„Wie das? Die Generalversammlung bewilligte mir ja meinen Bezug — er beträgt fünfundzwanzig Stundenwerte täglich — nicht nach Laune und Gunst, sondern nach Notwendigkeit, d. h. nach demjenigen, was die Genossen für notwendig und nützlich in ihrem eigenen Interesse erachteten. Ich erhalte so viel, als die Mitglieder unserer Association bezahlen müssen, um einen Mann an ihre Spitze zu bekommen, wie sie ihn brauchen. Es ist ja möglich, daß sie sich über meine Befähigung nach der einen oder nach der andern Seite in einem Irrtume befinden, mich überschätzen oder vielleicht nicht hoch genug schätzen; aber von dieser ihrer Meinung über das Ausmaß meiner Geschicklichkeit und nicht von ihrer Gunst hänge ich ab. Die Direktorengehalte richten sich, wie alle wirtschaftlichen Angelegenheiten Freilands, ausschließlich nach dem Gesetze von Angebot und Nachfrage. Glauben Sie denn, daß Ihre Bezüge deshalb ungefähr zweifach so hoch als die eines gewöhnlichen Arbeiters bemessen werden, weil es irgend jemandes Absicht ist, Ihnen mehr zuzuwenden als jenem? Erhielten wir Leute von Ihrer Befähigung zum selben Preise wie gewöhnliche Arbeiter, so müßten und würden Sie sich mit demselben Gewinn zufrieden geben. Ihre Kraft ist die seltenere, d. h. wohlverstanden trotz des geringeren Bedarfes nach solcher Kraft noch immer verhältnismäßig die seltenere und deshalb wird Ihnen gezahlt, was gezahlt werden muß. Genau das nämliche gilt für mich. Wenn Männer meiner Erfahrung und Geschäftskenntnis um denselben Preis zu haben wären wie gewöhnliche Handlanger, so müßte ich mich mit dem Gewinn eines Handlangers zufrieden geben.“

„Sie würden aber“ — so meinte ich nun — „auch in diesem Falle vorziehen, die Direktionsgeschäfte zu leiten, statt gewöhnliche Handlangerdienste zu verrichten; ebenso würde ich meinen Beruf demjenigen eines Handarbeiters vorziehen, auch wenn dabei nicht der geringste materielle Mehrgewinn für mich heraussähe, und ich glaube deshalb, daß es sehr wohl möglich wäre, alle Unterschiede des Einkommens zu beseitigen, wenn nur grundgesetzlich bestimmt würde, daß mit Bezug auf die Gewinnbeteiligung niemand vor dem andern etwas voraus haben dürfe.“

„Letzteres ist vor allem unrichtig,“ antwortete der Direktor. „Damit hätten Sie bloß die verschiedenen Fähigkeiten, nicht aber die verschiedenen Grade des Fleißes auf denselben Gewinn gesetzt. Oder halten Sie es vielleicht auch für notwendig, den Faulen und den Fleißigen gleich zu bedenken? Wollen Sie etwa damit helfen, daß Sie den Ertrag mechanisch nach der bloßen Dauer der Arbeit bemessen? Wer würde dann ohne Zwang die schwereren, unangenehmeren Arbeiten leisten? Oder ziehen Sie solchen Zwang der Ungleichheit vor? Sie schütteln den Kopf; warum wollen Sie dann den Klugen und den Einfältigen zwangsweise auf dieselbe Stufe stellen? Aber zugegeben selbst, daß dies gerecht wäre, so ist es doch nicht möglich, zum mindesten nicht möglich, ohne den Wohlstand aller in einer solchen Weise zu schädigen, daß auch die Ungeschickten bei aller Gleichheit um vieles schlechter führen als bei der thatsächlich herrschenden Ungleichheit. Ich bemerke vor allem, daß es durchaus nicht so ausgemacht ist, daß sich alle Geschickten um verantwortliche Stellungen sonderlich lebhaft bewerben würden, wenn dabei nichts zu erlangen wäre, denn eine Schande ist bei uns auch ordinäre Handarbeit nicht. Jedenfalls ist der dem Geschickteren eingeräumte höhere materielle Vorteil das sicherste Mittel, ihn an jene Stelle zu setzen, wo er den größten Nutzen stiften kann. Es giebt ja schließlich auch verschiedenartige Ehrenstellen, und ich weiß z. B. für meinen Teil wirklich nicht, ob mir eine Lehrkanzel an unserer technischen Hochschule nicht lieber wäre als diese meine Direktorstelle. Es scheint aber, daß mein Organisationstalent hier zu besserer Verwertung kommt als dort der Fall wäre, und der höhere Gewinn, den mir unsere Association zugesichert hat, ist das einzige Mittel, um mich in dieser Stellung, wo ich nützlich bin, festzuhalten.

„Dem allen sei jedoch wie immer: zwangsweise herbeigeführte Gleichheit widerspricht jedenfalls dem Grundsatze der Freiheit. Mit welchem Rechte soll die Gesamtheit verbieten, daß eine Vereinigung freier Männer die Ergebnisse ihrer Arbeit solcherart untereinander teile, wie sie es ihrem Interesse am besten entsprechend erachtet, wenn sie nur dabei niemandes Recht kränkt? Meine Genossen finden ihren Vorteil darin, daß gerade ich an ihrer Spitze stehe; wer darf sie hindern, dafür, daß ich ihren Vorteil wahrnehme, auch ihrerseits mir einen Vorteil einzuräumen?“

Da es meinem freundlichen Chef sichtlich Vergnügen zu machen schien, meine Zweifel zu zerstreuen, so nahm ich mir den Mut, noch eine Frage an ihn zu richten.

„Daß auch zwischen den Leistungen der gewöhnlichen Arbeiter Unterschiede gemacht werden, ist mir nach dem soeben Gehörten vollständig begreiflich, und über die Zuschläge für Vormänner und Gießer, die entweder anstrengendere oder schwierigere Verrichtungen haben mögen als die anderen, ist nichts weiter zu bemerken. Ebenso leuchtet mir ein, daß Nachtarbeit höher honoriert werden muß, sofern man überhaupt ihrer bedarf, da sich ja andernfalls niemand zu ihr herbeiließe; aber in dem Alterszuschlage, so gerechtfertigt derselbe auch sein mag, scheint mir eine Gefahr zu liegen. Da die Statuten, wie mir bekannt ist, in den Generalversammlungen gemacht werden, so liegt es in der Hand jeder Arbeiterschaft, dadurch, daß sie diese Alterszuschläge recht hoch feststellt, den Zuzug neuer Arbeitskräfte zu erschweren. In unserem Statut sind zwei Prozent für das Jahr angesetzt; das ist jedenfalls gerechtfertigt, denn um mindestens zwei Prozent wächst von Jahr zu Jahr die Geschicklichkeit und Erfahrung eines Arbeiters; ein Mann, der fünfundzwanzig Jahre bei uns thätig war, erhält zwar solcherart um fünfzig Prozent mehr als der an seiner Seite arbeitende Neuling, aber es unterliegt keiner Frage, er leistet auch entsprechend mehr. Wie aber, wenn es etwa unseren Arbeitern plötzlich beifiele, den Alterszuschlag von zwei auf fünf, vielleicht auf zehn Prozent oder darüber jährlich festzusetzen? Dann bekäme ein Mann, der zehn Jahre hier ist, zweimal so viel, und wenn er zwanzig Jahre hier ist, dreimal so viel als ein Neuling von im übrigen gleicher Fähigkeit. Und das würde meines Erachtens dieselbe Wirkung haben, als ob sich unsere Arbeiter gegen jeden neuen Zuzug abschlössen. Wer hindert unsere selbstherrlichen Arbeiter an solchen Beschlüssen?“

„Niemand,“ war die Antwort. „Es wäre ganz gut denkbar, daß in einer unserer nächsten Generalversammlungen ein solcher Beschluß gefaßt wird; doch verlassen können Sie sich darauf, daß er nicht lange in Kraft bestehen würde, denn so gut eine morgen einzuberufende Generalversammlung beschließen kann, daß der Alterszuschlag zehn Prozent für das Jahr zu betragen habe, ebensogut kann eine übermorgen einberufene Generalversammlung diesen Beschluß wieder umstoßen und Sie können leicht erraten, was für eine Majorität es wäre, die diesen Widerruf beschlösse. Die freiländische Freizügigkeit bietet Schutz auch gegen derartige Ausschreitungen des fessellosen Eigeninteresses. Im übrigen liegt es sogar im Interesse der älteren Arbeiter selbst, den Alterszuschlag nicht so hoch zu bemessen, daß dadurch der Zufluß neuer Arbeitskräfte unterbunden werde. Der Alterszuschlag hat doch nur dann überhaupt Sinn und Bedeutung, wenn er denjenigen, die ihn genießen, einen Vorzug vor anderen einräumt, die seiner noch nicht oder nicht im selben Maße teilhaftig sind. Nehmen wir an, daß eine Million unter tausend Genossen zu verteilen ist, so bleibt es sich für dieselben ganz gleich, ob sie bestimmen, daß jeder eine Einheit erhalten solle, oder ob sie sich ein jeder zwei Einheiten zu diktieren. Im erstern Falle wird die Einheit tausend, im zweiten fünfhundert sein. Erst wenn mit dem Hinzutritt neuer Genossen die zu verteilende Summe entsprechend gewachsen ist, hat es einen Sinn, wenn den älteren Teilnehmern ein Vorzug eingeräumt wird. Die alten Arbeiterschaften sehen also schon im eigenen Interesse darauf, bei der Bemessung ihrer Vorzugsrechte gegen das, was im Sinne der öffentlichen Meinung für recht und billig gilt, nicht zu verstoßen.“

„Doch nun ist’s genug geplaudert. Ich will Sie jetzt Ihrem zukünftigen Bureauvorstande vorstellen und Sie können dann, wenn es Ihnen paßt, morgen schon Ihre Arbeiten beginnen.“ Damit erhob sich mein freundlicher Chef und lud mich mit einer Handbewegung ein, ihm zu folgen.

Siebentes Kapitel.
Warum Freiland so viel Maschinen verwendet und woher es sie nimmt.

Wir durchschritten eine Reihe von Korridoren und betraten endlich das Arbeitskabinett des Oberingenieurs der Anstalt. Derselbe machte auf mich den Eindruck eines Menschen, mit dem ich vor kurzem noch vertrauten Umgang gepflogen haben mußte; doch paßte der Bart und das äußere Wesen nicht ganz zu meinen Erinnerungen, so daß ich nicht recht wußte, wo ich den Mann unterbringen solle. Er aber erkannte mich sofort, und mich mit einem Freudenrufe in die Arme schließend, erklärte er dem Direktor: „Das ist derselbe Robert N., von dem ich Ihnen schon wiederholt erzählte, daß sein Enthusiasmus es gewesen, was zuerst in mir die Begeisterung für die sociale Freiheit erweckte und was mich schließlich hierherbrachte. Es sind jetzt vier Jahre her, daß wir auf der Polytechnik voneinander Abschied nahmen; er hat sich gar nicht verändert, aber ich bin inzwischen wohl stark verfreiländert, so daß er mich nicht sofort erkannte.“