Nachdem wir eine Reihe von Werkstätten durchschritten hatten, forderte mich mein Freund auf, die Anstalt nicht durch den Haupteingang, sondern von rückwärts zu verlassen, da er unterwegs nachsehen wolle, ob bei den dort im Zuge befindlichen Erweiterungs- und Neubauten alle seine Anordnungen pünktlich befolgt würden.
„Wir sind nämlich im Begriffe,“ fügte er erläuternd hinzu, „unsere Anlagen wesentlich zu erweitern.“
Auf der Baustätte angelangt, erregten die mannigfaltigen, in Europa ganz ungebräuchlichen maschinellen Hilfsvorrichtungen, die ich hier allenthalben von Maurern und Steinmetzen verwendet sah, mein Erstaunen. Auf elektrischen Bahnen wurden die Ziegel herbeigerollt, durch bewegliche elektrische Krahne unmittelbar aus den Waggons in die verschiedenen Stockwerke gehoben und dort durch automatisch bediente Paternosterwerke den Arbeitern zugeführt, so daß diese im Grunde genommen die Maschinen bloß zu beaufsichtigen hatten, während der Bau der Hauptsache nach von diesen vollführt wurde. Zugleich aber fiel mir die Großartigkeit der Neuanlagen auf. „Da stecken wir aber ein schönes Geld hinein,“ interpellierte ich Karl, „und das alles liefert das Gemeinwesen; von wo dieses die erforderlichen Summen nur nehmen mag?“
„Aus dem Ertrage unserer Abgaben, lieber Freund. Im Vorjahre haben 650000 freiländische Arbeiter Güter im Werte von rund 360 Millionen Pfund Sterling produziert und davon hat das Gemeinwesen nicht weniger als 125 Millionen Pfund Sterling für seine Zwecke zurückbehalten. Außerdem haben die Associationen als Abzahlung auf die in früheren Jahren empfangenen Darlehen ungefähr zwanzig Millionen Pfund Sterling geleistet, so daß alles in allem 145 Millionen in die Kassen unseres Staates flossen. Natürlich kann nur ein Teil dieser Summe für Neuanlagen verfügbar sein, da doch das Gemeinwesen auch seine eigenen Aufgaben zu erfüllen hat; aber du begreifst, daß sich aus solchen Beträgen schon etwas leisten läßt.“
„Allerdings,“ entgegnete ich. „Aber da, wie ich weiß, jeder Association das Recht zusteht, zu verlangen, was sie nur immer will, ist mir doch nicht klar, wie selbst mit solchen Riesensummen das Auslangen gefunden wird, denn die Wünsche sind ja grenzenlos und alle Einkünfte haben denn doch eine, wenn auch noch so weit gesteckte Grenze.“
„Jawohl,“ antwortete Karl, „die Wünsche sind grenzenlos, aber nur dann, wenn man seine Wünsche nicht zu bezahlen braucht. Wir bekommen ja die Kapitalien nicht geschenkt, sondern nur vorgestreckt, zwar zinslos vorgestreckt, aber doch gegen Rückzahlung.“
„So leicht bringst du mich nicht zum Schweigen,“ entgegnete ich. „Ihr werdet, da ihr es abzahlen müßt, gewiß kein Kapital zu unvernünftigen Zwecken, wenigstens nicht absichtlich, verlangen; aber jede Maschine, die menschliche Arbeitskraft erspart, ist doch, wie du mir soeben auseinandergesetzt hast, hierzulande rentabel, und wenn ich daher fordern kann, so viel ich will, mache ich mich anheischig, die 2900 Millionen Mark eueres derzeitigen Jahresbudgets für ein einziges großes Institut zu verbrauchen.“
„Das möchtest du wohl bleiben lassen, lieber Freund,“ lachte Karl. „Du vergißt die Kleinigkeit, daß Anlagen und Maschinen, um rentabel zu sein, nicht bloß Arbeitskraft ersparen müssen, sondern daß sich auch Verwendung für die durch sie erzielten Produkte finden muß. Würdest du diesen Neubau da befürworten, wenn du nicht darauf rechnen dürftest, daß die Waren, die du in ihm erzeugen willst, sich verkaufen lassen? Frage doch die Millionäre und Milliardäre in Europa und Amerika, ob sie alles bauen können, wozu sie Kapital haben, und du wirst die Antwort erhalten, daß ihnen das ganz und gar unmöglich sei, weil sie sich in ihren Anlagen nach dem Absatze richten müssen. Nun wissen die Wackeren seltsamerweise allerdings noch immer nicht, daß ihr Absatz bloß deshalb so jämmerlich gering ist und bleiben muß — so lange die bürgerliche Wirtschaftsordnung nicht über den Haufen geworfen ist — weil die proletarischen Massen der bürgerlichen Welt von steigender Ergiebigkeit keinen Vorteil haben, also ihren Konsum, d. h. ihre Kaufkraft nicht erhöhen können. Bei uns wächst die Kaufkraft schritthaltend mit jeder Verbesserung der Produktion, aber deshalb ist es auch bei uns nicht minder richtig, daß die Produktion nur schritthaltend mit dem Verbrauche wachsen kann, d. h. daß Anlagen, für deren Ergebnisse die Abnehmer nicht gegeben sind, ein Unsinn wären. Ja, was mehr ist, bei uns ist diese Harmonie zwischen Wachstum des Absatzes und der Produktion eine noch viel vollkommenere als in der bürgerlichen Welt. Denn dort lassen sich die Unternehmer, gerade weil sie nicht wissen, was sie mit ihrem Kapitale anfangen sollen, häufig doch zu Anlagen verleiten, die niemand braucht, in der Hoffnung, daß es ihnen gelingen werde, den Konkurrenten die Kunden abzujagen. Häufen sich solche Unternehmungen, so ist eine Krisis die Folge. Bei uns ist das nicht denkbar, hier kann niemand absichtlich überflüssige Anlagen fördern oder errichten, weil ja niemand in Verlegenheit ist, wie er Kapital anwenden soll. Hier plant man nur solche Werke, deren Erzeugnisse Abnehmer finden, und diese Abnehmer fehlen natürlich, wenn das zur Herstellung der Anlagen erforderliche Kapital die Mittel der Gesamtheit übersteigt, weil ja in diesem Falle die Anlage auf Kosten des Konsums vor sich gehen müßte und ein solcher Versuch darauf hinausliefe, mehr zu erzeugen, weil man weniger gebrauchen kann.“
„Also bestreitest du“ — fragte ich — „jede Möglichkeit, daß zu Anlagezwecken mehr verlangt werden könnte, als überhaupt verfügbar ist? Wie kommt es dann, daß in der bürgerlichen Welt der Zinsfuß mitunter so enorm steigt? Hat das nicht darin seinen Grund, daß die Kapitalnachfrage zeitweilig das Kapitalangebot überwiegt? Du wirst wohl nicht leugnen, daß es in Europa und Amerika häufig nur dieses Steigen des Zinsfußes ist, was dem ferneren Wachstume der Kapitalnachfrage eine Grenze zieht und dadurch wieder das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkte herstellt. Uns in Freiland fehlt dieses Sicherheitsventil des Zinsfußes; wie soll ich mir erklären, daß trotzdem gerade hier das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Kapitalmarkte nicht gestört werden kann, sondern daß hier unter allen Umständen die Verwendung gerade jenes Kapitals rentabel sein muß, welches eben vorhanden ist? Denn wenn es unmöglich sein soll, mehr Kapital zu verlangen, als verfügbar ist, so muß es umgekehrt auch unmöglich sein, weniger zu verlangen. Wie ich mich auf der einen Seite frage, ob nicht durch übertriebene Kapitalansprüche die Leistungsfähigkeit unseres Gemeinwesens überschritten werden könnte, so drängt sich mir auf der andern Seite die Frage auf, was wir, wenn weniger Kapital gefordert wird, mit den überschüssigen Ersparnissen machen?“
„Ich will dir zunächst die Frage beantworten, mit welcher du geschlossen hast, weil damit eigentlich auch schon die Antwort auf alle früheren Fragen der Hauptsache nach gegeben sein wird. Wir können niemals mehr Kapital haben, als beansprucht wird, weil unsere Kapitalansammlung nicht dem Zufall überlassen ist, sondern planmäßig in Form einer Abgabenerhebung vom Staate vorgenommen wird. Die Höhe dieser Abgabe ist ja nichts unwandelbar von der Natur Gegebenes und es ist selbstverständlich, daß die Steuer stets so bemessen wird, um den gesamten Bedürfnissen des Gemeinwesens, unter denen eben die Kapitallieferung mit inbegriffen ist, zu genügen. Unsere Vertretungskörper machen auf Grund der an sie gelangenden Anmeldungen und der durch Erfahrung gegebenen Anhaltspunkte ihre Voranschläge über den voraussichtlichen Bedarf und bemessen danach die Höhe der Steuer. Nun sind dabei allerdings Irrtümer möglich, die Eingänge überschreiten in dem einen Jahre den Bedarf um einige Millionen, in einem andern können sie hinter dem Bedarfe zurückbleiben; aber solche Ungleichheiten haben eben nur zur Folge, daß im erstern Falle die Überschüsse auf das nächste Jahr übertragen werden, und im zweiten Falle ein Bruchteil der Anlagen um einige Wochen verschoben wird. Also ein Zuviel an verfügbarem Kapital ist unmöglich, da es doch ganz ersichtlich ausschließlich von unserem Belieben abhängt, nicht mehr zu verlangen, als wir brauchen.“