Achtes Kapitel.
Ein freiländisches Hauswesen und das freiländische Versorgungsrecht.
Die elektrische Bahn beförderte uns mit Blitzesschnelle nach Edenthal und da Freund Karl sein Häuschen mit Rücksicht auf möglichste Bequemlichkeit der Verbindung gewählt hatte, setzte uns unser Waggon unmittelbar vor demselben ab. Wenige Sekunden später eilte uns die Hausfrau entgegen, die offenbar durch das Anhalten des elektrischen Wagens auf die Ankunft ihres Mannes aufmerksam gemacht worden war. Die Vorstellung erforderte nicht viel Zeit und da mich Karl in der That seiner Gattin gegenüber sehr oft erwähnt hatte, so waren wir bald gute Freunde.
Wir betraten das Haus, wo mir dessen verschiedene Räume gezeigt und die für mich bestimmten angewiesen wurden. „Ich habe,“ so erklärte mir Karl, „gleich bei Anlage des Baues für etwas Nachwuchs vorgesorgt, und wir haben daher jetzt, wo sich dieser Nachwuchs auf einen Knaben von vierzehn Monaten beschränkt, noch überflüssigen Raum. Du erhältst also ein Schlafgemach nebst Badezimmer, einen Empfangssaal und eine Gartenterrasse zu deinem ausschließlichen Gebrauch.“
Nun fiel mir plötzlich ein, daß es in Edenthal keine Dienstboten gäbe, und es tauchten in mir Skrupeln auf, ob ich nicht vielleicht meine Gastgeber gewaltig belästigen würde. Doch meine über diesen Punkt Frau Wera gegenüber vorgebrachten Entschuldigungen hatten das Mißgeschick, von ihr nicht verstanden zu werden.
„Robert“ — so erläuterte Karl ironisch — „scheint zu besorgen, daß ich oder du ihm die Kleider werden putzen müssen.“
Gegen diese Auslegung meiner Bedenken protestierte ich denn doch energisch, nicht ohne Genugthuung auf meine diesfalls schon im Hotel gewonnenen Erfahrungen mich stützend. „Ich kann mir wohl denken,“ meinte ich, „daß das Kleiderreinigen auch in den Privathäusern von Angestellten der Gesellschaft für persönliche Dienstleistungen besorgt wird; aber es mag vorkommen, daß man anderer Dienste bedarf; was thut man, um sich solche zu verschaffen?“
„Dasselbe, was du in diesem Falle im Hotel gethan hättest. Man klingelt und binnen längstens zwei Minuten steht ein dienstbeflissener Geist zur Verfügung.“
„Und wo hält sich dieser dienstbeflissene Geist vor dem Klingeln auf, um so rasch zur Hand zu sein?“
„In einer der Wachtstuben, welche die soeben von dir genannte Gesellschaft in allen Stadtteilen unterhält und mit deren einer alle Schellen eines jeden Edenthaler Hauses in Verbindung stehen. Jedes Gemach hat sein elektrisches Läutewerk, und wenn irgendwo geläutet wird, zeigt ein in der Wachtstube befindlicher Apparat die Hausnummer, ein anderer im Vorraum jedes Hauses die Nummer des Zimmers an, in welchem geläutet worden ist. Dein Klingeln wird uns also gar nicht stören, ja von uns nicht einmal gehört werden. Einer der wachthabenden Angestellten der Gesellschaft eilt auf dem Velocipede herbei, sieht im Vorraume deine Zimmernummer und begiebt sich dann direkt zu dir. Im übrigen wirst du, wenn du nicht sehr bequem bist, diese Klingel wenig gebrauchen. Denn die meisten regelmäßig wiederkehrenden Bedürfnisse, wie Säuberung der Kleider und Zimmer, Bereitung des Bades (das wir Freiländer nebenbei bemerkt täglich zu nehmen pflegen), Herrichten des Frühstücks-, Mittags- und Abendtisches u. dgl. werden von dieser Gesellschaft, ohne daß wir uns darum zu kümmern brauchen, mit größter Pünktlichkeit besorgt. Ich habe die Direktion schon davon verständigt, daß ein neuer Gast in mein Haus gezogen ist; binnen kurzem wird einer ihrer Beamten bei dir erscheinen und dich einem eingehenden Kreuzverhör über alle deine Gewohnheiten, Bedürfnisse und Wünsche unterziehen; hast du dem Manne einmal Rede und Antwort gestanden, so kannst du dich darauf verlassen, hier besser bedient zu werden als in irgend einem europäischen Gasthause.“
„Das ist ja wunderbar,“ mußte ich gestehn. „Ihr habt solcherart die vortrefflichste Bedienung ohne unsere europäische Domestikenmisere. Aber teuer muß die Sache sein, denn natürlich verlangen alle diese Angestellten und Arbeiter der Gesellschaft für persönliche Dienstleistungen jene Bezahlung, wie sie in Freiland allgemein üblich ist?“