„Gestatte, daß ich dich einen Moment unterbreche. Ich sehe ein, daß unser freiländischer Staat niemals — von ganz vorübergehenden Ungleichheiten abgesehen — über mehr Kapital verfügen kann als gebraucht wird; aber das Kapital kann sich ja in den Händen des Publikums aufhäufen. Was geschieht mit dem, was die einzelnen erzeugen und nicht verzehren?“
„Das ist jedes einzelnen Sache; wer mehr erzeugt, als er gebrauchen will oder kann, der mag selber zusehen, was er mit dem Überschusse anfängt. Er wird ihn verschenken, in welchem Falle ihn eben ein anderer, der Beschenkte, verzehren dürfte, oder aufstapeln, in welchem Falle er für zukünftigen Verzehr bereitliegen wird, ja, er kann ihn, wenn er will, auch zu Kapitalanlagen im Auslande benutzen, so lange es ein solches Ausland giebt, d. h. so lange nicht alle Welt unsere Einrichtungen angenommen hat. Mit unserm Kapitalmarkte haben die Privatersparnisse unter keinen Umständen etwas zu thun, denn da hier der Kapitalbedarf, soweit er nur überhaupt vorhanden ist, durch die Gesamtheit zinslos gedeckt wird, so giebt es hierzulande niemand, der dem Kapitaldarleiher irgend einen Vorteil einräumen würde, und ohne einen solchen entäußert sich doch niemand seines Besitzes. Es giebt zwar auch hier eine Art von Privatersparnissen, die dem Kapitalmarkte in der nämlichen Weise zugeführt werden, wie das Erträgnis der allgemeinen Steuer; es sind das die Einzahlungen bei unserer Versicherungsanstalt, die du ja kennen lernen wirst. Aber gerade weil dieses vom Staate verwaltete Institut seine Prämieneinnahmen dazu verwendet, um einen Teil des Kapitalbedarfs zu decken, werden diese Prämieneingänge bei Zusammenstellung unserer staatlichen Voranschläge ebenso berücksichtigt wie die Steuereingänge, d. h. ihr voraussichtlicher Betrag wird vorweg beim Steuersatze in Abzug gebracht. Also auf unserm Kapitalmarkte kann unter keinen Umständen das Angebot größer sein als die Nachfrage. Damit ist aber der Hauptsache nach auch die Frage beantwortet, warum bei uns jener Kapitalmangel nicht eintreten kann, der sich zeitweilig in der bürgerlichen Welt zeigt. Denn beachte wohl, auch dort ist der Kapitalmangel eine bloß zeitweilige Erscheinung, hervorgerufen durch den Umstand, daß die dem Zufall überlassene Kapitalbildung der Zeit nach nicht immer genau Schritt hält mit dem Bedarfe, zu dessen Deckung sie bestimmt ist. Wir überlassen die Kapitalbildung nicht dem Zufall, und wenn daher der Bedarf steigt, so bilden wir eben mehr Kapital, d. h. wir erhöhen den Steuersatz in entsprechender Weise.
„Schließlich aber möchte ich mich dagegen verwahren, als ob der Sinn meiner Behauptungen dahin ginge, es sei ganz und gar und unter allen Umständen undenkbar, daß bei uns mehr Kapital gebraucht werden könnte als das Gemeinwesen beizusteuern vermag. Es ist allerdings richtig, daß Arbeitsinstrumente, für deren Ergebnisse keine Abnehmer vorhanden wären, unrentabel sind und daher gar nicht gefordert werden; ebenso richtig aber ist es, daß auch die Herstellung solcher Arbeitsinstrumente, für deren Erzeugnisse die Abnehmer gegeben wären, das Vorhandensein eines gewissen Ausmaßes von Reichtum zur Voraussetzung hat. Und es fragt sich daher immer, ob die erste oder die zweite Grenze der Kapitalbeschaffung praktisch zu berücksichtigen ist. Wenn ich eine Fabrik bauen will, so handelt es sich auf der einen Seite für mich darum, ob ich darauf rechnen darf, Abnehmer für meine Erzeugnisse zu finden, und ich werde gewiß nicht bauen, wenn diese Abnehmer fehlen; ebenso aber handelt es sich auf der andern Seite für mich darum, woher ich das Kapital für meine Fabrik nehmen soll, auch wenn die Abnehmer für deren Erzeugnisse vorhanden wären. Welche Frage ist nun die praktisch zu berücksichtigende? Für den reichen Mann die erste, für den armen die zweite. Wir sind jetzt so reich, daß uns die Beschaffung aller wirklich rentablen Arbeitsinstrumente keinerlei Sorge mehr machen kann; das äußerste, wozu eine größere Anspannung unserer Unternehmerthätigkeit führen mag, ist eine vorübergehende Erhöhung des Steuersatzes; und unter allen Umständen gilt jetzt für uns der Grundsatz, daß die Steuer sich nach dem Kapitalbedarfe zu richten hat. Für den Anfang, als wir noch arm waren, verhielt es sich aber thatsächlich umgekehrt; damals war unsere Leistungsfähigkeit so gering, daß wir selbst bei höchster Anspannung unserer Sparkraft nicht alles mit einem Schlage herstellen konnten, was damals schon rentabel gewesen wäre; wir mußten uns folglich damals an den entgegengesetzten Grundsatz halten, die Anlagen nach unserer Leistungsfähigkeit einrichten.“
„Und wie thatet ihr das?“
„Indem wir für die Zeit des Überganges, nämlich bis zu dem Zeitpunkte, wo unsere Leistungsfähigkeit die Höhe jedes irgend zu erwartenden Bedarfes nach rentablen Kapitalanlagen erreicht haben würde, unseren Behörden das Recht einräumten, unter den von den Associationen geforderten Krediten eine Auswahl zu treffen.“
„Und führte das nicht zu Reibungen zwischen den durch Kapitalbewilligung begünstigten und den durch Kapitalverweigerung benachteiligten Gesellschaften?“
„Nein. Unsere freiländische Freizügigkeit trägt in ihrem Schoße das Heilmittel selbst für solche scheinbare Abweichungen von dem allgemeinen Grundsatze der Gleichberechtigung. Da jedermann das Recht hat, jeder beliebigen Gesellschaft beizutreten, so war es den durch die Kapitalbewilligungen scheinbar begünstigten Gesellschaften unmöglich, den daraus erwachsenden Vorteil für ihre zufälligen Mitglieder allein zu behalten. Zunächst sorgte schon unsere Centralverwaltung dafür, die Auswahl der bewilligten Kredite derart zu treffen, daß die Ausgleichung der dadurch bewirkten einseitigen Produktionssteigerungen möglichst glatt vor sich gehen könne. Es wurde z. B., wenn nur irgend möglich, darauf gesehen, daß stets die Gesellschaften des gleichen Arbeitszweiges gleichmäßig behandelt wurden. Das heißt z. B., da es nicht möglich war, die Landwirtschaft und die Industrie gleichzeitig mit verbesserten Maschinen auszustatten, so bewilligte man die zur Anschaffung dieser verbesserten Maschinen erforderlichen Kredite nicht einzelnen Landwirten und einzelnen Industriellen, sondern in erster Linie bloß den Landwirten und zwar auch diesen nicht in der Weise, daß zuerst die eine landwirtschaftliche Gesellschaft vollkommen mit allem ausgestattet wurde, was sie verlangte, und dann erst die anderen an die Reihe kamen, sondern derart, daß man beispielsweise zuerst allen die Mittel zur Anschaffung des gleichen verbesserten Pfluges, dann die Mittel zur Anschaffung verbesserter Dreschmaschinen u. s. f. bewilligte. Das hatte zur Folge, daß die Produkte der begünstigten Gesellschaften, also sagen wir die landwirtschaftlichen Produkte, im Preise entsprechend zurückgingen, derart, daß die scheinbar Hintangesetzten zwar ihre Produktion nicht zu steigern vermochten, während dies bei den Begünstigten der Fall war, daß aber die Tauschkraft des da und dort erzielten Tagesproduktes doch die nämliche blieb. Hatte z. B. früher ein Paar Schuhe den Wert eines Metercentners Getreide gehabt, weil beide zu ihrer Erzeugung je einer Tagesarbeit bedurften, so erhielt nun der Schuster für sein Paar Schuhe zwei Metercentner, weil die Schuhe noch immer einer Tagesarbeit für das Paar bedurften, während in der Landwirtschaft auf das Tagwerk zwei Metercentner entfielen. Aber durchweg ließ sich natürlich mit dieser Form der Ausgleichung nicht das Auslangen finden. Störungen derselben durch den Einfluß des Außenhandels auf die Preise waren nicht zu vermeiden und ebensowenig konnte der Grundsatz streng eingehalten werden, die Gesellschaften des gleichen Arbeitszweiges in allen Stücken gleichmäßig zu behandeln. Hier half nun zunächst das Zu- und Abströmen von Arbeitskraft. Aber auch dieses Mittel hätte unter Umständen nicht volle Abhilfe geschaffen, zum mindesten nicht, ohne den Nutzen aus den ins Werk gesetzten Anlagen mitunter recht empfindlich zu beeinträchtigen. Wir konnten z. B., als im dritten Jahre des Bestehens von Freiland die Anlage elektrischer Kraftleitungen beschlossen wurde, diese unmöglich auch nur für die ganze Landwirtschaft gleichzeitig vornehmen, sondern es mußte notwendigerweise eine Reihenfolge auch unter den Landwirtschaftsgesellschaften eingehalten werden. Wenn ich mich recht erinnere, war die Gesellschaft von Obertana diejenige, die zuerst die elektrische Leitung, gespeist vom großen Kilolumifall, erhielt. Das setzte sie in den Stand, auf ihrem Gebiete mit zweitausend Arbeitern soviel zu erzeugen, als zuvor mit viertausend Arbeitern erzeugt worden war. Um jedoch diesen Vorteil voll auszunutzen, mußte sie ein Mittel finden, die bei ihr überschüssig gewordenen zweitausend Arbeiter zum Wegziehen zu veranlassen. Zwingen konnte sie die Leute dazu nicht; sie hätten, wenn sie geblieben wären, allerdings nicht unbeschäftigt bleiben müssen, man hätte die überschüssige Kraft dazu benutzt, um viermal zu pflügen, wo früher zweimal gepflügt wurde, die Felder sorgfältiger einzuhegen, zu bewässern u. s. w.; aber es ist natürlich, daß damit nicht sonderlich viel zu gewinnen gewesen wäre. Doch nicht genug daran; da die viertausend landwirtschaftlichen Arbeiter von Obertana infolge der elektrischen Kraftleitung immer noch mehr verdient oder sich weniger geplagt hätten als landwirtschaftliche Arbeiter in den anderen Gesellschaften des Landes, so hätte das sogar einen neuen Zuzug von Arbeitskraft dorthin gelockt, bis durch diesen neuen Zuzug der Arbeitsertrag auf das in Freiland dazumal, d. h. also ohne elektrische Kraftleitung erzielbare Maß gesunken wäre. Dieser allgemeine Durchschnitt hätte sich zwar höher gestaltet, da ja die in den anderen Associationen zurückgebliebenen Arbeiter dort pro Mann und Stunde etwas mehr hätten erzeugen können als zuvor; aber dieser Zuwachs wäre keineswegs so groß gewesen, wie die auf der andern Seite hervorgerufene Kraftvergeudung. Um dem vorzubeugen, gab es kein anderes Mittel, als daß die Leute von Obertana ganz aus freien Stücken dazu schritten, die aus der elektrischen Kraftleitung für sie erwachsenden Gewinne zwischen sich und den anderen landwirtschaftlichen Gesellschaften zur Aufteilung zu bringen. Demselben Beispiele folgten die anderen begünstigten Gesellschaften in der Reihenfolge der Begünstigung, die sie erfuhren, insolange, bis diese Begünstigung aufhörte, eine einseitige zu sein. Einige Industrien zogen es vor, die in ähnlicher Weise erzielten Überschüsse an die Kasse des Gemeinwesens abzuführen, aber nirgends hatte das Gemeinwesen den geringsten Anlaß, sich in diesen Ausgleichungsprozeß einzumischen, da es im ureigensten Interesse der Beteiligten selber lag, von dem ihnen zuteil gewordenen Vorteil nicht mehr zurückzuhalten, als ohne Heraufbeschwörung störender Arbeiterzuflüsse möglich war.
„Also es gab auch für uns eine Zeit, wo wir nicht jedem Kapitalbedarfe entsprechen konnten; das war damals, als die Ausrüstung mit arbeitsparenden Maschinen erst noch zu vollbringen und gerade deshalb unsere Leistungsfähigkeit noch sehr beschränkt war. Jetzt ist unsere Ausrüstung mit kraftersparenden Maschinen der Hauptsache nach durchgeführt, es kann sich nun bloß darum handeln, diese Maschinen zu verbessern und zu ergänzen; unsere Leistungsfähigkeit aber ist gerade dadurch unermeßlich groß geworden.
„Wenn du also siehst, daß wir von der ‚Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft‘ im Begriffe sind, neuerlich dreiviertel Millionen Pfund Sterling in Gebäuden, Maschinen und Werkzeugen anzulegen, so verlasse dich darauf, das geschieht nicht deshalb, weil wir diese dreiviertel Million wie unser übriges Anlagekapital zinslos vorgestreckt erhalten, sondern weil die Aufträge, die uns teils schon zugegangen, teils nach dem Aufschwunge des freiländischen Verkehrswesen mit Sicherheit zu erwarten sind, dringend nach solchen Neubauten verlangen.
„Doch jetzt trachten wir heimzukommen!“