Der Direktor, der seine fernere Anwesenheit für überflüssig hielt, nahm mit einigen herzlichen Worten bald Abschied. Ich blieb mit meinem Freunde allein. „Schon seit langem“ — so wandte er sich an mich — „habe ich dich erwartet. Daß du kommen würdest, war mir unzweifelhaft, und regelmäßig durchforschte ich die von unserm statistischen Amte veröffentlichten alphabetisch sowohl als nach Berufen und Ursprungsorten geordneten Listen der Einwanderer. Dein Absteigequartier wirst du natürlich sofort verlassen und bis auf weiteres unser Gast sein. Du mußt nämlich wissen, daß ich seit zwei Jahren verheiratet bin. Über meine Frau erzähle ich dir nichts, du wirst sie sehen. Jetzt aber laß uns hier unsere Geschäfte erledigen und dann so rasch als möglich heim zu meiner Wera, die längst begierig ist, dich kennen zu lernen. Also zunächst Vorstellung bei den Kollegen, dann kurze Besichtigung der Werkstätten. Doch halt; beinahe hätte ich vergessen, dein Reisegepäck aus dem Hotel in unsere Wohnung schaffen zu lassen. Dein Hotel ist?“ —
Ich nannte den Namen und hörte, wie mein Freund — wir wollen ihn mit seinem Taufnamen Karl nennen — der Edenthaler Transportgesellschaft telephonisch den Auftrag gab, den fraglichen Umzug zu bewerkstelligen. Dagegen Einsprache zu erheben, hätte ich angesichts des Umstandes, daß wir einst die innigsten Freunde gewesen und daß diese Freundschaft in der Zwischenzeit nicht erkaltet zu sein schien, für überflüssige Ziererei gehalten.
Über den Empfang, der mir von meinen nunmehrigen Kollegen zu teil wurde, will ich mich nicht weiter verbreiten, sondern nur bemerken, daß mich dessen ausnehmende und sichtlich aufrichtig gemeinte Herzlichkeit sehr angenehm überraschte. Auf eine Bemerkung, die ich diesfalls Karl gegenüber machte, nahm er mich lächelnd bei der Schulter und meinte: „Ja, Herzbruder, wir sind eben in Freiland. Warum sollten sich die Jungens nicht freuen, einen Kollegen zu erhalten, dem man’s am Gesichte absieht, daß er ein prächtiger Mensch ist? Braucht sich hier einer zu fürchten, daß ihm deinetwegen der Brotkorb höher gehängt wird? Brauchen sie in dir ein Protektionskind zu wittern, das ihnen den Rang abläuft? Kann ja sein, daß der eine oder der andere sich sagt: ‚Der sieht mir ganz danach aus, als ob er’s weiter bringen würde als ich.‘ Aber was schadet das ihnen? Je tüchtiger du bist, desto besser für uns alle. Hier wirst du niemand zum Feinde haben, es sei denn, daß du ihm wirklich etwas zuleide thust, wozu aber wieder für dich kein Anlaß vorliegen wird.“
Was mich in den Werkstätten, die wir hierauf betraten, mit staunender Bewunderung erfüllte, das war weniger ihre Großartigkeit an sich als die Vollendung der maschinellen Einrichtungen in Verbindung mit geradezu raffinierter Vorsorge für Bequemlichkeit, Gesundheit und Sicherheit der Arbeitenden. Gleich große Gewerke giebt es vereinzelt auch in Europa, aber es giebt außerhalb Freilands keines, in welchem die Maschinenkraft so durchgängig die menschliche Kraft steigert und ersetzt. Die Apparate, die ich hier sah, verhielten sich zu den besten, die ich bis dahin kennen gelernt, ungefähr ähnlich wie diese zu der Einrichtung einer gewöhnlichen Maschinenschlosserei. Der Mensch war hier in Wahrheit nur der Aufseher, welcher die Arbeit der Elemente überwachte und leitete.
Auf eine Bemerkung, die ich diesfalls Karl gegenüber machte, meinte er: „Das ist ja ganz natürlich; derart vollkommene Maschinen kann es in Europa gar nicht geben, weil sie dort unrentabel wären, genau aus dem nämlichen Grunde, der z. B. ein englisches oder französisches Etablissement in China unrentabel machen würde. Was sind denn Maschinen? Ergebnisse vergangener Arbeit, mit deren Hilfe gegenwärtige und zukünftige Arbeit erspart werden soll. Nun besteht in Europa zwischen dem Werte des Arbeitsergebnisses und demjenigen der Arbeitskraft ein bedeutender Unterschied, denn die gegenwärtige und zukünftige Arbeit, welche durch die Maschine erspart werden soll, erhält bloß nackten Arbeitslohn, während an der Maschine, dem Ergebnisse vergangener Arbeit, außer dem zu ihrer Herstellung erforderlich gewesenen Arbeitslohne auch noch Unternehmergewinn, Grundrente und Kapitalzins haften. Bei uns existiert dieser Unterschied nicht, hier hat der Arbeitstag, den ich erspare, für mich genau den nämlichen Wert wie der Arbeitstag, den die Maschine zu ihrer Herstellung beanspruchte, denn beide sind so viel wert, wie das durch sie hergestellte Erzeugnis, und für mich rentiert sich daher die Verwendung jeder Maschine, die überhaupt technisch brauchbar ist, d. h. die mehr menschliche Arbeitskraft erspart, als sie zu ihrer Herstellung selber in Anspruch nimmt, während in Europa bloß jene verhältnismäßig wenigen Maschinen rentabel sind, die so viel mehr Arbeit ersparen, daß durch dieses Mehr der Unterschied im Werte zukünftiger und vergangener, bereits in Warenform krystallisierter Arbeit aufgewogen wird. Sieh z. B. hier diese Wägemaschine! Sie kostet 12000 Pfund Sterling und muß binnen zehn Jahren amortisiert sein, sie beansprucht also jährlich 1200 Pfund Sterling; aber sie ersetzt die Arbeit von zehn Menschen und ist daher für uns hoch rentabel, denn zehn Freiländer — und wären es auch bloß ganz gewöhnliche Handlanger — beanspruchen per Mann mindestens 350 Pfund, zusammen also 3500 Pfund Sterling im Jahr, die Maschine erspart uns folglich reine 2300 Pfund jährlich. Unsere Konkurrenzinstitute in Europa hingegen können diese Maschine nicht verwenden; sie würden zu Grunde gehen, wenn sie es thäten; denn sie können unmöglich 1200 Pfund Sterling jährlich aufwenden, um zehn europäische Jahreslöhne zu ersparen, sintemalen diese zehn Jahreslöhne nach europäischem Zuschnitt, hoch gerechnet, 600 bis 700 Pfund Sterling jährlich beanspruchen und es doch nicht angeht, 1200 Pfund aufzuwenden, um 600-700 Pfund zu ersparen. In China ist es natürlich noch ärger; dort kann man, um zehn Arbeiter zu ersparen, nicht einmal 60-70 Pfund im Jahre aufwenden, denn dort betragen zehn Jahreslöhne nicht einmal 60-70 Pfund Sterling.“
Daß das den Thatsachen vollkommen entspräche, mußte ich zugeben, wie denn überhaupt erst dieser Gesichtspunkt erklärt, warum gerade die Länder mit den miserabelsten Arbeitslöhnen in der großen Fabriksindustrie die geringste Konkurrenzfähigkeit besitzen. Es ist also einleuchtend, daß das Gesetz, welches mir hier mein Freund entwickelte, richtig sein muß. Aber ich glaubte doch, behufs vollständiger Klarstellung des Sachverhalts, die Einwendung machen zu dürfen, wie mir scheine, daß die Länder mit höherem Arbeitslohne die Maschinen teuerer in Händen haben müßten als diejenigen mit billigem Arbeitslohne. Die Maschine, so meinte ich, ist doch selber das Ergebnis menschlicher Arbeitskraft, und wo die Arbeitskraft hohe Entlohnung findet, dort muß das, was durch sie hervorgebracht wird, eben teuerer sein.
„Das Gegenteil ist richtig,“ erklärte Karl. „Zunächst bitte ich dich zu bedenken, daß, wie ich bereits hervorgehoben habe, am Preise der Maschine in Europa außer dem Arbeitslohn auch noch Grundrente, Kapitalzins und Unternehmergewinn haften; du mußt dem Eigentümer des Bodens, auf welchem das Erz und die Kohle geschürft, das Holz geschlagen wurde, für die hierzu erteilte Erlaubnis Rente zahlen, du mußt dem Kapitalisten das zur Herstellung der Maschine erforderlich gewesene Kapital verzinsen und außerdem selber Zins bezahlen oder dir selber Zins anrechnen für das in die Maschine gesteckte Kapital, und schließlich will auch der Unternehmer, der sogenannte Arbeitgeber, in Europa seinen Gewinn haben. Diese verschiedenen Zuschläge zum Arbeitslohn sind verhältnismäßig desto größer, je geringer der letztere ist, und das erklärt, warum die Erzeugnisse von Ländern mit billigem Arbeitslohne im Durchschnitt doch nicht billiger sind als diejenigen der Länder mit hohem Arbeitslohne; der Wert des Produktes ist in beiden derselbe, aber dieser Wert wird nach anderem Verhältnisse zwischen den Arbeitern und den Ausbeutern geteilt, die letzteren erhalten mehr, wo die ersteren mit wenigerem zufrieden sind ...“
„Also glaubst du“ — unterbrach ich hier den Freund — „daß die besitzenden Klassen in den Ländern, wo mäßiger Arbeitslohn herrscht, besser daran sind als dort, wo der Arbeitslohn hoch ist? Das scheint mir den Thatsachen zu widersprechen, denn in China z. B. sind auch die Besitzenden ärmer als in England.“
„Richtig,“ antwortete Karl. „Und das erklärt sich daraus, daß in England viel mehr produziert wird als in China. Vom einzelnen Stücke derselben Ware haben freilich Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer in China mehr als in England, aber auf ein Stück, welches sie erzeugen und absetzen können, kommen in England zehn, was gleichfalls selbstverständlich ist, wenn man sich nur daran erinnert, daß zehnfach besser bezahlte Arbeiter zehnfach mehr konsumieren und daß zehnfacher Konsum zehnfache Produktion voraussetzt. Und deshalb, weil sie einen zwar verhältnismäßig geringeren Gewinnanteil, diesen aber von einer so vielfach größeren Menge von Gütern erzielen, sind die Besitzenden in England reicher als in China, abermals nichts mehr als selbstverständlich, wenn man erwägt, daß aller Besitz der Besitzenden der Hauptsache nach aus dem Eigentum an den Produktionsmitteln besteht und daß dort, wo die Massen mehr konsumieren, die Reichen notwendigerweise mehr Produktionsmittel besitzen.
„Doch lasse mich fortfahren, wo du mich unterbrachst. Bei uns in Freiland giebt es überhaupt keine besitzende Klasse, die davon lebt, was sie den Arbeitenden vom Vollertrage ihrer Arbeit vorenthält, und hier braucht deshalb der Preis der verfertigten Güter erst recht nicht höher zu sein. Aber was mehr ist, er kann in der Regel sogar niedriger sein, und trotzdem entfällt auf unsere Arbeitenden nicht bloß soviel, wie auf die Arbeitenden und die Besitzenden zusammengenommen in Europa, sondern noch wesentlich mehr. Denn genau das nämliche, was von den Dingen gilt, die wir mit Hilfe dieser Maschine hier herstellen, daß wir nämlich zu ihrer Erzeugung viel mehr und vollkommenere Maschinenkraft aufwenden können, als in Europa möglich ist, genau das nämliche gilt ja auch bei Herstellung dieser Maschine selbst; auch sie wurde hier hergestellt unter Aufwendung von weit mehr und vollkommenerer Maschinenkraft, als in Europa möglich gewesen wäre. Wie ich dir gesagt habe, kostet diese Maschine 12000 Pfund Sterling; sie wurde vor zwei Jahren gekauft und zu jener Zeit war der durchschnittliche Jahreslohn eines freiländischen Arbeiters 300 Pfund Sterling. Sie mitsamt den zu ihrer Herstellung erforderlich gewesenen Rohmaterialien und Betriebsmitteln ist also das Jahresprodukt von vierzig freiländischen Arbeitern gewesen. In Europa hätte man nun wesentlich größeren Arbeitsaufwand zu selbem Zwecke notwendig gehabt, und du siehst also, daß diese Maschine hier billiger verkauft werden kann als in Europa, auch wenn die dabei beschäftigten Arbeiter ein Vielfaches dessen bezögen, was in Europa Arbeiter, Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer zusammengenommen erhalten. Wir erzeugen im Durchschnitt viel wohlfeiler als Europa, aber wir erzeugen unendlich mehr, und alles, was wir erzeugen, gehört uns, den Arbeitern.“