine Vertheidigung bedacht zu seyn; und da er sich gedrungen sah, mehr Hände anzuwerben, um den Acker zu bestellen (Hände, die zusammen bleiben mußten, um die Zeit abzuwarten und die Witterung zu benutzen, oder ihr zuvor zu kommen:) so bauete ein Haus das andere, wie ein Wort das andere zu geben pflegt. Hierdurch waren die Ackerbauer mehr im Stande, sich den Ausschweifungen des zahmen Hirten und des wilderen Jägers zu widersetzen. Aus den Ackerbauern wurden Bauherren: (eine Würde, die ihnen selbst von den überwundenen Horden der Jäger oder der Hirten zugestanden ward;) und nur spät hat sich das Blatt gewendet, so daß wiederum Fürsten und Herren jagen, und Sklaven den Acker bauen. — So drehet sich Alles in der Welt, und die Menschen folgen so großen Beispielen; Familien und Reiche, Aufklärung und Verfinsterung, Gutes und Böses: Alles geht auf und unter. — Zu der Zeit, als auf den Trümmern von Familiengesellschaften bürgerliche Gesellschaften errichtet wurden, war das Schicksal der Weiber schon, wie es schien, unwiederbringlich entschieden.

Die Waffen, welche die Männer bei jenen Umständen führen mußten, und welche sie fast nie aus den Händen ließen, während die Weiber für das Hausbedürfniß ihrer Männer und Kinder besorgt waren, gaben diesen ein entscheidendes Übergewicht über jene, welche, weil sie mit Waffen nicht umzugehen wußten, sich vor ihnen fürchteten. Sie erschraken vor Gefahren, welche die Männer, mehr damit bekannt, verachteten. An Körper und Seele war ihnen der Mann, wenn ich so sagen darf, unter der Hand überlegen geworden; und da er sich im ausschließenden Besitze der Schutz- und Trutzwaffen befand, so vertheidigte er nicht bloß seine Person, sondern auch sein Eigenthum, wozu er seine Familie und in derselben sein Weib rechnete, das er jetzt als durchaus von ihm abhängig ansah.

Während daß die Einsichten des Mannes durch seinen vergrößerten Wirkungskreis sich vermehrten; während daß seine Geschäfte mit der bürgerlichen Gesellschaft einen höheren Schwung nahmen, indem seine Begriffe sich zu generalisiren anfingen: schrumpfte die Seele des Weibes je mehr und mehr in die Gränzen des Haushalts ein. Dieser bestand wegen Einfachheit der Bedürfnisse, dem Vater Homer zufolge, in dem Zeitalter der Heroën, selbst bei königlichen Familien, noch bloß im Weben und andern dergleichen Handarbeiten. Nach und nach verlor sich die weibliche Spannkraft gänzlich. Schade! — Durch die Umstände, daß alle Geschäfte des Staats den Weibern entzogen, und diese, bei Entstehung der bürgerlichen Gesellschaften, schon zur Besorgung des Haushalts verwiesen waren, wurden sie nicht Bürgerinnen des Staats, sondern Schutzverwandte. — Schon sehr zufrieden, daß der Staat ihnen diese Gnade angedeihen ließ, begnügten sie sich mit einigen Begünstigungen vor den Sklaven, die man ihnen bloß zu spendiren schien. Wunderbare Wege! Doch, ging man nicht von der Poësie zur Prosa, von dem Tanze zum Gange, vom Singen zum Reden, vom Roman zur Geschichte —? Es wirkte eine Reihe von Ursachen, (wozu wahrscheinlich die, wiewohl größtentheils mißverstandene, Natur die erste Veranlassung gab) daß nach und nach eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes ihre ursprünglichen Menschenrechte verlor und gegenwärtig einige Überbleibsel davon unter dem Titel von Begünstigungen, wohl zu merken, nur so lange genießt, als es der andern Hälfte gefällt, ihr dieselben zu lassen; — und doch, ist das dritte Wort dieser unterdrückenden Menschenhälfte: Recht und Gerechtigkeit, Gesetzgebung und Gesetzhandhabung! — Warum in Fällen dieser Art ängstliche Geschichtsausspürung? Der Geist, der in uns ist, bleibt immer die beste Quelle aller Geschichte; er gleicht im Wesentlichen dem Geiste aller derer, die vor uns waren, und giebt dem, der sich mit ihm einlassen kann, und jedem, der sich selbst verständlich zu machen weiß, wichtige Fingerzeige von Nachrichten, die weit über den Zeitpunkt schriftlicher Zeugnisse, und weit über die historische Gewißheit hinausreichen. Jedes Kind bringt das Andenken an die Kindheit der menschlichen Vernunft in Anregung, und die Hauptzüge derselben drängen sich Jedem auf, der Augen zu sehen, Ohren zu hören, ein Herz zu fühlen, und Vernunft zu ergänzen, zu vergleichen und zu verbinden hat. Mit Meinungen der Vorzeit kann uns nicht gedient seyn; und die Handvoll aufbehaltener Thatsachen sind so sehr mit jenen Meinungen in Verbindung, daß man ohne Philosophie bei den historischen Quellen der Vorzeit außerordentlich zu kurz schießt. Kann man ohne philosophischen Kopf bei den historischen Quellen auslangen? In uns liegt das Vermögen, aus jenen Bruchstücken der alten Welt, wo nicht ein Gebäude, so doch eine Hütte zu zimmern, und ein Ebenbild unseres Geistes, eine Einheit zu schaffen, die ohne Forscherblick weder in der Weltgeschichte, noch auch in der Geschichte jedes einzelnen Menschen, gefunden werden kann. Ohne diesen Geist der Wahrheit ist und bleibt jede Lebensbeschreibung ein Roman, der Verfasser gehe so offen zu Werke als möglich, oder verstecke sich unter die Bäume im Garten. — Zu Geschichtforschern, Auslegern des menschlichen Geistes, zu Seelengelehrten, zu Sehern, gehört Studium seiner selbst; und nur in dieser Rücksicht ist sich selbst zu kennen eine große Lehre! Nur ein Geschichtschreiber, der diese Salbung empfing, weiß die Reihe der Dinge zu übersehen, und Ursache und Wirkung unter Einen Hut zu bringen. — Es giebt historische Ergänzungen, wo uns so wenig ein lästiges Ungefähr untergeschoben wird, daß wir weder gerade noch seitwärts etwas gegen diese Ergänzungen einwenden mögen, wenn wir auch könnten. —

Seht! nicht Überlegenheit des Körpers, nicht Übermacht des Geistes gab dem Manne das Schwert in die Hand; die Lage der Sache begünstigte diesen Schritt. Über seinen Unterhalt bestand der Mann den Kampf mit seines Gleichen. Madam beschützte zwar anfänglich zu Hause ihre Kinder, und genoß die Ehre, in dieser Festung zu commandiren, und während der Feldzüge ihres Mannes Proviant und Montirungsstücke zu besorgen; indeß ward sie auch hier sehr bald von ihrem erstgebornen Sohn entsetzt, der, noch zu jung und zu ohnmächtig dem Heere seines Vaters zu folgen, sich hier zum Commandanten aufwarf, bis er, mit Vorbeigehung seiner Mutter, diesen Posten seinem zweiten Bruder anvertrauen konnte.